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Landkreis Günzburg

23.01.2020

Wie ist es um den ÖPNV in der Region bestellt?

Die Haupteinnahmequelle für die Busunternehmen in der Region ist der Schülertransport.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Plus Warum der Landkreis ganz gut mit einer günstigen Lösung lebt. Welche Rolle Schüler spielen. Und wie der Flexibus Vorbild in ganz Deutschland werden könnte.

Acht Busunternehmer teilen sich im Verkehrsverbund Mittelschwaben (VVM) den Landkreis Günzburg auf. Die Haupteinnahmequelle in der ländlich geprägten Region ist der Schülertransport morgens, mittags und nachmittags. Martin Kreutner, der Geschäftsellenleiter des Verkehrsverbundes mit Sitz in Krumbach, beziffert den Anteil der Schüler am gesamten Fahrgastaufkommen mit „80 bis 85 Prozent“. Fast 100 Linien werden insgesamt angeboten: 88 im VVM-Bereich und sieben weitere über eine Kooperationsvereinbarung mit der Nahverkehrsgesellschaft Unterallgäu–Memmingen (NUM).

Die „Jedermann“-Fahrer, wie Kreutner die Gruppe außerhalb der Schüler bezeichnet, hat eine überschaubare Bedeutung. Die meisten bevorzugen das eigene Fahrzeug in dem Flächenlandkreis, weil sie unabhängig von Fahrplänen und Haltestellen sind und Waren im Kofferraum des Autos bequem transportiert werden können. Außerdem ist das Ende einer Autofahrt im Kreis nur selten mit einer langwierigen oder teuren Parkplatzsuche verbunden. Im Gegensatz zu Ballungsgebieten gibt es in der Region diesen Druck nicht.

83.850 Autos sind im Landkreis zugelassen

Die Bedeutung des Individualverkehrs im Kreis Günzburg kann man an folgenden Zahlen ablesen: Aktuell sind 83850 Autos im Landkreis zugelassen. Insgesamt gibt es einen Fahrzeugbestand von 130482. Das heißt: Hier parken und werden mehr Fahrzeuge bewegt als der Landkreis Einwohner hat. „Damit dürften wir im bayernweiten Vergleich ziemlich weit vorne liegen“, sagt VVM-Geschäftsführer Christoph Langer. Der Anteil des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) liegt im Landkreis tatsächlich um die zwei Prozent, sagen die beiden Herren.

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Das könnte höchstwahrscheinlich gesteigert werden, wenn es hier einen angebots- und keinen bedarfsorientierten Linienverkehr gäbe, wie das in anderen Gebieten der Fall ist. Doch ob die Erhöhung der Fahrgastzahlen signifikanter Natur wäre, das stellen Experten infrage. Garantiert aber würden die Aufwendungen in die Höhe schnellen: Aus einem „Transparenz-Register“ (www.oepnv-transparenzregister.de) werden die Kosten der ÖPNV-Aufwendungen für kreisfreie Städte und Landkreise ersichtlich. Auf jeden Günzburger Landkreisbürger – vom Säugling bis zum Greis – kommt damit rein rechnerisch im Jahr ein finanzieller Aufwand in Höhe von 5,18 Euro zu. In der Stadt Ulm liegt er bei 120 Euro pro Jahr und Einwohner. In der Stadt Augsburg beträgt er gar 147 Euro. Dafür können dann neben dem Bus ganz unterschiedliche Verkehrsmittel verwendet werden – etwa die Straßenbahn. Und die Verkehrsangebote sind durchgetaktet – unabhängig davon, wie gut sie nachgefragt sind. Dieses Grundsatzangebot geht ins Geld.

Der schwierige Anschluss an einen anderen Verkehrsverbund

Im mit dem Kreis Günzburg vergleichbaren Landkreis Aichach-Friedberg (ebenfalls ländlich strukturiert, etwa 10000 Einwohner mehr, zehn Kommunen weniger) liegen die ÖPNV-Kosten bei 32,84 Euro je Einwohner und Jahr. Das hat damit zu tun, erklären Langer und Kreutner, dass dieser Landkreis Mitglied im AVV (Augsburger Verkehrsverbund) ist. Das beschert den Kunden zwar ein größeres einheitliches Tarifgebiet. Allerdings fallen dafür auch entsprechende Kosten an. Deshalb tun sich die Verantwortlichen hier schwer, den Anschluss an einen anderen Verkehrsverbund voranzutreiben. Denn damit muss deutlich mehr Geld aufgebracht werden.

Der Nutzen indes scheint überschaubar, wie die Busunternehmer Josef Brandner (BBS) mithilfe von Pendlerstatistiken und dem „Regionalbericht für Bayern – Mobilität in Deutschland“ herausgefunden hat. Demnach pendeln nur sieben Prozent in den Bereich des AVV – und nur fünf Prozent nach Ulm, wo es den Donau-Iller-Nahverkehrsbund (DING) gibt.

900.000 Euro für den ÖPNV für den Landkreis Günzburg

Der VVM ist in einzelne Zonen aufgeteilt. Eine einfache Fahrt innerhalb einer Zone kostet 1,80 Euro. Der höchste Fahrpreis für elf Zonen beträgt 7,75 Euro. Für diesen Betrag könnten sich beispielsweise Passagiere aus Günzburg per Bus und mit einem Umstieg in Krumbach an den Allgäu-Airport in Memmingen bringen lassen. Mehr als dieser Betrag fällt auch nicht an, wenn Busgäste Augsburg, Kempten oder Ulm als Ziel haben. Nur: Dort ist es dann nicht möglich, ohne Zusatzticket auf ein anderes Verkehrsmittel umzusteigen.

Die ÖPNV-Ausgaben haben sich für den Landkreis Günzburg im vergangenen Jahr auf circa 900000 Euro belaufen. Die Busunternehmer arbeiten eigenwirtschaftlich und erhalten neben dem ÖPNV-Zuschlag keine zusätzliche Förderung. Die ÖPNV-Kosten des Landkreises gleicht der Staat zu einem überwiegenden Teil aus – sodass die Belastung des Landkreises letztlich rund 400000 Euro betragen hat.

Flexibus spielt zentrale Rolle in neuem Mobilitätskonzept

Auch der sogenannte Flexibus ist da bereits enthalten – ein bislang einmaliges Konstrukt. Die kleinen Busse sind im Landkreis Günzburg inzwischen seit über zehn Jahren unterwegs. Man kann sich gegen einen verkraftbaren Aufpreis im Vergleich zum VVM-Ticket den Bus quasi vor die Haustür bestellen und sich punktgenau absetzen lassen. Außerdem werden die bestehenden Linien bedient – sofern es keine zeitliche Nähe zu den dort eingesetzten Bussen gibt.

Knapp 130000 Euro Fördermittel gibt der Bund nun für das regionales Mobilitätskonzept „Vernetztes Fahren“, in dem das in Krumbach ansässige Unternehmen Flexibus die zentrale Rolle spielt. Einen entsprechenden Antrag hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein politisch unterstützt. „Vernetztes Fahren“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Flexibus und der Firma Trafficon. Die Idee ist, Personen- und Güterlogistik in ländlichen Regionen zu vernetzen.

Nüßlein: Modellcharakter in ganz Deutschland

Das heißt konkret: Fahrgäste mit individuellen Fahrtzielen sitzen im gleichen Fahrzeug, in dem auch Waren und Güter verstaut sind, die von oder zu lokalen Geschäften transportiert werden. „Für die Bürger in unserer eher ländlich geprägten Region entsteht so ein attraktiver wie flexibel zu nutzender Vollservice im Bereich Mobilität und Belieferung“, fasst Abgeordneter Nüßlein den neuartigen Fahrservice zusammen. „Die Gemeinden sichern und verbessern durch diese Form der Neuvernetzung die Nahversorgung der Regionen und ermöglichen gleichzeitig eine landwirtschaftliche Direktvermarktung ihrer regionalen Produkte. Es geht hier um eine Kombination von ÖPNV und adressgenauen Hol- und Bringdiensten für Waren“, erklärt der CSU-Politiker weiter.

Der Firma Trafficon komme dabei die Aufgabe zu, das erforderliche organisatorische und technische Konzept mitsamt den erforderlichen digitalen Systemanforderungen zu entwickeln. Nach Nüßleins Überzeugung hat das Projekt „Vernetztes Fahren“ Modellcharakter für ländliche Regionen in ganz Deutschland. (mit zg)

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