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Podiumsdiskussion

24.03.2009

"Wir leben über unsere Verhältnisse"

"Hochkarätige Experten" kündigte Volkshochschul-Vorsitzender Walter Czech an, die alle "spontan zusagten", um ihre fachliche Einschätzung über ein "komplexes Thema" zu äußern: Energiebedarf und Energieversorgung.

Als Moderator musste Winfried Züfle, Wissenschaftsredakteur unserer Zeitung, so manches Mal Kurskorrekturen vornehmen, wenn Expertenlatein überhand nahm oder Emotionen sich mit Explosivcharakter anreicherten.

Prof. Dr. Herbert Kabza vom Institut für Energiewandlung und -speicherung der Uni Ulm ging insbesondere auf Energieerzeugung und -verbrauch ein. Die Verfügbarkeit fossiler Ressourcen werde irgendwann ihren Höhepunkt erreichen. "Es geht eigentlich nur um plus oder minus fünf Jahre!" Danach zeige die Kurve abwärts. Was also ist zu tun?

Für Kabza gibt es nur diese Möglichkeiten: Verbrauch reduzieren, erneuerbare Energien massiv ausbauen, Importfähigkeit von Primärenergien (Öl, Gas) langfristig absichern. Noch etwas liegt ihm am Herzen: CO2 sei nicht das einzige oder das Hauptproblem, betonte er, es sei die Freisetzung von Wärme zusätzlich zur Sonnenwärme. Im Moment seien dies 0,4 Promille weltweit. "Bereits weniger als ein Promille bewirkt schon massive Klimaveränderungen".

"Wir leben über unsere Verhältnisse"

Eine Steilvorlage für Prof. Dr. Wolfgang Witschel, Mitbegründer des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Stuttgart und Ulm. Seine These: Erneuerbare Energie ist gut, aber teuer. Viel zu teuer. Und mit der Speicherfähigkeit hapere es auch. Was also bleibe letztlich? Die Kernenergie. Doch die bedeute ein "offenes Problem". Deutschland nämlich wolle und werde aussteigen, so Witschel. Seine Überzeugung: Atomkraft biete die effektivste Energie. Dabei müsste Uran lediglich "besser ausgenutzt", radioaktiver Abfall "zerstört" oder "beseitigt" werden. Und die Reaktorsicherheit sei sehr hoch.

"Wir haben eine Million Jahre Strahlungsgeschichte vor uns"

Nicht nur im Publikum wurden an dieser Stelle die verbalen Messer gewetzt. Diplomphysikerin Karin Wurzbacher vom Umweltinstitut München parierte, indem sie auf das Gefahrenpotenzial für Arbeiter und Bevölkerung schon beim Uranabbau hinwies. Und die setze sich fort bei Urananreicherung, Brennstoffherstellung und Entsorgung der hoch radioaktiven Brennelemente.

Man wisse noch nicht, machte die Expertin für Endlagerung, Strahlung und Sicherheit deutlich, wohin mit dem Abfall. "Wir haben 7000 Jahre Menschheitsgeschichte hinter, und eine Million Jahre Strahlungsgeschichte vor uns".

Als Leiter des Gesundheitsamtes Günzburg sieht sich Dr. Roland Schmid als Bezugsperson zur Wahrung und Wahrnehmung gesundheitsrelevanter Vor-Ort-Probleme. Dazu gehörten auch Anrufe verängstigter Bürger, wenn einer der Gundremminger Kühltürme mal keine Dampfwolke entströmt.

Dies animierte ihn zugleich zur Beantwortung einer Frage, die seit Veröffentlichung einer entsprechenden Studie immer wieder für Schlagzeilen sorgt und zum Anlass heftiger Auseinandersetzungen wird: "Ja, es gibt sie, die erhöhte Rate von Leukämieerkrankungen im Umkreis von Atomkraftwerken bei Kindern unter fünf Jahren". Doch nahtlos fügte Schmid hinzu, dass ein letztendlicher Beweis dafür immer noch "dingfest" gemacht werde.

Es war der Stein, der eine gewaltige Diskussionslawine beim Publikum zum Rollen brachte - von der genauen Zahl der Betroffenen über das Risiko von Flugzeugabstürzen über dem Zwischenlager bis zur Bereitstellung von Jodtabletten und der erhöhten Sterblichkeitsrate von Günzburger Bürgern gegenüber dem bayerischen Durchschnitt. Erst die Frage aus dem Publikum: "Wie lange wollen Sie noch über dieses Thema diskutieren?!" führte zum Komplex "erneuerbare Energien".

Und der erwies sich als nicht minder diskussionsfähig, führte er doch mitten hinein in die Funktionsweise von Fotovoltaik, Hochwirkungsgradpumpen oder thermischen Kraftwerken. Der Regionalplan für Windkraftanlagen wurde ebenso aufs Tapet gebracht wie die Erforschung der Brennstoffzelle, mit der Folgerung, dass auch diese keine Lösung der Energieprobleme bringen würde. Letztlich brach sich die Erkenntnis Bahn, dass eine Energieeffizienz nur zum Tragen komme, wenn die Energie teuer sei. "Energie ist zu billig. Erst wenn sie viel, viel kostet, wird man verantwortlich damit umgehen".

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