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Günzburg

15.01.2020

Wird die Organspende zum Normalfall?

In solchen Kisten werden menschliche Organe transportiert, die für eine Transplantation vorgesehen sind. In Deutschland gibt es nach wie vor zu wenige Spender. Etwa 9400 Menschen warten derzeit auf ein Organ. Heute entscheidet auch der Münsterhauser CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein über die Zukunft der Organspende.
Bild: Stache/dpa

Plus Der Bundestag entscheidet, ob künftig ein neues Instrument eingesetzt werden soll, um die Spendebereitschaft zu erhöhen. Der Abgeordnete Georg Nüßlein zweifelt daran, die Mehrheit zu erreichen.

Eine Mitarbeiterin von Georg Nüßleins Berliner Büro hat unlängst um drei freie Tage gebeten. Sie will sich umfangreich testen lassen, ob sie dafür geeignet ist, ihrem schwer kranken Mann eine Niere zu spenden. Eine weitere Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro des CSU-Bundestagsabgeordneten aus Münsterhausen hat das schon mitgemacht. Und so ist das Thema „Organspende“ auch jenseits von Nüßleins Zuständigkeit als CSU-Gesundheitsexperte im direkten Arbeitsumfeld des Politikers aufgeschlagen.

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Kommt bald die Widerspruchslösung?

Am Donnerstag entscheidet der Bundestag, welche Leitpfosten gesetzt werden – sprich: ob die gültige Entscheidungslösung fortentwickelt wird. Dafür steht beispielsweise die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock; oder ob es einen Paradigmenwechsel gibt, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorschlägt und den Nüßlein bereits vor längerer Zeit ins Gespräch gebracht hat: Die Widerspruchslösung besagt, dass jeder ein potenzieller Organspender ist, der zu Lebzeiten keinen gegenteiligen Willen geäußert hat. Bisher musste man zustimmen, um seine Organe nach dem Tode anderen schwerstkranken Menschen zur Verfügung zu stellen. Aufklärende Informationsarbeit leisteten dabei in regelmäßigen Abständen die Krankenkassen, die unter anderem Organspendeausweise an die Versicherten verschickten.

"Katastrophale Situation" in Deutschland

Doch das hat die Spenderzahlen keineswegs erhöht. In ganz Deutschland haben im vergangenen Jahr 932 Menschen nach ihrem Tod ein Organ oder mehrere Organe für eine Transplantation gespendet. Die Vorjahreszahl lag bei 955 Spendern. In Bayern ist ein geringfügiger Anstieg verzeichnet worden – von 128 auf 136 Organspender. Auf einzelne Landkreise lassen sich die Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) nicht herunterbrechen. Die gemeinnützige Stiftung DSO ist die Koordinierungsstelle für die Organspende in Deutschland. Klar ist: Mit einer bundesdurchschnittlichen Spenderrate von 11,2 Spendern pro eine Million Einwohner ist Deutschland auch 2019 nach wie vor eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich gewesen.

Wird die Organspende zum Normalfall?

Ganz anders sieht es im Nachbarland Österreich aus. Dort wird die Widerspruchslösung praktiziert. Für den Münsterhauser Bundespolitiker gibt dazu keine Alternative. „Wir haben hier in Deutschland eine katastrophale Sitiuation. Da reicht es nicht mehr, nur an Schräubchen des bestehenden Systems zu drehen.“

"Wir zwingen die Menschen zu nichts"

Die allermeisten der Bürger wollten ein Spenderorgan, wenn sie krank würden und auf ein neues Herz oder eine neue Niere angewiesen seien. „Dann sollten sie auch bereit sein, nach ihrem Tode ein Organ zu spenden“, postuliert Georg Nüßlein. „Die Widerspruchslösung ist eine Änderung dahingehend, „dass wir die Spendenbereitschaft zum Normalfall erklären“. Jeder, der nicht mitmachen wolle, müsse sich erklären. „Oder aber kundtun, dass er sich noch nicht entscheiden kann und im Fall des Falles das dann der Ehepartner oder ein Kind übernimmt.“ Damit werde man noch nicht einmal gezwungen, sich zu einem bestimmten Augenblick festzulegen, so der CSU-Gesundheitspolitiker über die – so der exakte Terminus – „doppelte Widerspuchslösung“. „Wir zwingen die Menschen zu gar nichts. Das, was wir wollen, ist nicht zu viel verlangt“, sagt Nüßlein, der sich nach eigenen Worten unsicher ist, ob dieser Vorschlag auch die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten findet, die am Donnerstag ohne Fraktionszwang entscheiden.

Eingriff in die Freiheitsrechte

„Ich bin eher skeptisch, weil Kollegen geneigt sind, juristische Seminare daüber abzuhalten. Ich halte Spahns Vorstellung weder für ethisch verwerflich, noch für verfassungsrechtlich problematisch.“ Gegner äußern diese ethischen Bedenken, zweifeln an der Sicherheit der Hirntod-Konzeption und befürchten, das Menschen lebendig die Organe entnommen werden. Oder aber ihnen geht dieser Eingriff in die Freiheitsrechte zu weit, weil eine Spende immer dem Prinzip der Freiwilligkeit folgen muss.

9500 Menschen warten derzeit auf eines der für sie überlebenswichtigen Organe, die sie dringend benötigen. Jeden Tag werden in Deutschland etwa drei Personen von den Listen gestrichen, da sie gestorben sind, bevor eine Organtransplantation durchgeführt werden konnte. Das entspricht ungefähr zehn Prozent der Patienten, die ihre Hoffnungen darauf richten, ein passendes Spenderorgan zu bekommen. Die DSO ist überzeugt davon, dass insbesondere die Einführung einer doppelten Widerspruchslösung die Auseinandersetzung mit der Organspende und damit die Dokumentation des Spenderwillens fördern würde.

Organspende zur Selbstverständlichkeit machen

„Unabhängig von jeglicher Reform oder Regelung liegt die Entscheidung für oder gegen eine Organspende bei jedem von uns selbst. Aber jetzt haben wir die Chance, mit einer verbindlicheren Gesetzgebung, die uns aktiv in die Verantwortung setzt, positive Veränderungen zu bewirken. Gemeinsam können wir eine Kultur der Organspende in Deutschland fördern, die das Denken an die Organspende in den Kliniken zur Selbstverständlichkeit macht, Organspender stärker wertschätzt, ihre Angehörigen entlastet und die unser gesellschaftliches Prinzip der Solidarität auch in der Organspende widerspiegelt“, erklärt der Medizinische DSO-Vorstand Dr. Axel Rahmel.

Nüßlein sieht die Bereitschaft zur Lebendspende seiner beiden Mitarbeiterinnen als „unglaublichen Liebesbeweis“. Er wäre aber nicht nötig, wenn in Deutschland genügend Organe zur Verfügung stünden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Till Hofmann:

Organspende: Eine unerträgliche Situation

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