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Waldheim

06.09.2017

Wo es ein bisschen weniger laut und eilig ist

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6 Bilder
Das ist der Blick von der Friedenskapelle auf den Weiler Waldheim. Einmal im Jahr findet in der Kapelle ein großer Gedenkgottesdienst für die Opfer von Kriegen statt.
Bild: Irmgard Lorenz

Plus Waldheim ist vor allem für die Friedenskapelle bekannt. Früher waren Rocker und ein Motorradklub in dem Weiler Stammgäste, wie in diesem Teil unserer Dorfserie zu erfahren ist.

Es ist schon Jahre her, da hat ein Schotte in der Waldeslust in Waldheim bedient. Eine eher ungewöhnliche Auswahl an Whiskeys ist heute noch auf der Tafel hinter der Theke angeschrieben: Loch Lomond, Glen Grant, Tullamore Dew, Bushmills. Manchmal hat der Mann auch Dudelsack gespielt, erinnert sich Marina Henne, die Ehefrau von Heiner Henne, dem Wirt von Heiners Waldschenke. Der Schotte mag bei vielen mittlerweile in Vergessenheit geraten sein, Marie Hulwa ist es nicht. Sie war die erste Wirtin in Waldheim, dem Weiler auf der Anhöhe zwischen Mindel- und Kammeltal. Er ist vor allem für seine Friedenskapelle mit dem jährlichen großen Gedenkgottesdienst bekannt, der immer am ersten Sonntag im August gefeiert wird.

Marie Hulwa war wichtig für den kleinen Weiler. Eine „Kantine“ hatten sich die Vertriebenen beim Anwesen Hulwa gebaut, daraus wurde ein Bierstüble mit Brotzeitstation und schließlich die Waldeslust. Christine Hanika, 1954 geborene Enkeltochter von Fritz und Marie Hulwa, erinnert sich noch gut daran, wie die Großmutter die Gefriertruhe mit Speiseeis bestückt und die Enkelin auch großzügig mit der Süßigkeit bedacht hat. Marie Hulwa ist als letzte Siedlerin 2003 im Rotkreuz-Altenheim in Krumbach gestorben, ihre Familie war aus Mährisch-Schlesien vertrieben worden und hatte 1953 schließlich als eine von fünf Kleinsiedler-Familien eine Bleibe in Waldheim gefunden. Ein bisschen Land gab es jeweils für die Kleinsiedler, die südlich der Straße nach Kemnat angesiedelt wurden, jeweils zwölf Hektar für die drei Großsiedler. Auch heute noch gibt es drei Vollerwerbslandwirte in Waldheim.

Wer den Gehweg entlang der schnurgeraden Straße durch den Weiler spaziert, der sieht stattliche modernisierte Häuser und Neubauten ebenso wie Gebäude, bei deren Anblick man sich heute noch vorstellen kann, wie die 1953 bezogenen Siedlerhäuschen ausgesehen haben. In manchen Gärten gibt es jetzt ein Trampolin oder eine Schaukel, hier dürfen Blumen und Grün frei wachsen, dort ist der Garten akkurat gepflegt. Manchmal halten auch hohe Hecken die Blicke ab.

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Auch der Busfahrplan ist übersichtlich

Drei Ziegen mit dichtem zotteligen braunen Fell trotzen im sattgrünen Gras dem Regen. Ein paar Schritte weiter pickt eine Henne mit dunklem Gefieder friedlich vor einem Haus hier und da in der Wiese. In Waldheim scheint es ein bisschen weniger laut und eilig zuzugehen als woanders. Der Busfahrplan ist sehr übersichtlich: An Schultagen gibt es morgens eine Verbindung ins Kammeltal nach Behlingen. Mehr nicht.

Den Charme vergangener Jahre strahlt die blitzblanke kleine Gaststube mit den vier Tischen in Heiners Waldschenke aus, und auf der hohen Theke mit den Barhockern davor steht ein nostalgisch anmutender Erdnussspender. Münze rein, eine Hand unter den Auslass halten, mit der anderen den Hebel drehen und naschen – Generationen hat das gute Stück überdauert. Und ebenso den Wandel in der kleinen Gaststube.

Vom Motorradklub, den er 1988 gegründet hat, und der zehn Jahre lang in der Waldschenke heimisch war, berichtet der 68-jährige Wirt Heiner Henne. Er kam 1984 mit Ehefrau Marina und dem ersten Kind nach Waldheim. „Der wilden Natur wegen“, sagt Marina Henne. Sie ist froh, dass die arbeitsintensiven Open-Airs und Betriebsfeiern in der Waldschenke mittlerweile Geschichte sind. „Freaks, Rocker und Dörfler“ habe man als Gäste gehabt. An Schlachtpartien und Faschingsbälle erinnert sich der 62-jährige Wolfgang Seitz, der seit 1986 in Waldheim lebt und mit seiner Frau Gertraud das Haus seiner Großeltern – die Richters waren aus dem Sudetenland vertrieben worden und hatten als Kleinsiedler in Waldheim Heimat gefunden – übernommen hat.

Christine Hanika, die Enkeltochter von Wirtin Marie Hulwa, und damals 21 Jahre jung, stand beim Hochzeitsfest des Ehepaars Seitz hinter der Theke. Beim Gespräch mit unserer Zeitung, zu dem einige Waldheimer in die Waldschenke gekommen waren, zögert sie kurz und ruft dann erfreut: „Ja, du bist doch der Wolfgang!“ Christine Hanika wohnt in Thannhausen und kommt nicht mehr oft nach Waldheim, sie hat den Altersgenossen schon lange nicht mehr gesehen.

Es kam einmal ein besonderer Gast

Als junges Mädchen half sie der Großmutter öfter in der Waldeslust und erinnert sich auch an einen besonderen Gast: Bruno Merk, von 1960 bis 1966 Landrat des Landkreises Günzburg und später bayerischer Innenminister. Viele Jahre später hatte der kleine Weiler Waldheim wieder einen prominenten Gast: Karl Carstens. Der kam 1981 als Bundespräsident bei seiner Wanderung durch die Bundesrepublik Deutschland auch zur Friedenskapelle bei Waldheim und pflanzte dort eine Friedenslinde. Die kreisrunde Kapelle am Waldrand ist 1974 auf Initiative des Behlingen-Rieder Soldatenvereins errichtet worden. Daneben stehen der Glockenturm und als Mahnmal eine der Betonbomben, die ab 1936 über dem Übungsplatz auf der Höhe zwischen Mindel- und Kammeltal abgeworfen worden sind. „Die Feldkapelle steht auf meinem Grund“, sagt Ingeborg Greiner, und Stolz klingt dabei mit. Sie ist als Ingeborg Kornecny 1947 in Ried geboren, ihre Familie war aus Nordmähren vertrieben worden und gehörte zu den Siedlerfamilien, die 1953 eins der von der Landessiedlung gebauten Häuschen in Waldheim bezogen. Der Anfang war äußerst mühsam und karg, es fehlte an allem, an Werkzeug und Arbeitsgerät ebenso wie an Saatgut.

Als Kinder mussten sie nach Kräften helfen, erinnern sich die einstigen Siedlerkinder Ingeborg Greiner, Evi Jonscher und Herti Batke. In Heiners Waldschenke werden Erinnerungen wach. Vom „Mändala aufstella“ berichtet Ingeborg Greiner, vom Traktor, den sich fünf Bauern teilten und der ersten ebenfalls gemeinsam genutzten Dreschmaschine erzählt Wolfgang Seitz. „Mancher Pflug ist da verreckt“, sagt Herti Batke, wenn noch eine der Betonbomben im Boden lag. Ihr Vater Franz Schäfer, so erzählt sie, sei mit der Mutter gern auf der Höhe spazierengegangen und habe beschlossen, das Land – „alles verkommen, voller Kroatzbeeren (Brombeeren)“ zu roden und nutzbar zu machen. In der Runde am Wirtshaustisch in der Waldschenke fällt dabei immer wieder der Namen des damaligen Rieder Bürgermeisters Anton Thoma, der die Heimatvertriebenen unterstützte. Mit geliehenen Pickeln und Hauen rodeten sie und ebneten das Gelände.

Ein „Zugezogener“ ist für die Statistik zuständig

Emil Vater lebte während der Rodungsarbeiten eine Zeit lang gar in einer Erdgrube auf der Höhe. Sein Sohn, Alfred Vater, ist mit 85 Jahren der älteste Bewohner Waldheims. Für die aktuelle Statistik über den kleinen Weiler ist am Wirtshaustisch ein „Zugezogener“ zuständig: Roland Traxler, der in den 1960er Jahren nach Waldheim kam. Mittlerweile gehört er fest zur Gemeinschaft und zählt voller Stolz auf, was der Weiler alles zu bieten hat: einen Schreiner, einen Schiffsrestaurator, drei Vollerwerbslandwirte, eine Kirche, eine Wirtschaft und einen Ballonfahrer. In den Ställen stehen 200 Stück Vieh, außerdem gibt es drei Geißen, neun Hennen, zwei Laufenten, sechs Pferde, zwei Hasen, mindestens drei Hunde und jede Menge Katzen.

36 Menschen wohnen in Waldheim, davon neun Kinder. Was für viele Landkreisbürger in erster Linie ein Ausflugsziel oder Gedenkstätte für die vielen Millionen Kriegstoten ist, die Friedenskapelle, gehört für sie zum alltäglichen Leben. „Wir sehen sie jeden Tag vom Schlafzimmerfenster aus“, sagt Wolfgang Seitz. Aber der Gedenkgottesdienst Anfang August ist dann doch etwas Besonderes, auch für die Waldheimer, „ergreifend“ sagen sie. „Wenn früher Besuch zu uns kam, war der erste Weg zur Kapelle“, sagt Herti Batke. Das hat sich im Lauf der Jahre geändert, wie so vieles im kleinen Weiler Waldheim.

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