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Prozess in Günzburg

23.11.2018

Zug rammt Ape bei Aletshausen: Unfall ist ein Fall fürs Gericht

An diesem Bahnübergang von Aletshausen Richtung Waltenhausen stieß ein Zug mit einer Ape zusammen. Jetzt kam der Fall vor Gericht.
Bild: Alexander Sing

Im April passierte auf einem unbeschrankten Bahnübergang in Aletshausen ein Unfall. Am Amtsgericht Günzburg gab es heftige Kritik an der Bahn.

„Das ist der Hammer“, regte sich Robert Zimmermann auf. Der Babenhauser Rechtsanwalt kritisierte, dass die Aufzeichnung der Blackbox der Bahn dem Günzburger Amtsgericht zur Unfallaufklärung nicht zur Verfügung stand. Der Zug hatte im April auf einem unbeschrankten Übergang in Aletshausen bei Krumbach die Ape seines Mandanten gerammt. Der 54-Jährige musste sich nun wegen des Zusammenstoßes verantworten.

Der Anwalt hatte vergeblich die Einstellung des Verfahrens angesichts einer geringen Schuld seines Mandanten angeregt. Dem wollten weder die Staatsanwältin noch Richterin Daniela König folgen. Zu der Kollision zwischen dem italienischen Kabinenmofa und dem Triebwagen war es im April dieses Jahres gekommen. Der 54-Jährige aus Krumbach hatte das maximal 25 Stundenkilometer schnelle Gefährt über den unbeschrankten Übergang an der Kirchenstraße gelenkt. Der linke Puffer des Triebwagens rammte den Aufbau des Minitransporters trotz einer Schnellbremsung.

Der 54-Jährige kam mit dem Schrecken davon

Der Schaden blieb mit gut 1500 Euro gering, der 54-Jährige und die Zuginsassen kamen mit dem Schrecken davon. In den Zügen ist ähnlich wie in Flugzeugen eine sogenannte Blackbox eingebaut, die die Fahrdaten registriert. Aber: „Es gibt keine Daten“, informierte Richterin König. „Ich hab’s versucht, sie zu bekommen.“ Das brachte Horst Schmidt, den Betreuer des Angeklagten – dieser kann weder lesen noch schreiben –, auf die Palme. „Die Verkehrssicherheitspflicht der Bahn ist überhaupt nicht beurteilt worden“, kritisierte er. Wie schnell der Zug an dieser Stelle gewesen sei, die Länge des Bremsweges und ob mehrfach Warnsignale gegeben wurden, sei nicht ermittelt worden.

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Er musste sich von Richterin König mehrfach einbremsen lassen: In diesem Verfahren gehe es nicht um die Verkehrssicherheitspflicht der Bahn. „Es geht aber darum, ob der Unfall hätte vermieden werden können, wenn der Lokführer seine Sicherheitspflicht beachtet hätte“, blieb der Betreuer hartnäckig. Er klagte weiter, dass in Baden-Württemberg alle Bahnübergänge auf übergeordneten Straßen entweder durch Blinksignale oder Schranken gesichert seien, was in Bayern jedoch nicht der Fall sei.

Nur fünf Stundenkilometer schnell

Der Angeklagte selbst war sich keiner Schuld bewusst. „Ich bin nur mit fünf Stundenkilometern auf den Übergang gefahren“, sagte der 54-Jährige, der lediglich eine Prüfbescheinigung für Mofas besitzt, „und habe nach links und rechts geguckt.“ Den Zug habe er weder gesehen noch gehört. Er habe mit dem ersten Gang den Buckel zum Übergang befahren, da mache die Ape so viel Krach, dass er nicht mal Radio hören könne. Den von einem Einzylinder-Motörchen angetriebenen Kabinenroller fährt er seit 16 Jahren, bisher unfallfrei.

Als Hauptzeuge sagte der 43-jährige Triebwagenführer, er habe sich korrekt nach den Fahranweisungen für die Strecke gerichtet. Dazu gehöre das etwa drei Sekunden dauernde Warnsignal an einer „Pfeiftafel“ vor dem Übergang. Weil er gut in der Zeit gelegen sei, habe er den Zug nach dem letzten Stopp in Haupeltshofen nur rollen lassen mit etwa 60 Stundenkilometern. Auf der Strecke seien bis Aletshausen sogar maximal 80 erlaubt. Dann habe er eine Betriebsbremsung eingeleitet, als er sah, wie die Ape auf den Bahnübergang zurollte und ein weiteres Pfeifsignal gegeben. Als das Gefährt trotzdem weiterfuhr, „habe ich eine Schnellbremsung gemacht, weil zu erkennen war, dass es knapp wird“. Dann traf der linke Puffer die Ape und 60 bis 70 Meter hinter dem Übergang blieb der Zug stehen.

Zwischenrufe und Ermahnungen


Es hänge von der Streckentypografie und den Witterungsverhältnissen ab, wie schnell er generell fahren dürfe, sagte der Lokführer auf Nachfrage der Richterin, eine konkrete Vorschrift gebe es nicht. „Da dürfen sie mit 80 Stundenkilometern durchbrettern“, schimpfte der Betreuer erneut dazwischen und musste sich ermahnen lassen. An dem Tag herrschten klares Wetter und Sonnenschein, rechtfertigte sich der Triebwagenführer, der seit 19 Jahren Züge steuert und bisher einen Suizid und drei Unfälle auf Bahnstrecken erlebt hat, aber nicht an dieser Stelle. Eine Rettungsassistentin, die am Unfalltag mit ihrem Hund auf einem Radweg nahe den Gleisen unterwegs war, konnte sich nicht mehr konkret erinnern, ob sie ein oder zwei Pfeifsignale des Zuges gehört hatte. Der Angeklagte hätte den Zug bei einer Sichtweite von gut 200 Metern erkennen können, sagte der zuständige Polizeibeamte als Zeuge, wenn der Mann tatsächlich mit höchstens fünf Stundenkilometern auf den Übergang zugerollt sei.

Rechtsanwalt Zimmermann wollte vergeblich mit einem Gutachten klären lassen, wie schnell der Zug vor dem Unfall war und stellte eine verminderte Schuldfähigkeit seines Mandanten in den Raum. Das könnte dem Angeklagten allerdings eine Fahrtauglichkeitsprüfung einbringen, warnte die Richterin.

Wenn der Angeklagte nicht bezahlt, muss er ins Gefängnis

Nach Ansicht der Staatsanwältin blieb es beim gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr, wie bereits im Strafbefehl erwähnt, gegen den Einspruch erhoben worden war – und weshalb es nun zur Verhandlung kam. Sie beantragte eine Geldstrafe von 35 Tagessätzen zu 15 Euro, also 525 Euro, denn der Angeklagte verfügt nur über ein Hartz-IV-Einkommen von 530 Euro und hat Restschulden aus einem Hauskauf. „Das kann der Angeklagte nicht bezahlen“, regte sich der Betreuer auf, „dann muss er in den Knast.“ Das sah die Richterin anders, eine Ratenzahlung sei möglich. Sie blieb im Urteil bei der beantragten Geldstrafe plus einem Fahrverbot von zwei Monaten. Das ist in diesem Fall eine Besonderheit, da der Angeklagte ja keinen offiziellen Führerschein hat, den er abgeben könnte, sondern nur die Mofa-Prüfbescheinigung. Das Fahrverbot gilt ab Rechtskraft des Urteils, gegen das laut Betreuer keine Rechtsmittel eingelegt werden.

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