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Leipheim

18.02.2021

Zum Fototermin geht es ins Leipheimer Rathaus: Fotografen üben Kritik

Im Eingangsbereich des Leipheimer Rathauses steht seit einigen Wochen ein Passfotoautomat.
Foto: Bernhard Weizenegger

Plus Im Leipheimer Rathaus können Bürger nun Passbilder in einem Automaten machen lassen. Wer hinter dieser Idee steckt und warum andere Fotografen das kritisch sehen.

Im Eingangsbereich steht er: der neue Passfotoautomat im Leipheimer Rathaus. Ab auf den hellgrauen Stuhl, Maske runter, den hellgrauen Vorhang zugeschoben. Eine blecherne Stimme gibt dem Passbildwilligen Anweisungen: Zuerst verlangt die Maschine zehn Euro für vier Bilder. Dann hat man bis zu sechs Versuche.

Wichtig ist die Kopfposition – ein roter Kreis am Bildschirm zeigt an, wie man sich hinsetzen muss: Gerade halten, die Augen offen. Lächeln ist erlaubt, Lachen nicht. Der Automat akzeptiert geschlossene Augen, aber keine Grimasse oder andere Spaßbilder – diese Option ist ausgeschaltet. Ist alles korrekt und man selbst zufrieden, kann man einen grünen Knopf drücken und die vier Bilder aus dem Ausgabefenster an der Außenseite des Automaten entnehmen. Noch wird das Bild dann analog auf dem Amt eingescannt; wenn der neue Server läuft, soll das Bild direkt vom Automaten ins Computernetzwerk der Gemeinde übertragen werden. Doch wie kam Leipheim zu seinem Passbildautomaten?

Der Passbildautomat steht seit Anfang Dezember im Leipheimer Rathaus

Seit Anfang Dezember steht der Automat laut Amtsleiterin Norma Burger im Rathaus. In Leipheim gebe es die Idee mit dem Passbildautomaten schon länger. Nun habe es sich ergeben, dass mit dem neuen Verwaltungsprogramm auch der Automat Einzug ins Rathaus gehalten hat. Burger und das Bürgerbüro haben dafür zusammengearbeitet.

Eine andere Gemeinde habe ihr den Automaten empfohlen, sie sei dann auf den Betreiber Erich Schwarz zugegangen. Der Grund: „In Leipheim gibt es keinen Fotografen. Das heißt, die Bürger haben keine Möglichkeit, Bilder beim Fotografen zu machen“, sagt Burger. Mehrere Bürger hätten den Automaten bereits einige Male benutzt, die Reaktionen seien positiv gewesen. Da das Rathaus allerdings wegen Corona aktuell im Notbetrieb ist, brauche man einen Termin, um den Automaten nutzen zu können, sagt Pressesprecherin Tina-Maria Dorow.

Die Passfotos können, da sie biometrisch aufgenommen werden, für Ausweisdokumente verwendet werden.
Foto: Bernhard Weizenegger

Passbilder aus dem Automaten: Leipheim noch allein im Landkreis Günzburg?

Leipheim ist im Landkreis Günzburg aktuell allein mit dem Passbildautomaten im Rathaus. In Burgau beispielsweise haben sie noch keinen, man habe aber einmal darüber gesprochen, ob man sich in näherer Zukunft einen anschaffen sollte, sagt Bürgermeister Martin Brenner auf Nachfrage. In Burtenbach ist wie in vielen anderen Städten und Verwaltungsgemeinschaften noch kein solcher Automat geplant, sagt Bürgermeister Roland Kempfle auf Nachfrage. Julia Ehrlich ist Pressesprecherin der Stadt Günzburg und betont, dass die Stadt bisher keinen habe und auch nicht plant, einen aufzustellen – auch dann nicht, wenn sich die Lage lockere und Fotogeschäfte wieder öffnen dürften. Die Stadt wolle nicht in Konkurrenz zu Anbietern wie Fotogeschäften oder Drogeriemärkten treten.

Hinter dem Automaten steht auch, dass Passbilder ab 1. Mai 2025 nur noch digital erstellt werden dürfen und mit einer sicheren Verbindung an die Behörde geschickt werden müssen. Sie dürfen dann nicht mehr ausgedruckt zum Amt gebracht und dort eingescannt werden. Damit soll das sogenannte Morphing unterbunden werden. Beim Morphing handelt es sich grob gesagt um die Fälschung eines Bildes: Mit einem Bildbearbeitungsprogramm ist es möglich, zwei Porträts so zu einem zu kombinieren, dass am Ende ein Gesicht mit Merkmalen beider Vorlagen herauskommt. Mit diesem neuen Bild können dann zwei Personen mit einem Pass die Grenze überqueren. Auf die Morphinggefahr wird seit Jahren hingewiesen, aber es sei vom Gesetzgeber wenig bis nichts passiert. Auch Passbilder digital zu übermitteln, sei seit Jahren ein Thema.

Fotograf aus Günzburg kritisiert den Leipheimer Fotoautomaten

Was halten Fotografen von der neuen, gesichtslosen Konkurrenz? Der Innungsobermeister der Fotografeninnung Schwaben-Oberbayern, Gert Richter, gibt zu bedenken, dass mit den Passbildautomaten die öffentliche Hand eine Aufgabe übernimmt, „die in den Bereich des Fotografen fällt“. Für die Fotografen seien Passbilder immer noch ein großes Geschäftsfeld.

Klaus Wiest ist Inhaber des Fotostudios Denk im benachbarten Günzburg. Bei ihm stößt der Automat nicht auf Gegenliebe. Zwei Drittel seines Jahresumsatzes mache er mit Passbildern, circa fünf bis zehn Prozent seiner Kunden kommen aus dem Raum Leipheim. Das sei ein festgeplanter Umsatz, der ihm wegen des Automaten wegbreche. Und die Kunden, die wegen eines Passbilds in sein Studio kommen, blieben auch für andere Projekte, zum Beispiel Hochzeitsfotos, dem Studio treu. „Jedes Rathaus, das so etwas einführt, wischt auch ein Stück weit den Kundenverkehr weg“, sagt er. Und wenn es nur fünf oder sechs Leipheimer Kunden am Tag seien: die gingen eben auch noch in den Schuhladen nebenan oder trinken noch einen Kaffee, hielten also die Innenstadt lebendig, meint Wiest. „Wenn das hier auch so kommt, müssen wir unseren Laden schließen“, befürchtet er.

Für zehn Euro bekommen Kunden vier Passfotos, die biometrisch aufgenommen für Ausweisdokumente verwendet werden können.
Foto: Bernhard Weizenegger

Ein Passbildautomat im Rathaus: Dieser Fotograf steckt dahinter

Hinter dem Leipheimer Fotoautomaten steht Erich Schwarz. Er stellt Gemeinden bayernweit die Fotoautomaten zur Verfügung, kümmert sich um Service und Wartung. Und das seit fast zehn Jahren. Der Fotografenmeister betreibt selbst ein Fotostudio im oberpfälzischen Bodenwöhr, hat sich mit den Passbildautomaten ein zweites Standbein aufgebaut. Die Morphing-Gefahr, und Passbilder nur digital zu übermitteln, sei laut ihm „schon seit Jahren im Gespräch“.

Was sagt er zur Kritik seiner Kollegen? Er betont, sich nur in Kommunen niederzulassen, wo kein klassisches Fotogeschäft mit festen Tagesöffnungszeiten direkt im Ort mehr sei: „Ich bin nicht einer, der den Fotografen das Geschäft abgraben will. Ich sehe sie als Kollegen, nicht als Konkurrenz.“ Dass die Konkurrenz zum Beispiel in Günzburg rund zehn Fahrminuten von Leipheim entfernt liegt, will er nicht gelten lassen: „Gebietsschutz mit einem Umkreisradius ums Geschäft“ können die Kollegen nicht erwarten. Dass ein Drogeriemarkt direkt in Günzburg auch Passbilder macht, werde dieses Fotogeschäft auch nicht verhindern können – das sei freie Marktwirtschaft.

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