Reinheitsgebot

23.04.2016

Zum Wohl!

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2 Bilder
Prost! Unser Foto zeigt die heimischen Bierbrauer (von links): Ernst Kerler (Braumeister Ursberg), Rainer Seitz (Hausbrauer Kreisheimatstube Stoffenried), Johann Mayer (Engel Waldstetten), Bernd Schramm (Brauerei Ursberg), Rudolf Feuchtmayr (Brauerei Autenried) und Georg L. Bucher (Radbrauerei Günzburg).
Bild: Bernhard Weizenegger

Heimische Brauer sind überzeugt: Das Reinheitsgebot abzuschaffen wäre eine Katastrophe. Was macht eigentlich ein gutes Bier aus und warum trinkt man vom Hellen lieber etwas mehr.

Ihr Bier ist den Bayern heilig. Manchen wahrscheinlich sogar heiliger als der Sonntag. Seit 500 Jahren schützen sie es deshalb eisern durch das Reinheitsgebot vor Verfälschung. In diesem Sinne wird das Getränk geradezu zum mythischen Trank stilisiert. Auch den Brauern im Landkreis Günzburg ist das Reinheitsgebot heilig. Anlässlich des Tags des Bieres und im Gedenken an den Jahrestag dieses Biergrundgesetzes haben wir uns mit den im Landkreis ansässigen Brauern getroffen, um über Bier zu reden.

Natürlich lässt sich ein solches Thema nicht nur theoretisch reflektieren. Damit die Veranstaltung nicht zu trocken wird, sollten die Vertreter der Brauereien die von ihnen hergestellten Biere in einer Blindverkostung beurteilen und nach Möglichkeit das jeweils eigene herausschmecken. Um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen, wurde außerdem eine Flasche der Oettinger Brauerei und zwei Flaschen US-Bier aus der Brauerei des in die USA ausgewanderten Günzburgers Jürgen Hager mit ins Rennen geschickt.

Wie kommt die Banane ins Bier?

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Als besonders geeigneter und doch neutraler Austragungsort wurde die Kreisheimatstube Stoffenried gewählt. Hier wird zu Vorführzwecken noch per Hand gebraut. Den Sud setzt Rainer Seitz im offenen Kupferkessel an. Neben Seitz haben sich Johann Mayer, Braumeister der Brauerei Engel in Waldstetten, Rudolf Feuchtmayr, Geschäftsführer der Autenrieder Schlossbrauerei, Georg Bucher, Geschäftsführer der Radbrauerei in Günzburg sowie Bernd Schramm und Ernst Kerler von der Ursberger Klosterbrauerei zur Bierverkostung in Stoffenried eingefunden. Von der Thannhauser Postbrauerei ist aus terminlichen Gründen lediglich eine Flasche Bernhardi Gold in Stoffenried angekommen.

Der Kachelofen verbreitet eine wohlige Wärme in dem einstigen Kuhstall. Es riecht nach Holzrauch und ein bisschen nach der Brotzeit, die Anni Böck und Thea Dirr liebevoll in der Küche zubereiten. Dazu gereicht wird als erstes Bier ebenjenes Bernhardi Gold, 1926 ein Verkaufsschlager in der Bierstadt München und seither – zumindest in Thannhausen – legendär. Unser aus München stammender Sportredakteur Jan Kubica, ist nicht so angetan: „Schmeckt a bisserl nixig.“ Brauer Bucher kontert: „Es gibt kein schlechtes Bier, nur verschiedene Geschmäcker.“ Mitunter hänge das Urteil auch von der Tagesform ab. Für 80 Prozent des Geschmacksempfindens sei beispielsweise die Nase verantwortlich. Bei Schnupfen schmeckt also jedes Bier mies. Eine feine Nase beweist Bucher an diesem Abend schon. Zumindest schmeckt er das Ur-Weizen der Radbrauerei aus der Blindprobe heraus. Wichtig an einem guten Hefe-Weizen ist für Bucher, dass auch tatsächlich Hefe drin ist. Die Hefe sei Geschmacksträger und produziere fruchtige Aromen. Was erklärt, warum manche Menschen behaupten, Weißbier schmecke nach Banane.

So richtig aus der Deckung trauen will sich an diesem Abend kaum einer der Brauer. Offenbar möchte sich keiner die Blöße geben, ordentlich daneben zu greifen. Einmal allerdings versagt auch Buchers ansonsten recht treffsichere Biersommelier-Nase. Im Stoffenrieder Haustrunk vermutet er einen „exotischen Hefestamm“. Feuchtmayr hätte den Ursprung der Flasche gar nach Belgien verortet. Seitz lächelt geschmeichelt.

Feuchtmayr: „Wir müssen mehr über Bier sprechen“

Bei der Frage, ob das Reinheitsgebot überholt sei, sind sich alle einig. „Das Beste ist die Natur“, sagt Kerler. Das Reinheitsgebot abzuschaffen, wäre „marketingmäßig eine Katastrophe“. Feuchmayr geht noch weiter: „Wir sind in der ganzen Welt bekannt dafür, eines der reinsten Lebensmittel herzustellen. Das wäre Selbstmord, das aufzulösen.“ Bucher erzählt, in Polen gebe es ein Bier, das mit Milchsäure aus der weiblichen Vagina vergoren werde. „Wo zieht man da die rote Linie“, fragt er.

Was das Marketing betrifft, habe Bier im Vergleich zu Wein erheblichen Nachholbedarf. „Da müssen wir von den Winzern lernen, und mehr über Bier sprechen“, sagt Feuchtmayr, der diesbezüglich seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. „Da kommt ein Ehepaar zu einem Winzer. Der hält ihnen ein Glas Wein unter die Nase und sagt, riechen sie nicht diese und jene Note und auf einmal sagt die Frau: ’Mann, da kaufen wir zwölf Flaschen.’“ Zu sehr habe man sich in der Vergangenheit auf den Bier trinkenden Arbeiter als Zielgruppe versteift, sagt Manfred Göttner, Repräsentant der Postbrauerei Thannhausen. Mitverantwortlich für das schlechte Bier-Image seien die schärferen Gesetze im Straßenverkehr und ein übertriebenes Gesundheitsbewusstsein. Dabei sei Bier – in Maßen genossen – durchaus gesund.

Welches Maß das richtige Maß ist, daran scheiden sich die Geister. Beim Hellen darf es aber, wenn man Georg Bucher glauben darf, durchaus etwas mehr sein: „Helles ist dafür gemacht, dass man es in größeren Mengen trinkt.“ Dem pflichtet Feuchtmayr bei: „Nach dem zweiten Bier muss der Durst erst richtig losgehen.“

Selbst wenn es von den Winzern viel zu lernen gibt, als Konkurrenzprodukt verstehen die heimischen Brauer den Wein nicht. Auch die sogenannten Craft-Biere sind weniger Wettbewerbskonkurrenten als vielmehr Bannerträger für die Sache der Brauer. „Die Craft-Biere sind toll für uns Brauer“, sagt Mayer. Weil sie die Aufmerksamkeit auf das Bier lenken. Abgesehen davon „machen wir alle Craft-Bier“, sagt Bucher. Er liebt seinen Job: „Brauer ist der schönste Beruf der Welt.“ Insofern sind die heimischen Brauer mit sich absolut im Reinen.

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