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Musikalischer Frühling

23.05.2017

Zwei Übergrößen ihrer Zeit

Drei Werke von Johann Sebastian Bach wurden beim Festkonzert in der St. Veitskirche Leipheim zum Reformationsjubiläum aufgeführt. Geleitet von Kirchenmusikerin Johanna Larch.
Bild: Helmut Kircher

In der St. Veitskirche Leipheim waren Luther und Bach themengebend

Da fand also zum Reformationsjahr zusammen, was zusammengehört: Martin Luther, der Gottesmann, und Johann Sebastian Bach, der „Soli Deo Gloria“ allein zur Ehre Gottes komponierte. Ein Ereignis, das sich in der evangelischen St. Veitskirche Leipheim im Großformat darbot: mit gut 60-köpfigem Chor aus St. Veitskantorei und Petruschor Neu-Ulm, vier Gesangssolisten mit Kantaten- und Auferstehungsbefähigung, elf Instrumentalsolisten und dem Orchester Collegium musicum Ulm mit einem beachtenswerten Geigensolisten als Konzertmeister. Das Ganze unter prägnant souveräner Leitung von Kirchenmusikerin Johanna Larch.

Zu Beginn die achtteilige Reformationskantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ (BWV 80), die den Text von Luthers bekanntestem Lied gleichen Titels beinhaltet. Ein Wirbelsturm großartiger Musik. Besonders im vierstimmig fugierten Anfangs- und markant höllenstürzerischen Schlussteil, in dem der monumentale Chor mit markant faustgeballtem Ausdrucksinferno dem Teufel stimmvoluminös zu Leibe rückt. Dazwischen haben die Gesangssolisten Gelegenheit, ihre stimmlichen Mittel einzusetzen. Florian Dengler, mit fundiertem, biegsam beweglichen Bass im „Erwäge doch“. Berenike Beitzel, die mit kristallklarer Sinnlichkeit auf filigran angehauchten Melismen durch ihre Sopran-Arie „Komm in mein Herzenshaus“ schwebt. Der lyrisch strahlende Tenor Burkhard Solle, in seinem Recitativo „bei Christi Blut gefäbrten Fahnen“ stehend, und – von Sologeige und -oboe umschmeichelt und umspielt – Altistin Annette Küttenbaum, wunderbar dunkel und weich timbriert, im Duetto mit dem Tenor.

Das folgende Kyrie aus der „Missa in g-moll“ (BWV 235) ist eine, natürlich von Bach selbst vorgenommene, Weiterverarbeitung früherer Kantatensätze. Eine sogenannte „Parodie“. Bach wusste sehr wohl, dass ihm in seiner Kantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“ (BWV 102) ein fantastischer Eingangschor gelungen war, und verwendete ihn deshalb nochmals als Kyrie in seiner g-moll Messe. Ein kraftvoll auftrumpfendes Kyrie eleison, voll betörender Spannungskraft und klanglich edlem, von Holzbläsern dominiertem Orchesterklang. Polyfon kunstvoll verwoben und verschlungen. Aber – was ist bei Bach nicht polyfon kunstvoll verwoben und verschlungen?!

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Auch das abschließende „Osteroratorium“ (BWV 249) ist keine Bachsche Originalkomposition, sondern von Anfang bis Ende eine Parodie. Bach – und sein Textdichter Picander – griffen auf eine weltliche Kantate zurück, geschrieben und aufgeführt als „Schäferkantate“ zum Geburtstag des Herzogs von Sachsen. Fünf Wochen später wurde sie – lediglich mit neuen Rezitativen – zur strahlenden Festmusik mit Auferstehungsgejubel, zu einem apostolischen Wettlauf mit Ziel: Grab des auferstandenen Christus. Zum Lauf angetreten sind: Apostel Johannes (Bass) und Petrus (Tenor), am Grabe bereits wartend: zwei Frauen, Maria Jakobi (Sopran) und Maria Magdalena (Alt). Eingeleitet wird das Werk durch eine prächtige, pauken- und trompetenglänzende und -trillernde Sinfonia, gefolgt von einem Adagio aus samtfühliger Oboen- und Flötensehnsucht auf ostinaten Streicherrhythmen. „Kommt, eilet“ fordert, im Laufschritt und drängender Stimmführung, der Chor zu atemlosen Lach- und Scherzkoloraturen des Tenor- und Basssolisten. Singstimmen und das in flexibler Balance zu ihnen spielende Orchester geben zusammen ein harmonisch komplexes Gefüge, das Johanna Larch am Pult in ruhig schreitenden Bahnen hält.

Wunderschön die von der Sologeige leichtfüßig an der Hand geführte Sopranarie, mit ihrem koloraturfreudig zu Jesu himmelnden Seelenmythos, die reizvoll im zarten Klanggewand zweier Blockflöten wiegende Tenor-Pastorale „Sanfte soll mein Todeskummer“ und Maria Magdalenas Jesussuche, mit fundierter Alt-Substanz und verschmolzen in perlenden Oboenklang. Den Schluss bildet ein in festliches Klanggewand gekleideter und von hymnischem Trompetenglanz durchstrahlter Chorsatz, der hörbar macht was ersichtlich ist: „Jauchzet, ihr erlösten Zungen“.

Langanhaltender Beifall eines Publikums in Jubellaune.

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