Sie sind beide seit Kindesbeinen für den VfL Günzburg aktiv, stehen beispielhaft für den jahrelang anhaltenden Aufschwung der Handball-Abteilung. Dann kamen Corona und das sportlich überwiegend unerquickliche Kapitel 3. Liga. Wie schwer ist es, plötzlich mit Misserfolg umzugehen, Herr Jensen?
Nico Jensen: Also mir tut der Abstieg weh. Ich wollte nie in meinem Leben absteigen und jetzt ist es passiert. Das war wirklich eine völlig andere Situation. Außer im ersten Jahr nach dem Bayernliga-Aufstieg ging es bei mir im Aktiven-Bereich immer nur um Spitzenplätze. Dass man so auf den Deckel bekommen hat, war seit der Jugend-Bundesliga nicht mehr der Fall gewesen. Es wird sich zeigen, wie viel wir daraus gelernt haben.
Patrick Bieber: "Wir sind Feierabendprofis"
Nun also wieder Bayernliga, wie von 2016 bis 2020 bereits. Wie nehmen Sie die Herausforderung an, Herr Bieber?
Patrick Bieber: Für die 3. Liga waren wir sportlich nicht weit genug, um einem solchen Druck standzuhalten. Wir sprechen immerhin von einem Abstieg aus einer Liga, in der zumindest teilweise Profis spielen, die nichts anderes machen. Wir dagegen sind und bleiben ein heimatverbundener Günzburger Verein, wir sind Feierabendprofis. Diese Saison in der 3. Liga hat uns reifen lassen und ich glaube, wir sind jetzt wahrscheinlich in der richtigen Liga angekommen zu unseren derzeitigen Kräfteverhältnissen. Ich bin sehr gespannt, was uns da erwartet.
Herr Jensen: Würden Sie auch unterschreiben, dass die Bayernliga aktuell die geeignete sportliche Heimat für den VfL Günzburg ist?
Nico Jensen: Es gilt zu beweisen, dass das, was man in der Niederlage gelernt hat, auch eine Chance ist, wieder anzugreifen. Es muss nicht in diesem Jahr sein, aber mittelfristig muss für einen Verein wie den VfL Günzburg die 3. Liga wieder ein Thema sein. Irgendwann soll hier wieder Handball auf nationaler Ebene gespielt werden.
Als Selbstläufer schätzen Sie beide die anstehende Runde in der Bayernliga aber nicht ein, oder?
Patrick Bieber: Auf keinen Fall. Wir sind im bayerischen Oberhaus und damit in einer sportlich massiv anspruchsvollen Liga.
Nico Jensen: Auch in einer mit vielen Fragezeichen versehenen. Wir kennen einige Gegner überhaupt nicht. Und es ist ein anderer Modus als damals, als wir bereits in der Bayernliga gespielt haben.
Endlich wieder Heimspiel-Atmosphäre
Eines von vielen Hindernissen während der Zeit der Corona-Auflagen war, dass die Hallen praktisch leer bleiben mussten. Das trifft einen Verein wie den VfL Günzburg doch gewiss mehr als Konkurrenten, die seit jeher vor leeren Rängen spielen. Wie wichtig ist es, jetzt endlich wieder einen echten Heimvorteil zu besitzen, Herr Bieber?
Patrick Bieber: Wer irgendwann vor Corona bei uns war weiß, was diese Rebayhalle bedeutet. Jeder Bayernliga-Gegner fuhr hierher und hatte Angst. Diese Halle hat uns auf jeden Fall gefehlt in der Corona-Zeit.
Nico Jensen: Ich bin gespannt, ob die Leute jetzt sofort wieder kommen. Wir haben ja immer noch keine mit der Vor-Corona-Zeit vergleichbaren Zustände. Und ich bin auch gespannt, ob sich die Inflation bemerkbar macht. Man kann ja niemandem verübeln, wenn er vielleicht nur zu jedem zweiten Spiel kommt. Wir müssen es uns auf jeden Fall erarbeiten, dass die Leute wieder Bock haben, in die Halle zu gehen.
Patrick Bieber: Der Funke ist ja da, er ist nicht erloschen. Ich merke das, im privaten Umfeld sprechen mich die Leute immer wieder an. Das Publikum war hier immer ein großer Faktor.
Sie sprechen vom Funken. Was kann die Mannschaft tun, um daraus ein Feuer zu entfachen?
Patrick Bieber: Jeder Fan kann sich sicher sein, dass er eine Günzburger Mannschaft auf der Platte sehen wird, die sich für den VfL zerreißt. Und ich bin mir sicher, mit all den neuen, guten Talenten aus der Region haben wir wieder den Günzburger Weg beschritten. Wir bringen die Halle wieder zum Brennen. Das wird herrlich!
Erfahrene Spieler tragen Verantwortung
Herr Jensen, sie sind 25 Jahre alt, Herr Bieber ist 30. Können Sie mit Ihrer Erfahrung den ganz jungen Spielern und vor allem den Neuzugängen helfen?
Nico Jensen: Hilfe brauchen die vermutlich gar nicht so viel. Es sind grundsätzlich alles gute Jungs, auch unsere Neuzugänge haben alle bereits 3. Liga oder Jugend-Bundesliga gespielt. Die haben sicher mehr erlebt als viele andere junge Handballer. Ansonsten geht es für uns darum, Verantwortung zu übernehmen. Da wächst man ja auch langsam rein. Das ist ein schleichender Prozess.
Patrick Bieber: Im Handball ist es im Normalfall so, dass du ab einem gewissen Alter auf einem konstanten Niveau spielst. Das kann man bei den Älteren also voraussetzen, bei den Jüngeren aber nicht. Der junge Spieler muss wissen, dass die Älteren liefern, wenn er es selbst nicht kann.
Apropos unerfahren: Mit Noah Heisch und Nico Schmidt kommen zwei Youngster aus der Talentschmiede des TSV Niederraunau nach Günzburg. Wie haben sich die beiden bislang gemacht, Herr Bieber?
Patrick Bieber: Ich bin begeistert von ihnen. Das sind unheimlich engagierte Handballer, die haben richtig Bock und sind top ausgebildet. Es war nach kurzer Zeit so, als wären die schon immer hier. Unser Sportlicher Leiter Fabian Schoierer landete mit den beiden einen Glücksgriff. Er setzt sich immer dafür ein, das junge Leute aus der Region hier ihren Platz finden.
Und was dürfen die Fans von den anderen Neulingen im Kader erwarten, Herr Jensen?
Nico Jensen: Die sind genauso integriert, aber spielerisch total unterschiedliche Typen. Ivo Dragicevic zum Beispiel ist brutal kampfstark, ein Handballer, der am Ende der Runde sicher nicht zum beliebtesten Abwehrspieler der Bayernliga gewählt wird.
Als erster Gegner der neuen Bayernliga-Runde kommt Landesliga-Meister TSV Allach in die Rebayhalle. Die Favoritenfrage stellt sich in dieser Konstellation nicht – aber wie gehen Sie damit um, Herr Bieber?
Patrick Bieber: Wir nehmen grundsätzlich jeden Gegner ernst, denn jeder hat es sich verdient, in dieser Liga zu spielen. Zudem haben gerade die Allacher eine bärenstarke Jugendarbeit und da weiß man, dass größte Vorsicht geboten ist. Die haben für diese Klasse Top-Leute im Kader und sind sicher keine Laufkundschaft.
Nico Jensen über eine Reise ins Ungewisse
Und wo steht der VfL Günzburg am Ende der Saison 2022/23, Herr Jensen?
Nico Jensen: Darüber können wir aufgrund des speziellen Modus mit einer Vorrunde in zwei Gruppen sowie darauf folgenden Play-offs und Play-downs nicht sprechen, weil wir nur bis Weihnachten einen Spielplan haben und nicht wissen, welche Gegner wir danach bekommen.
Aber für die Aufstiegsrunde, in der die besten vier Teams jeder Achter-Gruppe landen, sollte es doch reichen, oder?
Nico Jensen: Für mich war es vergangene Saison genügend Abstiegskampf. Ich möchte in die Aufstiegsrunde und dann beginnt ab Januar eine komplett neue Saison.
Das erste Spiel
Zum Saisonauftakt in der Bayernliga Süd erwartet Drittliga-Absteiger VfL Günzburg den Landesliga-Meister der vergangenen Runde, TSV Allach 09. Anspiel in der Rebayhalle ist am Samstag, 17. September 2022, um 19.30 Uhr.