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Interview

21.05.2015

„Die Stimmung war der Wahnsinn“

Meister-Wahnsinn: Bayern-Physiotherapeut Herman Kandemir mit Spielerin Melanie Leupolz nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft.
Bild: Karsten Lauer

Wie Herman Kandemir als Physiotherapeut der Bayern-Fußballerinnen den Titelgewinn erlebt. Jetzt freut er sich auf den Rathaus-Balkon – und die Tour durch Europa

Den kommenden Sonntag wird Herman Kandemir vermutlich nie vergessen: Wenn die Fußballer und die Fußballerinnen des FC Bayern München vor Zehntausenden Fans auf dem Balkon des Münchner Rathauses stehen und den Gewinn der deutschen Meisterschaft feiern, wird der Thannhauser mit dort oben stehen. Als Physiotherapeut der FCB-Frauen war der 39-Jährige hautnah dabei beim Titelgewinn und freut sich nun auf die Feier und neue Herausforderungen.

Die Meisterschafts-Entscheidung fiel in einem Herzschlagfinale. Wie haben Sie die letzten Minuten erlebt?

Wir wussten ja, dass wir bei einem Sieg die Champions League sicher hatten und haben zur Halbzeit 2:0 geführt. Als dann aus Frankfurt die Meldung kam, dass es bei unserem Konkurrenten Wolfsburg 1:1 steht, stieg die Spannung. Wir mussten nach unserem Schlusspfiff noch vier Minuten warten, bis das Spiel in Frankfurt zu Ende war. Als es beim Unentschieden geblieben ist, sind alle Dämme gebrochen. Das ist noch einmal etwas ganz anderes, als ich es in der Bayernliga erlebt habe: Da waren 5500 Zuschauer im Stadion, die Stimmung war der Wahnsinn.

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Wie laufen die Feierlichkeiten ab?

Am Samstag findet mit den Männern zusammen das große Meisterbankett statt, am Sonntag ist dann der Empfang im Rathaus, wohl mit einem Autokorso vorher. Das werde ich genießen, versuchen, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten.

Darf man sich auch Autogramme bei den Bayern-Stars holen?

Das werde ich nicht machen. Aber es ist trotzdem immer etwas besonderes, wenn man plötzlich vor Menschen steht, die man nur aus dem Fernsehen kennt. Nach dem Titelgewinn kam Karl-Heinz Rummenigge in die Kabine und hat uns allen die Hand gegeben. Ich bin froh, dass ich bei den Feiern dabei sein darf, aber der Erfolg gehört natürlich vor allem den Spielerinnen.

Wie sieht der Alltag in der Arbeit bei den Bayern-Frauen aus?

Ich bin ein- oder zweimal pro Woche beim Training dabei. Meistens wird in Aschheim trainiert, in den Wintermonaten auch an der Säbener Straße. Ich treffe anderthalb Stunden vor dem Training ein. Dann legen wir Tape-Verbände an, arbeiten mit Verletzten oder Spielerinnen, die im Aufbautraining sind. Als Haupt-Physiotherapeut bin ich bei jedem Spiel dabei, insgesamt sind wir zu dritt.

Sie selbst spielten viele Jahre Fußball und waren auch als Trainer tätig. Was lernt man in der Frauen-Bundesliga noch dazu?

Frauenfußball wird oft unterschätzt. Die Mädchen spielen einen guten Ball und arbeiten sehr professionell. Hier wird sechs- bis siebenmal die Woche trainiert, mit einem Spiel am Wochenende. Die Spielerinnen haben individuelle Trainings- und Ernährungspläne, sind topfit. Dazu passt auch die perfekte Arbeit von Trainer Thomas Wörle: Er ist unglaublich akribisch, sehr ehrgeizig und ein überragender Trainer. Hier kann man sehen, wie ein Profileben aussieht.

Wie unterscheidet sich die Arbeit vom Praxis-Alltag?

Beim FC Bayern muss alles sehr viel schneller und genauer gehen. Als ich vor zwei Jahren angefangen habe, war ich überrascht von dem Tempo, in dem die Kollegen gearbeitet haben. Heute kann ich das selbst. Unser Grundkonzept ist, die Statik des ganzen Körpers zu prüfen. Wenn jemand Probleme hat, bringt es oft langfristig mehr Erfolg, die Ursache anzugehen als die Symptome. Das habe ich bei meiner Ausbildung anders gelernt, mittlerweile arbeiten wir auch in meiner Praxis so. Das Schöne ist, dass man nie auslernt. Man wird ständig mit neuen Sachen konfrontiert, kann Methoden ausprobieren und wird selbst besser.

Wie sieht die Arbeit intern aus?

Wir als Physios sind mit dafür verantwortlich, dass eine Spielerin schnell wieder zur Verfügung steht. Wir unterstützen so die Arbeit unserer Trainer. Unsere Athletiktrainerin und die Teamärztin geben uns die Pläne vor, was die Spielerinnen brauchen. Mit vielen Spielerinnen habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Einige fahren mittlerweile bei Problemen sogar zu mir in die Praxis nach Thannhausen. Das Vertrauen muss man sich erarbeiten.

Gibt es einen Erfahrungsaustausch mit den Physios der Männer?

Da gibt es wenig Kontakt.

Wie sieht es mit der Schweigepflicht aus?

Zu mir in die Praxis kommen einige Profi-Sportler aus verschiedenen Disziplinen. Aber die Namen darf man nicht nennen. Zum einen unterliegen wir einer ähnlichen Schweigepflicht wie Ärzte. Zum anderen ist es gerade bei Fußballern so, dass die Berater meistens ein Problem damit haben.

Wie sieht die Zukunft aus?

Ich freue mich darauf, dass wir nächste Saison in der Champions League spielen und durch Europa reisen. Das wird eine tolle Sache. Die Fragen stellte Adrian Bauer

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