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Kampfsport

08.05.2015

Mister Allkampf

Jakob Beck präsentiert seine Urkunde, die bestätigt, dass er jetzt auch Träger des 10. Dan in Taekwondo ist – ein Grad, der ehrenhalber verliehen wird.
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Jakob Beck präsentiert seine Urkunde, die bestätigt, dass er jetzt auch Träger des 10. Dan in Taekwondo ist – ein Grad, der ehrenhalber verliehen wird.

Jakob Beck erfand vor beinahe 50 Jahren die Selbstverteidigungssportart. Heute, mit 83, ist er deren Nestor

Der Mann, dem Hände wie Schraubstöcke nachgesagt werden, begrüßt seinen Gast erstaunlich soft. Zur anstehenden Gürtelprüfung ist für ihn ein Jury-Tisch im Dojo Kellerberg in Jettingen aufgestellt. Er setzt sich und gibt kurze, klare Kommandos. „Macht’s zuerst Gymnastik!“, fordert er die Prüflinge auf, die sich in der kommenden Stunde im Allkampf ihre höheren Weihen verdienen wollen. Vor ihnen sitzt „Mister Allkampf“ schlechthin: Jakob Beck. Er ist der Erfinder des Selbstverteidigungssystems, das seit beinahe fünf Jahrzehnten Elemente aus mehreren ostasiatischen Kampfsportarten vereint: Taekwondo, Jiu-Jitsu, Judo, Bo-Jitsu, Karate und Aikido.

83 Jahre ist Jakob Beck inzwischen alt, aber immer noch kräftig von Statur und mit tiefschwarzem, vollem Haar wie eh und je. Mit den Händen und Beinen klappt’s freilich seit einem Herzinfarkt vor zwei Jahren nicht mehr so wie zu der Zeit, als er einer der Kampfsport-Pioniere in Deutschland war.

Bereits Ende 1948 hatte Beck in Augsburg mit Judo-Training angefangen, in den 1960er Jahren zählte er dann in München zu den Meisterschülern des koreanischen Großmeisters Kwon Jae-Hwa. In der renommierten Kampfsportschule von Carl Wiedmeier, dem anerkannten Wegbereiter der zivilen Sicherheitsdienste in Deutschland, trainierte Beck seit 1962. Zwei Jahre später kam Kwon Jae-Hwa nach Deutschland und begann bei Wiedmeier, Taekwondo-Unterricht zu geben. Als Schützling dabei war Beck. „Am Anfang waren wir nur sieben Schüler“, erinnert er sich.

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Er nahm indes nicht nur am allgemeinen Training teil, sondern buchte als Erster bei dem Koreaner auch private Einzelstunden. Beinahe täglich war Beck, von Beruf Obstgroßhändler mit Geschäften in Burgau und am Tegernsee, morgens um 4 Uhr in der Münchner Großmarkthalle, kaufte ein, fuhr die Ware dann bis nachmittags um 15 Uhr zu seinen Kunden und ging danach von 17 bis 20 Uhr ins Training. Erst gegen Mitternacht gönnte er sich Nachtruhe.

Mit eisernem Willen und großer Disziplin perfektionierte er sich im Taekwondo. Die Sportart hatte mittlerweile – von der Keimzelle Wiedmeier/Kwon Jae-Hwa ausgehend – einen rasanten Aufschwung in Deutschland genommen. Bei Wiedmeier gingen bald 100, bald 800 Schüler ein und aus. Jakob Beck erlebte den Boom hautnah mit, da kam ihm die Idee seines Lebens.

„Ich fing an, Allkampf zu entwickeln“, sagt der gebürtige Donauschwabe lapidar, der nach Krieg und Vertreibung in Burgau sesshaft wurde und noch heute dort wohnt. Beck kombinierte unter anderem Kicks, Fauststöße, Formationen und Bruchtests aus dem Taekwondo und Karate sowie Griffe, Hebel und Würfe aus dem Jiu-Jitsu und Judo; er wandelte sie um und erfand dazu eigene, neue Elemente.

265 Selbstverteidigungstechniken umfasst jetzt das Allkampf-System, das eines seiner Hauptverbreitungs-gebiete im Raum Augsburg/ Günzburg hat. Becks erste Kampfschulen (Dojos) waren oder sind noch in Jettingen (Kellerberg), Steinekirch (Gasthof Prestele), Burgau (Haus Mattstedt) und Günzburg (Fitnessstudio Linzert). Betrieben wird Allkampf heutzutage aber auch im übrigen Deutschland, in Österreich, der Schweiz, in Italien, Tschechien, Ungarn, Kroatien, Griechenland und der Türkei.

Die internationale Dachorganisation trägt den Namen Budo-Center Europa. Jakob Beck ist seit der Gründung am 8. April 1968 deren Präsident. Seine sportlichen Meriten sind glänzend: Er ist Inhaber des höchsten Meistergrades, der vergeben wird (10. Dan), im Allkampf, Jiu-Jitsu und neuerdings auch im Taekwondo. Seine Mitstreiter im Budo-Center Europa verliehen ihm vor Kurzem die äußerst seltene Eh-renauszeichnung. „Ab dem 1. Dan darf man den Schwarzen Gürtel tragen. Bis zum 6. Dan kann man sich im Allkampf durch sportliche Vervollkommnung steigern. Die darüber liegenden Grade werden ehrenhalber verliehen“, erklärt Beck, der auch noch den 8. Dan Bo-Jitsu und den 3. Dan Judo innehat.

Zurück im Dojo Kellerberg in Jettingen bei der Gürtelprüfung: „Tschaju-Kinge“, ruft Juror Beck. Die Prüflinge erwidern und nehmen Haltung an. Die Gürtelprüfung ist zu Ende, alle haben bestanden, Jakob Beck lobt.

Bevor er wieder heimfährt nach Burgau, will er noch etwas loswerden: „Allkampf ist kein Tummelfeld für Schlägertypen“, sagt er. „Es handelt sich um eine Selbstverteidi-gungssportart, die einem hilft, sich zu wehren, wenn man angegriffen oder bedroht wird.“ Seit Jahrzehnten lehrt die bayerische Polizei in der Ausbildung Becks System. Fritz Kinzel (Allkampf 7. Dan) ist Cheftrainer bei der Bereitschaftspolizei in Königsbrunn; er weiß, was seine Sportart Jakob Beck zu verdanken hat: „Er ist unser Großmeister, unser aller großes Vorbild. Ohne ihn gäbe es unseren Sport nicht.“

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