„Wir wollen die Leute mitnehmen“: Wie im Landkreis Günzburg der Klimaschutz vom kleinen her gedacht wird
Landkreis Günzburg
„Wir wollen die Leute mitnehmen“: Wie im Landkreis der Klimaschutz vom Kleinen her gedacht wird
Thomas Steigerwald ist Klimaschutzmanager in Günzburg. Er erklärt, wie die Industrie die Wende voranbringt und warum Klimaschutz nichts Anstrengendes sein muss.
Steigerwald ist Klimaschutzmanager im Landkreis Günzburg. Es ist als direkter Ansprechpartner seine Aufgabe, Bürgerinnen und Bürger sowie Firmen über Klimaschutz zu informieren und bei der Umsetzung von konkreten Maßnahmen zu helfen. Nicht mit Vorschriften, sondern mit Freude und Optimismus. Seine Message: „Klimaschutz ist nichts Anstrengendes und jeder kann eine Kleinigkeit dazu beitragen.“
Die Klimabewegung kam mit Fridays For Future in Fahrt
Zudem besucht er in Grundschulen und Kindergärten, um dort über Klima- und Umweltschutz zu sprechen. Vor allem aber ist er federführend für das Klimaschutzkonzept des Landkreises verantwortlich, welches Ziele und Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen aufzeigt.
Thomas Steigerwald ist Klimaschutzmanager im Landkreis Günzburg.Foto: Landratsamt Günzburg
Kriege in der Ukraine und im Mittleren Osten lassen die Ölpreise steigen
Gerade die Firmen im Landkreis seien bei dem Thema schon sehr weit, erklärt der Klimaschutzmanager. Gerade im Energiebereich wollen alle möglichst schnell unabhängig werden. „Die Kosten für fossile Energie sind in Zukunft schwer kalkulierbar.“
Seit der Coronapandemie sowie den Kriegen in der Ukraine und im Mittleren Osten sind die weltweiten Ölpreise stark gestiegen. Durch den europäischen Emissionshandel, einen wichtigen Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität, werden fossile Brennstoffe noch teurer.
Im Landkreis Günzburg entstammt knapp 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien
Das macht regenerative Energiegewinnung wie durch Wind und Sonne immer attraktiver. Im Landkreis Günzburg ist die Umstellung auf erneuerbare Energien bereits sehr weit fortgeschritten. Laut Zahlen des Landratsamtes betrug deren Anteil am Gesamtstromverbrauch im Jahr 2023 bereits bei mehr als 84 Prozent.
Neuere Zahlen gibt es nicht, das Landratsamt schätzt den heutigen Anteil auf knapp 89 Prozent des Stromverbrauchs.Zum Vergleich: Deutschlandweit wurden 2025 knapp 62 Prozent des Stroms nachhaltig produziert. Ein Rekordwert.
Knapp die Hälfte der regenerativen Energiegewinnung im Landkreis, rund 44 Prozent, entfällt dabei auf Photovoltaikanlagen. Weitere 30 Prozent stammen aus Wasserkraftanlagen, etwa 22,5 aus Biomasse. Auf Windräder entfallen nur knapp mehr als drei Prozent.
Damit sich Bürger am Klimaschutz beteiligen können, wurde der CO₂-Marktplatz ins Leben gerufen
Auch der Landkreis selbst habe schon viel gemacht, sagt der Klimaschutzmanager. Die Flotte wird schrittweise auf E-Autos umgerüstet, PV-Anlagen auf Gebäuden installiert und Gebäude energetisch sinnvoll renoviert. Aber vor allem will Steigerwald die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Günzburg ermutigen, mitzumachen. „Wir wollen die Leute mitnehmen und den Klimaschutz nicht kleinreden“, sagt er. „Es ist eine gemeinsame Aufgabe, die auch am meisten Spaß macht, wenn man sie zusammen angeht.“
Damit sich Bürgerinnen und Bürger an Projekten beteiligen können oder direkt selbst welche initiieren, wurde der vom Digitalministerium geförderte CO₂-Marktplatz ins Leben gerufen. Auf der Website können neue Klimaschutzprojekte eingereicht werden. Alternativ bietet man seine Mithilfe bei bestehenden an, etwa durch aktive Mitarbeit oder Spenden. „Die Idee war unter anderem, die Menschen im Landkreis auf eine relativ einfache Art und Weise für lokalen Klimaschutz zu gewinnen“, erklärt Steigerwald.
Klimaschutzmanager Thomas Steigerwald will Leuten nichts verbieten, sondern setzt auf Freiwilligkeit
Besonders stolz ist er auf zwei Projekte, die über den Marktplatz ins Leben gerufen wurden. Zum einen die Baumpflanzaktion beim Dominikus‑Ringeisen‑Werk, zum anderen die Moorprojekte im Landkreis. „Wir haben einen der größten CO₂-Binder, die es gibt, das sollten wir nutzen“, sagt der Klimamanager. „Jeder dort investierte Euro ist gebundenes CO₂.“
2021 war der Klimaschutz noch ein echtes Topthema in Bayern. Von damals stammt auch die Ankündigung des Ministerpräsidenten, große Moorflächen wieder zu vernässen.Foto: Peter Kneffel, dpa (Archivbild)
Aber das Allerwichtigste in Sachen Klimaschutz sei folgende Frage: „Brauche ich etwas dringend, oder kann ich darauf verzichten oder zumindest reduzieren?“, erklärt der Klimaschutzmanager. Er will jedoch niemandem etwas verbieten; alles soll freiwillig laufen. „Ich will die Leute mitnehmen“, erklärt Steigerwald. Um den Bürgerinnen und Bürgern ein Gefühl zu geben, wie hoch ihr jährlicher CO₂-Ausstoß ist, wurde der CO₂.-Rechner vom Landratsamt ins Leben gerufen.
Im CO₂.-Rechner des Landratsamts können Bürgerinnen und Bürger ihren CO₂-Jahresverbrauch berechnen
Das Prinzip ist einfach: Die Nutzerinnen und Nutzer beantworten 35 allgemein gehaltene Fragen über Heizen, Flugreisen und Ernährungsgewohnheiten. Heraus kommt ein geschätzter CO₂-Jahresverbrauch. „Es ist ein spielerischer Ansatz, sich mit dem Thema zu befassen, kein anklagender“, erklärt Steigerwald.
Bleibt nur das Problem, dass der Klimaschutz ins Hintertreffen geraten ist. Laut einer Studie von Ipsos, einem der weltweit größten Meinungsforschungsinstitute, liegt der Klimawandel nur auf Platz Neun der wichtigsten politischen Probleme in Deutschland. Soziale Ungleichheit, Inflation und Kriege haben den Klimaschutz förmlich von der öffentlichen Landkarte gefegt.
Laut einer Studie von Ipsos liegt der Klimawandel nur auf Platz Neun der wichtigsten politischen Probleme in Deutschland
Steigerwald will sich davon nicht entmutigen lassen. „Der Klimaschutz wird kleiner geredet, als das Interesse bei den Menschen dafür ist.“ Gleichzeitig verstehe er, dass für manche Leute in der aktuellen Lage andere Themen wichtiger seien.
Jedoch schließen sich die Probleme nicht unbedingt gegenseitig aus. Wer weniger heizt, schadet weniger dem Klima und schont den eigenen Geldbeutel. Oder man fährt mit dem Fahrrad zum Bäcker. „Es gibt so viele kleine Dinge, die gar nichts kosten, aber eine gute Wirkung haben“, sagt Steigerwald. „Ich will die Leute mitnehmen und den Klimaschutz nicht kleinreden.“
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