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Babenhausen

04.07.2020

100 Jahre Café Fahrenschon: Von Eis, Polonaise und Käsefondue

Das Café Fahrenschon ist über Babenhausen hinaus bekannt.
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Das Café Fahrenschon ist über Babenhausen hinaus bekannt.
Bild: Sabrina Schatz

Plus Das Café Fahrenschon in Babenhausen wurde am 4. Juli 1920 eröffnet - vor 100 Jahren. Erinnerungen an das Eismachen per Hand, an Polonaise durch die Gaststube und Käsefondue.

Eismaschine anschalten – fertig. So einfach war das früher nicht. Um eine Kugel Eis verkaufen zu können, musste der Gründer des Café Fahrenschon schon kräftig anpacken. Mit Körben stieg er in die Keller des Fuggerschlosses hinab, um eingelagertes Natureis zu holen. Das kam samt Salz in ein Holzfass. Einen Metallkessel mit Milch, Rahm, Zucker eingesetzt, die Handkurbel gedreht und gedreht – cremig wurde das Speiseeis. Für einen „Bollen“ davon nahm mancher einen Fußmarsch von Greimeltshofen nach Babenhausen in Kauf, erzählt man sich. Verkauft hat das Eis lange Zeit ein Mädchen. Gertrud Marx, geborene Fahrenschon, heute 82. Ihre Eltern haben am 4. Juli vor 100 Jahren das gleichnamige Café an der Fürst-Fugger-Straße eröffnet – eine Institution in Babenhausen und weit darüber hinaus bekannt.

Das Jahrhundert spiegelt sich in vielen Ecken wider. Das Fischgrätparkett stammt noch aus den Anfangsjahren und knarrt dennoch kaum unter den Füßen. Polstersessel stehen neben Holztischen in unterschiedlichen Formen und Größen, auf die wohl schon unzählige Kaffeetassen und Tortenteller gestellt worden sind. Bodenlange Gardinen, ein funkelnder Deckenleuchter. Und dann tigert auch noch eine streichelbedürftige Katze durch die Gaststube, die sich ins Haus gestohlen hat. Wohnzimmergefühl.

Frühere und heutige Café-Betreiber (von links): Gertrud Marx, geborene Fahrenschon, mit Fred Strittmatter und Gretel Salzgeber.
Bild: Sabrina Schatz

Malen und Kaffeetrinken

Shirkhan gehört eigentlich nicht zum Inventar, wohl aber die bunten Bilder an den Wänden. Gemalt hat sie Gretel Salzgeber, 68, die das Café seit 2008 mit ihrem Mann Fred Strittmatter führt. Als freischaffende Künstler, gestehen sie, hatten sie zu Beginn eigentlich keine Ahnung von Gastronomie. „Wir haben dann einfach angefangen“, sagt Strittmatter, der heuer 70 wird und dem seine Schweizer Herkunft anzuhören ist. Und so buk der Schauspieler, der auf Bühnen steht und schon im Fernsehen zu sehen war, fortan eben auch noch Apfelkuchen. Die Gäste – Platz ist drinnen für 50 Personen – behandelten die beiden Wirte, wie sie selbst wünschten, als Gäste behandelt zu werden.

Mit ihren Fähigkeiten verliehen Salzgeber und Strittmatter dem Café eine neue, eigene Note. Malkurse, Ausstellungen, 72 Literaturabende, Käsefondue: „In den ersten Jahren haben wir viel gemacht“, sagt die Malerin und lächelt. „Jetzt ist es etwas ruhiger geworden.“ Zuletzt zu ruhig. Wegen Corona blieben die Türen ganz geschlossen. Wie damals, während der Kriegsjahre und in der Zeit danach, als Geflüchtete die Räume bewohnten.

Gertrud Marx weiß viel über die Geschichte des Cafés. Das 1900 errichtete Gebäude beherbergte zunächst eine Bäckerei mit Lebensmittelladen. Daher auch das „Mauerbäck“-Schild an der Fassade. Das Café eröffneten Margarete und Fritz Fahrenschon am 4. Juli 1920, einem Sonntag. Tochter Gertrud besitzt ein kleines Büchlein, in dem vermerkt ist, wie viel Geld an jenem ersten Tag in die Kasse kam: 600 Mark. Anfangs, erzählt sie, da sei die Mutter wohl noch ganz unglücklich gewesen. Sie hatte in einem Würzburger Café gelernt, zog dann von der Stadt nach Babenhausen, aufs Land – und wunderte sich, dass dort manchmal ein halber Apfelkuchen am Tag genügte, um die Gäste zu verköstigen.

Interessante Entdeckung: Alte Reklame hängt innen an einer Schranktür.
Bild: Sabrina Schatz

Der Laden lief zunächst parallel weiter. Noch heute führen zwei Eingangstüren ins Haus. Auf der linken steht „Laden“, auf der rechten „Café“.

Anfang der 60er-Jahre legten Fritz und Margarete Fahrenschon aus Altersgründen das Kaffeehaus still; nur das Lebensmittelgeschäft blieb bestehen. In den 70ern, „als die Supermärkte kamen“, schloss auch dieses. „Aber irgendwie musste es ja weitergehen“, erinnert sich Tochter Gertrud. Die Konsequenz: Sie belebte die Gastronomie wieder. Last oder Lust? „Ich hab es gern gemacht. Aber das war für die Familie schon einschneidend: Kein Sonntag war mehr frei“, sagt Marx.

Kinderbälle waren legendär

Dafür haben sich mit den Jahren jede Menge Erinnerungen angesammelt. An die Kinderbälle, bei denen Polonaise getanzt wurde („Mein Gott, da sah es immer aus! Konfetti überall.“). An Stammtisch-Runden und an Gäste, die sich einen etwas versteckten Platz ausgesucht haben. Musste ja nicht jeder mitbekommen, dass Herr und Dame auch werktags ins Café gehen. Fred Strittmatter hat auch eine Anekdote parat: „Einer saß mal ganz gerührt auf dem Sofa da drüben und hat erzählt: Da saß ich nach meiner Konfirmation. Mit der neuen Uhr.“

Ende der 90er übergab die Gründertochter das Café. Zwei Pächter betrieben es je fünf Jahre lang, ehe Fred Strittmatter und Gretel Salzgeber, die schon während ihrer Kindheit im Fahrenschon Eis „geschlotzt“ hatte, übernahmen.

Früher beherbergte das Gebäude an der Fürst-Fugger-Straße auch einen Lebensmittelladen. Das Bild zeigt Gertrud Marx’ Großmutter.
Bild: Sabrina Schatz

Gertrud Marx, das Mädchen, das einst Eis verkaufte, leistet noch heute einen Beitrag im Café, das ihrer Meinung nach seinesgleichen sucht. Die Seniorin bereitet – wen überrascht’s? – Eis zu. Sieben Sorten gibt es im Sommer, im Winter auch mal die Geschmacksrichtung Zimt. Ein Holzfass braucht sie dazu freilich nicht mehr, das hat längst ausgedient. In der Nachkriegszeit schaffte sich die Familie eine modernere Sole-Eismaschine an.

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