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Unterallgäu

28.06.2017

60-Jähriger entführt seine Ex-Freundin

Klebeband, Einweghandschuhe, Draht, Müllsäcke und Tierabwehrspray im Auto des Angeklagten lassen auf weitere Pläne außer der Entführung schließen.
Bild: Alexander Kaya

Der Mann hielt der 50-jährigen Unterallgäuerin ein Messer an den Hals und zwang sie, mit in sein Auto zu steigen. Nun stand er vor Gericht – und präsentierte eine völlig andere Version der Geschichte

Es ist ein Novembermorgen gegen dreiviertel sechs, als eine 50-jährige Frau aus dem Unterallgäu ihre Wohnung verlässt. Gleich beginnt ihre Schicht. Sie hat es eilig, denn sie ist etwas spät dran. Wie immer geht sie zu Fuß, denn die Strecke ist kurz. In die Whatsapp-Gruppe der Familie schreibt sie noch schnell, dass sie sich jetzt auf den Weg in die Arbeit macht. Doch dort kommt sie an diesem Tag nicht an.

Ihr ehemaliger Lebensgefährte, mit dem sie zwei Monate zusammen war, kommt mit schnellen Schritten auf sie zu. Sie erschrickt, bleibt stehen. Er packt sie an den Haaren, zieht ihren Kopf nach hinten und hält ihr ein Messer an die Kehle. So zwingt der 60-Jährige die weinende Frau, in sein Auto einzusteigen. Immer wieder bittet sie ihn, sie gehen zu lassen, sie müsse in die Arbeit.

Gemeinsam fahren sie nach Freising, wo er lebt. Dort sperrt er sie in der Wohnung ein, bis die Polizei am Nachmittag kommt, um sie zu befreien.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Mann die 50-Jährige gegen ihren Willen zu sich nach Hause nimmt. Damals hatte sie ihn wohl noch überreden können, sie wieder gehen zu lassen. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, hieß es vor Gericht. Seit dem Beziehungsende im April 2016 folgt ihr der 60-Jährige. „Er hat immer gewusst, wo ich bin“, sagt die Frau vor Gericht.

Der Angeklagte selbst, der ohne Rechtsanwalt gekommen ist, streitet die Taten ab, die ihm zur Last gelegt werden. Er habe in dieser besagten Novembernacht 2016 nicht schlafen können und sei deshalb ins Unterallgäu gefahren, um bei seiner Ex-Freundin „Dinge“ abzuholen, die sie von ihm genommen hätte. Welche das konkret seien, lässt er sich erst nach fünfmaliger Aufforderung entlocken: Schmuck und ein Drucker. Er habe in der Nähe ihrer Wohnung gewartet, als seine Ex-Freundin plötzlich an sein Autofenster geklopft hätte und bei ihm eingestiegen sei. Sie hätte ihn aufgefordert, loszufahren, aber kein konkretes Ziel genannt, also sei er mit ihr zu sich nach Hause nach Freising gefahren. Er habe sie nicht eingesperrt. Erst dort habe sie gesagt, dass sie eigentlich zur Arbeit müsse. Während der Fahrt habe die Frau die ganze Zeit in ihrer Muttersprache Rumänisch telefoniert.

Eine ganz andere Version des Tages erzählen die Frau und ihre 18-jährige Tochter. Letztere erfuhr von der Arbeitsstelle ihrer Mutter, dass diese nicht erschienen war. Vergeblich versuchte sie, die 50-Jährige auf dem Handy zu erreichen. Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen informierte sie die Polizei. Irgendwann am frühen Nachmittag schaffte es die Frau, ihren Entführer davon zu überzeugen, dass sie kurz mit ihrer Tochter telefonieren darf. Sie durfte ihr zwar nicht verraten, wo sie sich befand. Doch die 18-Jährige hatte schnell eine Vermutung. So konnte die Polizei die Frau befreien.

„Warum sind Sie nicht davon gelaufen?“, fragt Richterin Brigitte Mock die Frau. „Wohin?“, antwortet diese nur. Sie habe unter Todesangst gelitten. „Er hätte mich eingeholt“, sagt sie, und auf der Straße sei am frühen Sonntagmorgen niemand gewesen. „Ich konnte nicht schreien.“ Die Erinnerung treibt ihr die Tränen in die Augen. Auf der Fahrt habe ihr Ex-Freund wenig gesprochen, sei sehr nervös gewesen. Später, in der Wohnung, verbrachte sie die Stunden damit, auf dem Stuhl und auf dem Sofa zu sitzen. Er machte ihr Vorhaltungen, dass sie an allem schuld sei. „Ich habe ihm sein Herz gebrochen, sagte er, und dass ich einen hohen Preis zahlen muss.“ Sie habe ihn gefragt, was er von ihr wolle und er habe geantwortet: „Du musst das fühlen, was ich fühle.“

Kurz vor der Befreiung durch die Polizei hatte der 60-Jährige eine Bekannte angerufen, damit sie zu ihm kommt – angeblich, um seine Ex-Freundin wieder zurück ins Unterallgäu zu fahren, weil er zu müde dafür sei. Doch die Frau, die ebenfalls vor Gericht erschien, wusste nichts von dem Plan des 60-Jährigen. Ihr sei die Situation in der Wohnung aber seltsam vorgekommen: Ihr Bekannter habe ihr erzählt, dass er die fremde Frau bei sich behalte, um Geld von ihrem Partner zu bekommen, das dieser ihm schulde – eine Geschichte, die sich als falsch herausstellte. Seit dem Polizeieinsatz habe sie keinen Kontakt mehr zu dem 60-Jährigen.

Von seiner Ex-Partnerin muss sich der Mann künftig fernhalten. Sie leidet bis heute unter Alpträumen. „Psychisch bin ich kaputt“, sagt sie und kämpft mit den Tränen. „Ich habe immer Angst, egal, wo ich bin.“ Im August wollen sie und ihre Tochter wegziehen. Ihr ehemaliger Lebensgefährte hat sie der Freiheit beraubt; gewalttätig wurde er dabei nicht. Womöglich hatte die 50-Jährige noch Glück – denn im Wagen des Mannes fanden sich offensichtlich Utensilien, die darauf schließen lassen, dass er nicht zufällig in einer schlaflosen Nacht zu ihr gefahren war: Klebeband, Einweghandschuhe, Draht, Müllsäcke. Auch ein Tierabwehrspray entdeckte die Polizei.

Er habe die Dinge bei einer früheren Renovierung gebraucht und sie dann im Auto gelassen, sagt der Mann vor Gericht. Auch für das 8,5 Zentimeter lange Klappmesser, das in seiner Jackentasche steckte, hat er eine Erklärung. Richterin Mock spricht jedoch von „Märchen“ und verurteilt den Mann zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten mit einer Bewährungszeit von drei Jahren. Eine Geldstrafe könne bei dieser Tat nicht mehr verhängt werden, erklärt Mock. Der 60-Jährige war Arzt und ist vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland gekommen. Hier hat er unter anderem als Hilfsarbeiter gearbeitet, weil sein Diplom nicht anerkannt wurde. Inzwischen ist der Witwer arbeitslos und lebt von Hartz IV. Er darf sich seiner ehemaligen Lebensgefährtin nicht mehr nähern und muss 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Der 60-Jährige sah bis zuletzt seine Schuld nicht ein, nahm das Urteil aber an.

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