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23.08.2018

Als das Illertal gegen "den Sender" auf die Barrikaden ging

1968 verhinderten Bürger im württembergischen Illertal den Bau einer Großsenderanlage der Bundespost. Höhepunkt des Widerstands war im März 1968 eine Demonstration auf dem Dettinger Sportplatz.
Bild: privat/oH

Im Jahr 1968 verhinderten Bürger den Bau einer Großsenderanlage der Bundespost. Ein Rückblick.

„Lasst uns in Ruhe“, „Wir wollen keinen Großsender“, „Kommt der Sender her, gibt’s keinen Zuzug mehr“: Botschaften aus dem Jahr 1968, als das Illertal in Aufruhr war. Grund waren Pläne der Bundespost, im Illertal eine große Senderanlage für die Deutsche Welle zu bauen. Aus der Bevölkerung gab es massiven Widerstand, der im März 1968 in einer Demonstration auf dem Dettinger Sportplatz gipfelte. Mehr als tausend Illertaler waren gekommen, Hunderte Transparente sprachen eine klare Sprache. Die Bundespost gab ein halbes Jahr später ihre Pläne auf.

Sie hatte zwei Sendekomplexe geplant, die vier Kilometer auseinanderliegen und je 90 Hektar Gelände beanspruchen sollten. Zu jedem Komplex gehörten ein Betriebsgebäude sowie drei 1,5 Kilometer lange und 200 Meter breite Antennenstraßen, in denen jeweils 96 Gittertürme und Masten mit einer Höhe bis zu 125 Meter Höhe hätten entstehen sollen. Knapp 180 Millionen D-Mark wollte sich die Bundespost das Projekt kosten lassen, um mit der Deutschen Welle täglich Nachrichten in 28 Sprachen für die ganze Welt zu verbreiten. Einer, der die Aufregung Ende der 1960er-Jahre miterlebte, ist Franz Lang. Der Dettinger war als 18-Jähriger bei der Demonstration auf dem Sportplatz dabei und erinnert sich gut an den „gewaltigen Wirbel“, den die Senderanlage im Illertal ausgelöst hatte. „Für uns war das wirklich eine Bedrohung“, erzählt Lang, der heute das Dorfmuseum in Dettingen leitet.

Verschärft wurde das Thema durch die A7, die seinerzeit noch nicht gebaut, aber bereits in Planung war. „Durch die Autobahn und den Zubringer bis Erolzheim hatten die Bauern schon viele Grundstücke verloren“, so Lang. Einige Landwirte fürchteten um ihre Existenz. Anderen Bürgern ging es schlicht um die Verunstaltung des Illertals.

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Illertal: Die Gemeinden taten sich zusammen

Die Gemeinden Kirchberg, Dettingen, Erolzheim, Kirchdorf, Oberopfingen und Berkheim – alle im Landkreis Biberach – gründeten die Schutzgemeinschaft Illertal, um gemeinsam stärker auftreten zu können. Der Sprecher der Schutzgemeinschaft, Kirchbergs damaliger Bürgermeister Ferdinand Remlinger, sagte bei der Protestaktion in Dettingen: „Die Sorge um das Illertal, um unsere Heimat, hat uns heute zusammengeführt.“ Die Illertaler hätten schon viel Land hergegeben und seien auch bereit, für die geplante Autobahn Land zu opfern. „Aber nun ist es genug, jetzt ist Schluss“, so Remlinger.

Redner aus der Landes- und Bundespolitik folgten, den Schlusspunkt setzten aber die Illertaler Bauern. Sie zündeten ein selbst gebautes Sendermodell an: eindrucksvolle Bilder, die durch die Medien gingen. Zunächst sah es aber nicht so aus, als ob die Anstrengungen auf fruchtbaren Boden fallen würden. Drei Wochen nach der Demo führte die Bundespost in einer Stellungnahme erneut Vorzüge des Standorts auf: ebenes Gelände, günstiger Grundwasserspiegel, keine anderen Funkstellen in der näheren Umgebung und die südliche Lage, um eine „wirkungsvolle Funkausbreitung der Kurzwelle nach Nordamerika“ zu erreichen: „Da aber in ganz Süddeutschland kein annähernd gleiches, ebenes Gelände vorhanden ist, bleibt für den Platz der Großsendeanlage nur das Illertal.“

Umso überraschender die Kehrtwende im Oktober 1968: Die Bundespost legte ihre Pläne im württembergischen Illertal auf Eis und bevorzugte ein Gelände östlich der bayerischen Gemeinde Ettringen an der Wertach – ein Standort, der zuvor als ungeeignet bezeichnet worden war.

Die Kurzwellensendeanlage Wertachtal ist inzwischen ebenfalls Geschichte. Im April 2013 stellte die zuletzt zuständige Media Broadcast den Sendebetrieb ein. Ein Jahr später begann der Abriss. Da sich das Hin und Her in Sachen Großsenderanlage zum 50. Mal jährt, gibt es im Dorfmuseum Dettingen die Sonderausstellung „Das Drama mit der Deutschen Welle“. (tor/sz)

Ausstellung: Zu sehen ist die Ausstellung beim Museumsfest am Sonntag, 7.Oktober. Zudem gibt es auf Anfrage Gruppenführungen, Telefonnummer: 07354/7053.

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