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Neu-Ulm

03.11.2015

Als das Wiley noch ein Gefangenenlager war  

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Heute ist das Wiley ein innerstädtisches Naherholungsgebiet, vor 70 Jahren lebten auf dem ehemaligen Kasernengelände zigtausende Kriegsgefangene auf engstem Raum und unter widrigsten Bedingungen.
Bild: Gerrit R. Ranft

Vor gut 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg – für tausende Insassen von Lagern ging er allerdings noch weiter.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zählt das Wiley zu den begehrtesten Stadtvierteln Neu-Ulms. Wo einst Kasernen standen, sind heute moderne Häuser und großzügige Grünanlagen mit vielen Freizeitangeboten zu finden. Viele derer, die heute dort wohnen und spielen, wissen nicht mehr, was noch vor 70 Jahren auf genau diesem Gelände geschah. Unser Mitarbeiter Gerrit-R. Ranft hat sich auf Spurensuche begeben.

Zwischen Ende April 1945 und Oktober 1946 unterhielten die amerikanischen Besatzungstruppen in der damaligen Ludendorff-Kaserne, dem heutigen Wiley-Nord, und den südöstlich angrenzenden Kornfeldern das gut 50 Hektar große Kriegsgefangenenlager „PWTE 314“. Wie viele Menschen dort auch nach dem offiziellen Kriegsende festgehalten wurden, ist unklar. Die Gefangenen wurden bei ihrer Einlieferung nicht registriert. Die Angaben schwanken zwischen 60000 und 80000 – alle Schätzungen beruhen auf Angaben der einstigen Gefangenen und deren Erinnerungsvermögen. Das mit Wachtürmen und einem Zaun aus Stacheldrahtrollen gesicherte Lager unter freiem Himmel war mit weiteren Stacheldrahtreihen in einzelne Abteilungen gegliedert, die jeweils rund 10000 Mann aufnehmen konnten.

Georg Wandelt, der aus Schlesien stammte und später nach Kanada auswanderte, hat seine Erinnerungen an das Lager schon 1951 in seiner „Geschichte meiner Familie“ verarbeitet und 1993 in einer englischen Fassung drucken lassen. „Nach einer nicht enden wollenden Fahrt, auf der wir durchgeschüttelt und zusammengepresst wurden bis nahe ans Ersticken, weil wir eng wie in einer Sardinenbüchse auf diesen dreiachsigen Armeelastern standen, kamen wir zu einem großen Feld nahe Neu-Ulm, wo sich, wie uns gesagt wurde, ungefähr 125000 Gefangene befanden.“ Jedem Insassen wurden knapp zwei Quadratmeter Grund auf einem sprießenden Getreidefeld zugewiesen – ohne jeglichen Schutz gegen die Witterung.

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Der spätere Papst, Joseph Ratzinger, der ebenfalls in dem Neu-Ulmer Lager gefangen war, hält in seiner Autobiografie fest: „Bis zum Ende der Gefangenschaft lagen wir im Freien. Einzelne Glückliche hatten ein Zelt mitgebracht. Bei Regen bildeten sich Zeltgemeinschaften, die notdürftig vor den Unbilden des Wetters schützten.“

Florian Frei, der seine Eindrücke 1995 auf elf Schreibmaschinenseiten festgehalten hat, teilte sich seine Lagerfläche mit dem Freund Max aus Oberstaufen. Sie rupften den kniehoch stehenden Roggen, nutzen ihn als Unterlage für eine mitgebrachte Wolldecke, die zweite diente als Zudecke. „Wenn es zu regnen anfing, sind wir aufgestanden, haben die Decke kleingefaltet über den Kopf gehalten und so viele Stunden stehend zugebracht“. Ähnlich auch Waldemar Ray, der „auf nacktem Ackerboden ein kärgliches Dasein fristete“. Er kam schon nach vier Wochen frei, weil er behauptet hatte, Landwirtschaftsschüler zu sein. Die wurden jetzt auf dem Lande gebraucht. Auch mancher Akademiker gab sich daraufhin als Bauer aus, schreibt Ratzinger.

„Ekelerregender Gestank kam von den Latrinen, die nichts anderes waren als ein paar nicht sehr tiefe Löcher im Boden“, schreibt Georg Wandelt. In Florian Freis Lagerbereich war ein Graben ausgehoben und mit einem Sitzbalken versehen. „Problematisch war für uns, dass wir kein Papier hatten und dort auch kein Wasser war.“ Immerhin streuten Sanitätssoldaten täglich Chlorkalk in die Gruben und deckten alles mit ein wenig Erde ab.

„Die Läuse machten uns das Leben zur Hölle.“ Als Entlausung angesetzt wurde, war der Andrang riesig. Wandelt und ein paar Freunde stellten sich um drei Uhr nachts vor dem Tor auf, obwohl es erst um acht geöffnet wurde. „Anschließend fühlten wir uns wie neugeborene Babys“.

Georg Wandelt überliefert auch dies: „Da gab es ein paar Wachposten, die wir die Texas Rangers Goldgräber nannten“. Tagsüber gingen sie umher und sahen sich die Gefangenen aus der Nähe an und versuchten mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Wenn sie einen Gefangenen mit Goldzähnen entdeckten, kamen sie in der Nacht zurück und rissen ihm die Goldzähne aus dem Mund“. Wenn wir nachts Schmerzensschreie hörten, wussten wir, dass sie wieder da waren.

Die Verpflegung bestand aus einem Schöpflöffel Suppe und ein wenig Brot pro Tag, hält Ratzinger fest. „Die tägliche Suppe war warmes Wasser mit Kraut, gelbe Rüben oder Kartoffeln als Einlage“, schreibt Frei. Die Essenausgabe begann morgens gegen neun und zog sich bis in die Nacht hin. „Abwechselnd ging immer nur einer von uns zum Essenempfang, denn es war ratsam, dass einer auf unser bisschen Zeug achtgab“.

Überleben wurde zu einem existenziellen Kampf, stellt Wandelt fest. Er hatte eine Art Teller aus Aluminium gefunden, den er für seine Suppe nutzte. „Aber es fiel schwer, bei dem ständigen Gedränge und Geschubse Irgendetwas auf dem flachen Geschirr zu transportieren“. Wandelt berichtet von Ackerwagen, die tagelang vor dem Lager gestanden hätten. „Sie brachten Nahrungsmittel für uns, durften sie aber nicht abladen. Erst als Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz nach einer Inspektion des Lagers inakzeptable Verhältnisse festgestellt hatten, „durften die Bauern uns ihre Geschenke bringen“.

Erstaunlich, dass trotz der kaum erträglichen hygienischen Bedingungen und der unzureichenden Verpflegung keine größeren Krankheiten oder gar Seuchen wie in anderen Lagern ausbrachen. Wohl aber starben viele Gefangene, ob aus Hunger, Auszehrung oder an einer Erkrankung ist nicht bekannt. Manche Berichte sprechen von zehn bis zwölf Toten täglich, die nachts weggefahren worden seien. Wirklich gesehen hat die Transporte aber keiner der Zeugen.

Zahlen zu den Gestorbenen sind nicht bekannt, eben so wenig ihre Grabstätten. Das „Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm hat in einem Forschungsbericht festgestellt: „Wo die Toten des Lagers Neu-Ulm ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben“. Das Lager auf der Grünen Wiese wurde, nachdem nach und nach die Gefangenen entlassen worden waren, Ende Juli 1945 aufgelöst.

Außer dem freien Feld, auf dem Zehntausende deutscher Soldaten zusammengepfercht waren, bestand in der eigentlichen Ludendorff-Kaserne ein Lager für Offiziere und Generäle. Sie hausten in Pferdeställen und auf Dachböden – gegen ungünstige Witterung zwar geschützt, aber ebenso entwürdigend wie die „Landser“ draußen. Dieses Lager bestand bis in die zweite Jahreshälfte 1946.

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