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Illertissen

15.06.2020

Als in Illertissen die Militärregierung herrschte

Ein Blick in die historische Krankenhausstraße mit dem alten AOK-Gebäude rechts, wo sich das Quartier der Militärregierung befand.

Plus Vor 75 Jahren war die Stadt in einer Ausnahmesituation. Quellen aus dem Stadtarchiv zeigen: Es ging ums Überleben.

Kartoffelkäfer sammeln als Klassenaufgabe, Strafen für Verkäufe ins benachbarte Baden-Württemberg: Vor 75 Jahren galten strenge Regeln für die Menschen in Illertissen. Um das Leben unter der Militärregierung geht es in dieser Folge unserer Reihe Geschichten aus der Geschichte.

Es seien Eingriffe in Persönlichkeitsrechte wie seit 75 Jahren nicht mehr – so urteilen Kritiker über derzeitige Maßnahmen zum Schutz vor dem Covid-19-Virus. Und prangern ihren Sinn oder auch die Vorgehensweise der Behörden an. Doch wie war das vor 75 Jahren wirklich? Als etwa die amerikanische Militärregierung in Illertissen zum Sammeln von Kartoffelkäfern aufrief und etwaigen „Drückebergern“ mit dem Entzug von Lebensmittelkarten drohte? Hans Ranker, Stadtarchivar in Illertissen, hat Spannendes und Kurioses aus der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entdeckt. Seine Quellen: „Amtliche Bekanntmachungen der Marktgemeinde Illertissen auf Befehl der Militärregierung.“

Die Amerikaner quartierten sich bei der Ortskrankenkasse ein

In Illertissen marschierten die Amerikaner am 24. April ein. Sie bezogen im damaligen Gebäude der Ortskrankenkasse (heute AOK) an der Krankenhausstraße Quartier. Nach dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai bestimmten sie den stellvertretenden Bürgermeister Alois Kolb zum Rathauschef.

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Bild: Stadtarchiv

Er musste die von ihnen herausgegebenen Amtsblätter mit diversen Anweisungen an die Bevölkerung unterzeichnen. Der Blick in die Publikationen der ersten drei Monate mag eine Ahnung geben von den immensen Versorgungsnöten auf allen Ebenen. Von aufwendigen Behelfslösungen, aber auch mühsamen Schritten in Richtung einer Normalität.

An erster Stelle kamen die Ausgangsbeschränkungen: Verboten war etwa, zwischen 19.30 und sechs Uhr früh außer Haus zu gehen oder Illertissen über einen Umkreis von sechs Kilometern zu verlassen. Wer unterwegs war, sollte statt Hauptstraßen Nebenwege nutzen. Passierscheine oder Reisegenehmigungen waren nötig. Tag für Tag kamen neue Reglementierungen hinzu. Sie sollten die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen und ihren Alltag ordnen. In das 4000 Einwohner zählende Illertissen strömten nach und nach über 1000 Vertriebene. Dazu kamen Ausländer, die sich hier aufhielten und in ihre Heimat zurückkehren wollten.

Großeinsatz gegen den Kartoffelkäfer

Engpässe und Probleme gab es in allen Lebensbereichen, wie die unzähligen mit „Betreff“ überschriebenen Anordnungen in den „Amtlichen Bekanntmachungen“ belegen. So wird am 24. Mai zum Großeinsatz gegen Kartoffelkäfer aufgerufen: Zunächst werden pro Haushalt eine, und bald darauf jede verfügbare Person für tägliche Sammelaktionen verpflichtet. Wer sich nicht an der Schädlingsbekämpfung zugunsten des „wichtigsten Volksnahrungsmittels Kartoffel“ beteiligen wollte, musste schon eine gute Entschuldigung vorlegen. Wendelin Wöhrle, ein 92 Jahre altes Urgestein aus einer Illertisser Landwirtsfamilie, weiß noch gut, wie Schulklassen zum Einsammeln der Kartoffelkäfer eingeteilt wurden. „Das Blattgrün war in kürzester Zeit bis auf die Stängel abgefressen, darauf gingen die Kartoffeln ein“, erinnert sich Wöhrle.

Am 9. Juli heißt es, Anträge zu Bezugsscheinen für Schuhe seien „sinnlos“, da es keine Schuhe gebe. Im nächsten Betreff fordert das Landwirtschaftsamt Krumbach zum Abliefern der Erzeugnisse auf. Ein Teil des Schlachtviehs ging stets an die hungernde Stadtbevölkerung in Berlin. Bei Strafe war der Verkauf ins benachbarte Baden-Württemberg untersagt.

Warnung des Ministerpräsidenten: Im Winter gibt es keine Kohle

Auf Befehl der Militärregierung wurde am 27. Juli sogar eine Warnung des bayerischen Ministerpräsidenten im Amtsblatt des einstigen Landkreises Illertissen abgedruckt: Im Winter habe die Bevölkerung mit keinerlei Kohlelieferungen zu rechnen, sodass sie rechtzeitig loses Holz im Wald sammeln solle. Baumstämme wurden für den Wiederaufbau gebraucht.

„Bienenhonig unterliegt der Ablieferungspflicht“, heißt es am 4. August. Und weiter, dass Vegetarier ersatzweise mehr Milchprodukte erhielten. Zugleich wurde beanstandet, dass der Anteil der abgegebenen Eier stark zurückgegangen sei: „Doch die Versorgung der Zuschussgebiete erfordert bei der jetzigen Ernährungslage, dass für die Bevölkerung das hochwertige Nahrungsmittel Ei in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt wird.“ Tauschhandel auf dem Schwarzmarkt müsse unter allen Umständen unterbunden werden.

Am 11. August war dann offenbar die Amtszeit des Bürgermeisters Alois Vogt zu Ende, denn in der „Amtlichen Bekanntmachung“ beginnt der „Betreff“ mit: „Amtseinsetzung des Bürgermeisters.“ Sein Name: Hugo Vogt. Er teilte im Blatt selbst mit, durch Anordnung der amerikanischen Militärregierung vom 9. August 1945 offiziell zum Bürgermeister ernannt worden zu sein. „Für unsere Marktgemeinde Illertissen werde ich meine ganze Kraft einsetzen und nichts unversucht lassen, was zur Besserung der Lebenslage und zur Förderung des Wirtschaftslebens beitragen kann“, so Vogt. Erst 1948 fanden die ersten öffentlichen Bürgermeisterwahlen statt. Der Rathauschef hieß Willibold Kohler.

Mehr Geschichten aus der Geschichte finden Sie hier:

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