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Vöhringen

18.08.2018

Asylhelfer im Landkreis: Der „harte Kern“ hält durch

Die Aufgaben, die Helferkreise übernehmen, sind vielfältig: Sprachunterricht steht nach wie vor bei einigen auf dem Programm.
Bild: Symbolfoto: Fredrik von Erichsen, dpa

Zähe Behördengänge, Probleme bei der Wohnungssuche, Abschiebungen: Unter den Ehrenamtlichen macht sich Ernüchterung breit. Und trotzdem: Aufgeben ist für viele keine Option. Ein Stimmungsbild.

Es ist der 4. Juli 2018, als ein Flieger mit 69 afghanischen Flüchtlingen in Richtung Kabul abhebt. Mit an Bord: drei junge Männer, die zuletzt in der Region lebten. Einer davon, der 24-jährige Nawid A., versucht sich zuvor das Leben zu nehmen. Am Tag der Abschiebung hätte er seine mündliche Prüfung für den qualifizierenden Hauptschulabschluss gehabt. Er galt als integriert – wie die beiden anderen jungen Männer, deren Leben sich an diesem Tag auf einen Schlag ändern sollten. Nur wenige Wochen später, am 14. August, bringt ein weiterer Flieger 46 Afghanen von München aus zurück in ihr Heimatland. Und wieder ist ein junger Mann dabei, der in der Region seine Zelte aufgeschlagen hatte.

Es sind Schicksale wie diese, die die ehrenamtlichen Asylhelfer aus der Region nicht mehr loslassen. In Gesprächen mit unserer Redaktion berichten einige von Frust, von Ernüchterung und von Müdigkeit. Das Wissen, vielen Geflüchteten nicht helfen zu können, „überhaupt nicht mehr zu wissen, was man ihnen raten soll“, nehme ihn persönlich sehr mit, sagt etwa Wilhelm Schulte vom Illertisser Asylkreis. Gemeinsam mit Sabine Hader kümmert sich der Sprecher der Gruppe vor allem um Geflüchtete aus Afghanistan. Die Unsicherheit, sie sei in diesen Tagen groß – sowohl bei den Helfern, als auch bei den Flüchtlingen, von denen manche aus Angst vor einer Abschiebung mittlerweile untergetaucht seien. Klar wisse man, dass nicht jeder bleiben könne, sagt Hader. Aber würde einer ihrer „Schützlinge“ abgeschoben, „hätte ich schon sehr daran zu knacken“.

Wohnungssuche beschäftigt die Helferkreise

Dabei ist die ungewisse Zukunft afghanischer Asylbewerber längst nicht die einzige Sorge, die die Ehrenamtlichen umtreibt. Vier Jahre nach der Ankunft der ersten Asylbewerber im Landkreis, sind es vor allem Behördengänge, der Umgang mit Ablehnungen oder die Suche nach Arbeitsplätzen, die die Helfer beschäftigt. „Die Themen sind härter geworden“, findet Silvia Gugler vom Freundeskreis Asyl in Vöhringen. Sei es anfangs vor allem darum gegangen, Deutschunterricht zu organisieren, Freizeit zu gestalten oder reichlich angebotene Sachspenden zu verteilen, stünden heute Begleitungen zum Rechtsanwalt oder die zähe Suche nach freien und bezahlbaren Wohnungen auf dem Programm. „Gerade in diesem Bereich erreichen wir fast nichts“, sagt Gugler. Auch das sei natürlich frustrierend.

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Die Zahl der ehrenamtlich Engagierten ist in vielen Helferkreisen dabei über die Jahre zurückgegangen. „Natürlich hat sich unser Freundeskreis verkleinert, teils aus Frust oder Überforderung, aber auch aus familiären oder beruflichen Gründen“, sagt Gugler. 32 Aktive zähle die Gruppe in Vöhringen derzeit. In Illertissen sind es nach Auskunft von Sprecher Schulte zwölf bis 15 Leute, die sich regelmäßig treffen. Zu Hochzeiten seien es zwischen 60 und 70 Personen gewesen, die ihre Hilfe angeboten hätten.

„Viele haben sich sehr reingehängt, sie Sache sehr ernst genommen“ – und seien später aus Frust oder Überlastung abgesprungen, beschreibt auch Sylvia Rohrhirsch vom Bellenberger Integrationskreis die Situation. Besonders schlimm seien die Behördengänge: „Ständig wechseln die Vorgaben, das macht müde und kostet wahnsinnig viel Kraft.“ Für Rohrhirsch und viele andere Freiwillige steht fest: Auf politischer Ebene muss etwas getan werden.

Aufgeben kommt für die meisten Asylhelfer nicht in Frage

In Bellenberg hätten anfangs rund 40 Personen ihre Hilfe angeboten. Viele davon wollten nach anfänglichen Protesten gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in der Gemeinde „Paroli bieten“, seien dann aber wieder abgesprungen. Ein „harter Kern“ aus zehn bis 15 Helfern sei bis heute geblieben – und will weitermachen.

Aufgeben: Das kommt auch für Sabine Hader und Wilhelm Schulte vom Illertisser Asylkreis nicht in Frage. Denn neben einigen Rückschlägen gebe es viele Dinge, die positiv verlaufen, bekräftigt Schulte. Wer durchhalten wolle, der brauche allerdings ab und an Erholungsphasen. „Ein bisschen Abstand, um Kraft zu sammeln.“

Mut und Unterstützung, das finden die Helfer unter anderem in den eigenen Reihen. Es herrsche eine gute Stimmung im Helferkreis, sagt Melitta Balaban, die die Ehrenamtlichen in Illertissen von städtischer Seite aus unterstützt. „Der harte Kern ist immer da.“ Die Gruppe habe in der Kommune durch ihr Engagement viel erreicht. Viele Dinge würden dabei im Stillen geschehen und kämen erst gar nicht an die Öffentlichkeit – seien es Einzelnachhilfen in Deutsch oder Unterstützung beim Führerschein. Und dann gebe es natürlich auch noch die vielen anerkannten Flüchtlinge, die auf Arbeitssuche seien, sich gegenseitig motivierten und als Vorbilder für andere dienten.

Dass die Ehrenamtlichen mittlerweile in vielen Kommunen auf hauptamtliche Unterstützung zurückgreifen können, entlaste ungemein, sagt Silvia Gugler aus Vöhringen. „Wir müssen weniger Papierkram erledigen und haben wieder mehr Zeit für Gespräche, für Gastfreundschaft.“ Denn schließlich sei vor allem das der Grund, warum so viele Helfer angefangen haben – und nach wie vor dabei sind.

Lesen Sie außerdem, wie die Helferkreise in Elchingen und Babenhausen auf die Abschiebungen zweier afghanischer Flüchtlinge reagiert haben.

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