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Wie beim Heurigen

09.10.2011

Aufspiel’n, bis sich die Balken biegen

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Auch wenn sich das begeisterte Publikum nicht zum Tanzen hinreißen ließ, reißerisch, temperamentvoll und charmant hatten die Tanzgeiger den Illertissern ihre Aufwartung gemacht. Links unten Rudolf Pietsch und Hannes Martschin beim Schlusslied.
Bild: Fotos: lor

Wiener Tanzgeiger faszinieren mit Flair, Kunst und vergangenen Zeiten

Illertissen Gerade waren noch Gespräche an den gedeckten Tischen zu vernehmen, Geschirrgeklapper, Stühlerücken, dann plötzlich gespannte Aufmerksamkeit: Der erste Geiger Rudolf Pietsch macht eine feine Kopfbewegung in Richtung seines Ensembles, hebt den Bogen, und eine gefällige Melodienfolge gibt den Auftakt. Kurze Pause, und die Musikanten setzen schwungvoll ein mit dem Walzer „Aus dem Hochwald“ von Josef Kaulich (1827 bis 1902). Der Freundeskreis Kultur im Schloss hatte die Wiener Tanzgeiger für einen Heurigen-Abend sowie einer entsprechenden Matinée in der Schranne gewinnen können, beide waren ausverkauft.

Auf der Bühne geht’s schnell zur Sache: Es ist eine Musik mit hart angesetztem Bogen und harschen Aufstrichen, sodass die rechte Hand der Streicher die Herausforderung des gewollten Schwungs spielerisch, mit Springbogen oder geworfenem Strich abklingen lässt. Im Wechsel dazu Gesang, der Stehgeiger erhebt sich vom Platz und beginnt, über die Musik der Tanzgeiger zu erzählen: Für das Streichquartett mit zwei Geigen, Bratsche und Kontrabass brauche es die Bläser mit Trompete und Posaune als Gegenstimme oder für Einwürfe und die Harmonika als Dreh- und Angelpunkt für Melodie- oder Begleiteinsätze. „Gegenüber Wien mit seinen musikalischen Einflüssen des Vielvölkerstaats um 1880/90 ist München ein Kuhdorf“, sagt Pietsch schmunzelnd – den unmittelbaren Protest des Publikums wohl einberechnend.

Musikanten beginnen zu böhmakeln

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Zuwanderer wie aus der Ukraine, Ungarn oder tschechische Wanderarbeiter hätten ihre Musik mitgebracht, was auch dem eigenen Programm anzusehen sei. Musikalisch festgehalten hatte diese Zeit Carl Lorens (1851 bis 1909) beispielsweise in dem Theater- und Kabarettlied „Lauter Böhm, Im Frühjahr, wenn der Schnee vergeht“. Dazu hatten die Tanzgeiger beim Refrain zungenbrecherisch zu „böhmakeln“ angefangen, beim „Wasserlak“ zählten sie alle möglichen regionalen Namen auf. Dieter Schickbichler glänzt dabei mit Trompetensolo.

Beim Heurigen würden die Tanzgeiger mit ihren Stückln, alte Landler und Polkas, Walzerklassiker und Tanzmusik von Tisch zu Tisch gehen, Wünsche entgegennehmen, sich den Lohn in die Rocktasche schieben lassen und spielen, während Unterhaltung und Bewirtung weiterliefen. „Wenn dann der Wirt ,Ruhe’ rief“, so der Erzähler, „,jetzt gibt’s an Tanz’, ist das eine Aufforderung zur Aufmerksamkeit für ein besonders virtuoses Stück gewesen.“ Bezahlt werde traditionell Lied für Lied, wobei ähnlich den Kellnern die Musikanten von der Gunst der Gäste lebten.

In Illertissen in der Schranne bedurfte es nicht der Aufforderung zur Ruhe, es gab ausschließlich „Glanzstückln“ ohne Mikrofon, Verstärker und Noten, denen das Publikum uneingeschränkte Aufmerksamkeit zollte. Glanznummern waren der Heurigenmarsch „Der Dornbacher Pfarrer schenkt aus“ mit Walter Burian im Sologesang oder der „Budapester Gastwirtemarsch“ mit Solotrompete und vielen Staccato-Passagen von Claus Huber, wobei die Streicher begleiteten. Oder Marie- Theres Stickler, die erst auf der steirischen Knopfharmonika die böhmische Polka „Mentscha kemmts her“ (Adolf Pokorny) spielte, und weiteres auf der Wiener Knopfharmonika. Dann ein alter Csárdás aus der Zeit, als in Ungarn Soldaten angeworben wurden. „Er hat immer einen langsamen, einen gschmackigen und einen herzzerreißenden Teil“, erläutert der Stehgeiger vor seinem Solo mit ausdrucksvollen Bogenstrichen, in das nacheinander Streicher und Bläser einfallen für einen gemeinsamen furiosen Schluss.

Csárdás ist der Tanz der kleinen ungarischen Bauern

Csárdás sei der Tanz des kleinen ungarischen Bauern, erfährt das Publikum und hört einen solchen in ungarischer Sprache melodiös vorgetragen vom Bratschisten Michi Gamasz. Die Musikanten scheinen sich an Originalität und Kunstfertigkeit zu überbieten, allen voran Rudolf Pietsch mit Wissenswertem und Wortwitz. Es folgt ein längeres Abschiednehmen mit mehreren Zugaben, bis Rudolf Pietsch und Bassgeiger Hannes Martschin im eingesungenen Duett – fast 30 Tanzgeiger-Jahre – erklären, wie ihnen am nächsten Tag sämtliche Glieder schmerzen würden, wenn sie jetzt nicht aufhörten, um ausgeschlafen zu sein für die Vorstellung zur Matinée. Es war fast Mitternacht geworden, Bravo!

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