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Memmingen/Unterallgäu

25.01.2019

Azubi-Scouts und eine Idee fürs Ikea-Areal: Was die neue Vorsitzende der IHK Memmingen-Unterallgäu vorhat

Andrea Thoma-Böck ist die Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer (IHK) Memmingen-Unterallgäu.
Bild: Sammlung Thoma-Böck

Andrea Thoma-Böck ist neue Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer Memmingen-Unterallgäu. Für ihre fünfjährige Amtszeit hat sich die Heimertinger Unternehmerin viel vorgenommen.

Andrea Thoma-Böck ist seit einigen Wochen die Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer (IHK) Memmingen-Unterallgäu – als Nachfolgerin von Gerhard Pfeifer. Rund 12800 Mitgliedsunternehmen gehören zu ihrem Zuständigkeitsbereich. Im Interview spricht die 51-jährige Unternehmerin aus Heimertingen über die Ikea-Ansiedlung in Memmingen und ein neues Azubi-Projekt – und sie hat eine Vision für ein neues Klinikum an einem ungewöhnlichen Standort.

Welche Ziele visieren Sie für Ihre fünfjährige Amtszeit an?

Andrea Thoma-Böck: Die Wirtschaft braucht gegenüber der Politik eine klare Stimme, um bestimmte Themen zu artikulieren. Dazu gehören für die IHK die Infrastruktur, die Digitalisierung mit Breitband, die Entwicklung des Landkreises, aber auch die Innenstadtentwicklung von Memmingen. Ganz wichtig ist mir die berufliche Bildung. Deshalb werde ich in meiner Amtszeit den Austausch mit der Kommunalpolitik verstärken.

Berufliche Bildung – das ist ein weites Feld. Worum geht es Ihnen konkret?

Thoma-Böck: Da geht es vor allem um die Fachkräftesicherung, beispielsweise durch Stärkung der dualen Berufsausbildung durch die Technikerschule. Sie ist seit zwei Jahren in Memmingen mit den Schwerpunkten Maschinenbau und Elektrotechnik etabliert. Die IHK hat bei der regionalen Wirtschaft in Memmingen und im Unterallgäu einen jährlichen Bedarf von 30 Plätzen für „Techniker Mechatronik“ ermittelt. Eine Technikersausbildung für Mechatronik gibt es derzeit schon in Kempten. Ergänzend gibt es Pläne, ab September 2019 in Kempten eine Technikerausbildung für Mechatroniker in Teilzeit zu starten. Diese zusätzliche Ausrichtung unterstützt die IHK Memmingen-Unterallgäu ausdrücklich.

Viele Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften. Woran liegt das – und was muss sich ändern?

Thoma-Böck: Momentan bekommen wir nicht alle Lehrstellen besetzt. Es muss am Schulsystem grundlegend etwas geändert werden. Allein der Druck auf Schüler, Eltern und Lehrer in der vierten Klasse vor der Entscheidung für die weiterführende Schule ist unerträglich. Zudem muss sich das Denken in unserer Gesellschaft ändern: Nicht nur das Abitur bedeutet einen guten Job, auch mit dem Real- und Mittelschulabschluss gibt es sehr gute Perspektiven. Die allgemeinbildende Qualifizierung muss wieder in den Vordergrund geschoben werden und die Schüler müssen beispielsweise mehr Diskussions- und Präsentationsfähigkeiten lernen. Dazu brauchen wir aber auch mehr Lehrer. Viele unserer Firmen leisten ihren Beitrag, in dem sie Auszubildenden beispielsweise Nachhilfeunterricht anbieten. Zudem haben wir seit drei Jahren Schulpartnerschaften. Heuer wird es noch Azubi-Scouts geben: Die IHK schult ausgewählte Auszubildende, die den Schülern auf Augenhöhe von ihrer Ausbildung berichten. Das kommt ganz anders an, als wenn das ein Unternehmer macht – der trifft den Nerv der Jugendlichen nicht so gut.

Werfen wir einen Blick nach Memmingen. Wie stehen Sie zur möglichen Ansiedlung von Ikea?

Thoma-Böck: Es ist bedauerlich, dass Ikea seine Standortentscheidung auf März verschoben hat. Wir haben uns immer für Ikea ausgesprochen – aber ohne ein Fachmarktzentrum beziehungsweise ohne Innenstadt relevantes Sortiment wie Textilien, Schuhe oder Sportartikel, um die Läden in der Memminger Innenstadt nicht zu gefährden. Wenn Ikea allerdings nur einen Abholmarkt für sein Online-Sortiment etablieren möchte, dann sagt die IHK klar Nein dazu. Das hätte für Memmingen nur Nachteile. Wir haben jetzt schon den täglichen Verkehrsinfarkt zum Beispiel in der Europastraße.

Was erwarten Sie von der Stadt?

Thoma-Böck: Wenn Ikea einen reinen Abholmarkt will, muss die Stadt von den Verträgen zurücktreten. Wir als IHK würden der Stadt in diesem Fall empfehlen, das Grundstück zurückzukaufen.

Was soll dann mit dem Areal passieren?

Thoma-Böck: Dort könnte ein Neubau für das komplette Klinikum Memmingen entstehen. Denn die Situation am jetzigen Standort ist untragbar: Das Krankenhaus ist nicht gut anfahrbar und es gibt nicht ausreichend Parkplätze.

… und wenn Ikea doch bei seinen ursprünglichen Plänen bleibt …?

Thoma-Böck: …könnte ein Klinikneubau auch nahe der A96 im Bereich des Tierheims erfolgen. Auf dem jetzigen Krankenhaus-Areal könnte stattdessen bezahlbarer Wohnraum entstehen.

Stichwort Verkehr: Würden Sie den Weinmarkt in Memmingen autofrei machen?

Thoma-Böck: Nein, das wäre kein guter Weg. Wir können und wollen den Verkehr nicht komplett aus der Innenstadt verbannen. Man darf den Weinmarkt nicht allein betrachten, sondern muss die gesamte Verkehrssituation sehen. Der öffentliche Personennahverkehr muss ebenso verbessert werden wie die Parkplatzsituation.

Das ist wegen der unterschiedlichen Interessen aber ein Gordischer Knoten. Wie wollen Sie den zerschlagen?

Thoma-Böck: Wir müssen die Verkehrsströme managen. Experten sagen, es würde Innenstädte gerade in den Stoßzeiten morgens und am Nachmittag schon kräftig entlasten, wenn nur fünf Prozent des anfallenden Verkehrs auf andere Zeiten umgeleitet werden könnte.

Sie sind mit 29 Jahren Chefin im Metallveredelungsbetrieb Ihrer Familie geworden – und dort aktuell für rund 120 Mitarbeiter zuständig. Zudem haben Sie zwei schulpflichtige Kinder, einen Mann und jetzt das Ehrenamt bei der IHK – wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Thoma-Böck: Das ist nicht so schwierig – zum einen bin ich in die Aufgabe quasi seit Kindheitstagen herein gewachsen und ich leite das Unternehmen mit meiner Schwester, mit der ich mich sehr gut verstehe. Zum anderen macht mir die Arbeit schon immer unglaublich viel Freude.

Lesen Sie außerdem: Die Arbeitswelt in Ulm und der Region ist weiblicher geworden

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