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Babenhausen

20.09.2019

Babenhauser Traditionsgeschäft Wiethaler droht das Aus

Thomas Wiethaler führt das gleichnamige Traditionsgeschäft in Babenhausen in der dritten Generation. Seine Suche nach einem Nachfolger war bislang erfolglos.
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Thomas Wiethaler führt das gleichnamige Traditionsgeschäft in Babenhausen in der dritten Generation. Seine Suche nach einem Nachfolger war bislang erfolglos.
Bild: Sabrina Schatz

Seit mehr als 100 Jahren bietet das Geschäft Wiethaler Eisen- und Haushaltswaren an. Mehr als 90.000 Artikel zählte das Sortiment einst. Ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht.

Wer das Geschäft Wiethaler in der Babenhauser Stadtgasse betritt, weiß gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll. Zu den Schöpflöffeln, die über der Theke hängen oder zum dunklen Holzschrank mit etlichen Schubladen dahinter? Zu alten Bettpfannen, Schürhaken, Schlüsseln, Geschenkpapier? Viel Zeit bleibt gar nicht, um den Blick schweifen zu lassen. Thomas Wiethaler steht schon bereit, um den Gast mit einem Lächeln im Vollbart, die Brille auf die Stirn geschoben, zu empfangen. Lange werden die Kunden nicht mehr zu ihm kommen können. Wiethaler wird die Tür endgültig zusperren müssen, nach mehr als 100 Jahren – denn bislang ist niemand in Sicht, der das Traditionsgeschäft übernehmen will. „Es ist fast zu 100 Prozent sicher, dass es keinen Nachfolger geben wird“, sagt der 67-Jährige und presst die Lippen kurz zusammen. „Ich bin schon schwer am Ausräumen.“

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Ein Haus mit Geschichte: Die Grundmauern sind rund 600 Jahre alt.
Bild: Sabrina Schatz

Thomas Wiethaler führt das Eisen- und Haushaltswarengeschäft in dritter Generation, er übernahm es 1988. Viele Erinnerungen hängen an den Räumen. „Es gab früher immer einen kleinen Wettbewerb unter uns Geschwistern, wer mehr eingenommen hat an einem Tag. Wir standen in einer Schublade, um über die Theke zu sehen“, erzählt der Babenhauser. Und: „Wenn es mal etwas Neues gegeben hat: Der Wiethaler hatte es!“ Daran zeigte sich der Wandel der Zeit: Seine Großmutter hatte einst Weckgläser im Laden eingeführt, ihr Enkel in den 90ern Tamagotchis.

Während Wiethaler erzählt, klingelt es. Ein Mann kommt zur Ladentür herein, eine Glasplatte unter den Arm geklemmt. „Sie wollen Füßchen dafür haben?“, sagt Wiethaler und nickt kurz. Mehr Feststellung, als Frage. Er geht mit dem Kunden in den hinteren Bereich des Ladens, um nach vier kleinen Noppen für die Platte zu suchen. Später: „Sonst noch einen Wunsch?“

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Kunden sagen: "Du kannst doch nicht aufhören!"

Diesen Spruch kennen die Kunden, zu denen Firmen wie Privatleute zählen. Denn Wünsche erfüllt Wiethaler gerne. Einmal, erzählt er, da sei die Dichtung eines Dampfkochtopfs kaputt gewesen, den ein älteres Ehepaar zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Er habe im Internet gesucht und gesucht – und, siehe da, eine Ersatzdichtung über einen Lieferanten bekommen. Durch gute Verbindungen lasse sich auch die eine oder andere Rarität aufspüren. Nun, da sich die Nachricht über das nahende Aus des Geschäfts Wiethaler herumgesprochen hat, habe er bisweilen zu hören bekommen: „Du kannst doch nicht aufhören – wo gehen wir dann hin?“

In Baumärkten, die sich meist lieber in der Stadt denn in kleineren Orten niederließen, gebe es zwar die meisten Dinge zum Basteln und Bauen auch, sagt Wiethaler. Doch die Qualität unterscheide sich teils. Und Platz für „Langsamdreher“ sei dort wegen mangelnder Lukrativität freilich auch nicht. Langsamdreher, so bezeichnet der Einzelhändler Waren, die über mehrere Monate hinweg lagern, bis sie verkauft werden. Solche finden sich wohl einige in den Wiethaler-Regalen. Es gab Zeiten, da umfasste das Sortiment mehr als 90 000 Artikel. Selbst heute noch ist das Lager größer als der eigentliche Laden.

Aber auch die Einkaufsgewohnheiten der Kunden wandelten sich, hat Wiethaler den Eindruck. „Früher gab es in jedem Dorf Handwerker, die Werkzeug gebraucht haben.“ Das sei heute anders. Auch Landwirte zählten zu den Stammkunden, sie kauften Schlepprechen und Heugabeln. Nun seien viele Arbeitsschritte technisiert.

Schöpflöffel, Tennisschläger, Beschläge: Das Sortiment ist riesig.
Bild: Sabrina Schatz

Die Entscheidung, aufzuhören, sei vor rund zweieinhalb Jahren gefallen. Nach Schlaganfällen fiel manches schwerer. „Auf der einen Seite macht vieles noch Spaß“, sagt Wiethaler, „auf der anderen stößt man auch an Grenzen.“ Da die Kinder andere berufliche Wege eingeschlagen haben, begab sich der Vater auf Nachfolgersuche. Bislang erfolglos.

Vor Kurzem war auch ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunks in der Stadtgasse, um über die „Babenhauser Institution“ und die drohende Schließung zu berichten. Über die Tage danach hat Wiethaler eine Anekdote parat: Ein Ehepaar mit „schwerbayerischem Dialekt“ sei gekommen. Die Frau und der Mann hatten den Filmbeitrag gesehen und eine Zwei-Mann-Säge im Schaufenster entdeckt. Nach einer solchen hätten sie schon lange gesucht.

Einige Abverkäufe fanden nun schon statt, etwa an den Babenhauser Markttagen. Ein weiterer ist demnächst geplant. „Bevor der große Schrottcontainer kommt“, sagt Wieland. Das mitansehen zu müssen, das sei schon schwer.

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