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Kultur im Schloss

30.10.2012

Beethovens Sturm und Drang auf modernem Flügel

Umjubelter Klaviervirtuose: ARD-Preisträger Alexej Gorlatch zeigte sein überragendes musikalisches Können am Steinway-Flügel im Illertisser Kolleg.
Bild: Mittelbach

ARD-Preisträger konzertierte: Alexej Gorlatch im Kolleg umjubelt

Illertissen Kein Geringerer als der Gewinner des ARD-Musikwettbewerbs 2011 und des Publikumspreises in der Kategorie Klavier, Alexej Gorlatch, brachte den Steinway-Konzertflügel im Kolleg nach dessen Restaurierung erstmals zum Klingen. Die Kosten für die aufwendigen Reparaturen waren vom Kolleg, von der Bürgerstiftung, vom Lions-Club und vom Förderverein übernommen worden, wofür dessen Vorsitzender Fritz Unglert dankte. Ihm gelang auch der Kontakt zu Gorlatch, der, sozusagen auf der Durchreise nach Japan und Südkorea, in Illertissen konzertierte.

Vier Beethoven-Sonaten standen auf dem Programm. Und um es gleich vorwegzunehmen: Der 24-jährige Meisterpianist ließ in seinem Spiel alle interpretatorischen Vorbilder und Traditionen hinter sich und empfand Beethovens Musik ganz aus dem Geist des himmelsstürmenden Pianisten Beethoven, wie er sich bereits in seinem Opus 2 Nr. 3 angekündigt hatte. Dabei passte er dessen Klangvorstellungen, soweit möglich, den Besonderheiten des modernen Flügels an, die er persönlich deutete. Die Gliederung der Großformen war stets sinnvoll, von der kleinsten Phrase bis zum weiten Bogen. Vor allem dort, wo beide zusammen den inneren Zusammenhang eines Werkes dokumentieren, trug diese Vortragsweise sehr zum Verständnis bei. So etwa in der „Sturm“-Sonate Opus 31 Nr. 2, deren erster Satz sich aus drei kurzen, gegensätzlichen Motiven entwickelt.

Unmittelbar berührende klangliche Bekenntnisse

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Aber zunächst begeisterte Gorlatch in zwei Meisterwerken der ersten Schaffensperiode Beethovens. Am Beginn stand die berühmte „Pathetique“, eines seiner unmittelbar berührenden klanglichen Bekenntnisse. Sehr differenziert, mit großer Anschlagskultur, aber immer von der Gewalt des Vorwärtsdrängens angetrieben, in den auch das zweite Thema hineingerissen wurde, entstand das Allegro nach dem aufwühlenden Grave. Während die herrlichen Melodien im Andante jeweils auf neue Art erblühten, fein ausgedeutet die wechselnden Begleitstimmen, steuerte das sehr rasch genommene Rondo auf einen wirkungssicheren Schluss hin.

Opus 27 Nr. 2, irreführend auch „Mondscheinsonate“ genannt, ist „quasi una fantasia“ überschrieben. Das großartige Adagio, in dem Begleitfiguren zum Stimmungsträger werden, atmete Feierlichkeit, die einer möglicherweise von Beethoven erdachten Trauermusik nahekam. Die kurze Dur-Helle des Allegretto wurde von einer riesigen Feuersbrunst hinweggefegt, die Gorlatch aus gebrochenen Akkorden und mit minutiöser Präzision eingestreuten Läufen entfachte, wobei nebenzu sein enormes technisches Rüstzeug zutage trat. Alles kulminierte in einem Arpeggio-Orkan, nach dem auch zarte Stimmen Platz fanden.

Mit sehr bedacht eingesetzter Wirkung des Pedals gestaltete Gorlatch wesentliche Teile der Sonate Opus 31 Nr. 2. So ließ er Harfenklänge entstehen und in den beiden berühmten Rezitativen Töne zerfließen wie Farben in einem Aquarell. Er bevorzugte die Originalfassung des Werkes. Beethoven besaß zu dieser Zeit nur einen Flügel mit begrenztem Diskant. Die Thematik wurde deshalb in bestimmten Fällen in der Höhe verändert. Auch hier wurden dramatische Gegensätze zu Triebkräften sinnvoller Deutung.

Die letzte der vier Sonaten, As-Dur, Opus 110, hat mit Sturm und Drang nichts mehr zu tun, nimmt eher die aufkommende Romantik vorweg. Zum Teil Dankgesang nach überstandenen Krankheiten mischt sie Schlichtes und Mythisches mit einer großartigen Fuge, die mehrfach zu immer neuen Steigerungen ansetzt und triumphal endet. Gorlatchs Interpretationskunst erreichte in diesem Werk letzter geistiger Reife Höchstform. Das Publikum wollte noch mehr hören. Frappierend dann, wie rasant der Pianist das Laufwerk in Chopins cis-Moll-Etüde beherrschte und auch noch seinem Grande valse brillante wirklich Brillanz gab. Der junge Ukrainer hatte eine Sternstunde beschert.

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