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Babenhausen

31.10.2020

Begleiter auf dem letzten Weg: Zwei Bestatter erzählen

Am Sonntag, 1. November, ist Allerheiligen. Mancher besucht an diesem christlichen Feiertag die Gräber verstorbener Angehöriger.
Bild: Alexander Kaya

Plus Zwei Bestatter erzählen, was ihren Beruf ausmacht, weshalb nicht nur die Farbe Schwarz, sondern auch Weiß zur Trauer passt und warum es ein Fehler ist, den eigenen Tod als Tabuthema zu sehen.

Wie steht man Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt, in ihren schwersten Stunden bei? Und wie lernt man jemanden kennen, der bereits tot ist? Diese Fragen versuchen Marco Grasis und Wolfgang Emmler Tag für Tag zu beantworten. Sie sind Bestatter. Ein Berufsbild, das, obwohl jeder im Lebenslauf mit ihm zu tun hat, für viele doch abstrakt ist.

Im Sommer haben sich Grasis und Emmler, zwei Cousins, 43 und 38 Jahre alt, geschäftlich in Babenhausen niedergelassen. In den Räumen in der Stadtgasse wurden zuvor Obst und Gemüse verkauft, nun stehen dort Urnen im Regal, bemalt mit betenden Händen, Orchideen oder einem Leuchtturm; schimmernde Engelsflügel schmücken eine Wand. Was aber zuerst auffällt, wenn man durch die Tür geht, ist der große, weiße Hochglanz-Tisch, auf dem sich das Licht einer modernen Lampe spiegelt. Die klassische Farbe der Trauer, Schwarz, ist hingegen rar – ganz bewusst: „Wir haben das Büro überwiegend hell gehalten. Das soll Angst nehmen. Man soll sich hier gut aufgehoben fühlen“, sagt Marco Grasis. Das gilt für jedes Detail: „Wir haben auch einen weißen Leichenwagen.“

Wolfgang Emmler (links) und Marco Grasis arbeiten als Bestatter. Im Sommer haben sie sich in der Babenhauser Stadtgasse niedergelassen.
Bild: Sabrina Karrer

Allein diese Farbwahl zeigt: So unterschiedlich die Menschen ihren Lebensweg bestreiten, so unterschiedlich lassen sich die letzte Ruhestätte und das Abschiednehmen gestalten. Erdbestattungen im Sarg, Urnenbeisetzungen, Baumbestattungen, sogar Diamantbestattungen sind heutzutage möglich. Laut den beiden Männern überwiegen mittlerweile die Feuerbestattungen. Vielen mangele es an Zeit für die Pflege eines klassischen Erdgrabes.

Umgang mit Verlust und Trauer ist vielschichtig

Wie sie zu ihrem Beruf kamen? Interesse daran habe er schon in jungen Jahren gehabt, erzählt Marco Grasis. „Ich wollte immer etwas mit Menschen machen.“ Eine Antwort, die einen Augenblick lang stutzig macht. Denn viele verbinden seine Arbeit erst einmal mit verstorbenen Menschen. Dabei sind Bestatter bei genauerem Nachdenken doch gerade für die Lebenden da. „Für mich ist es ein Traumjob“, erklärt Grasis, „wegen der Herausforderung, angemessen mit trauernden Menschen umzugehen, und wegen der vielfältigen Aufgaben.“ Emmler, der, wie er sagt, über Umwege und durch seinen Cousin zu diesem Beruf fand, ergänzt: „Wir schauen, dass wir den Angehörigen so viel wie möglich abnehmen, damit sie Zeit für die Trauer haben.“

Behördengänge erledigen, Särge auskleiden, Gräber öffnen und schließen, dekorieren, sich um die Überführung und Leichenkühlung kümmern, Hygienevorschriften einhalten, aktuell auch Corona-Regeln – das und noch mehr gehört zu den Aufgaben.

In ihrem Alltag erleben die Männer auch, wie vielschichtig der Umgang mit Verlust und Trauer sein kann. „Unsere Gespräche mit den Hinterbliebenen sind wichtig, um den Verstorbenen kennenzulernen; wenn man fragt, wie war die Oma oder der Papa?“, sagt Grasis. „Umso individueller und würdevoller lässt sich die Verabschiedung gestalten.“ Empathie ist gefordert. So erklärt Emmler auch, für die Gespräche gebe es kein Schema. Und keinen Wiederholungsknopf, ergänzt Grasis.

Zu wissen, wie sich der oder die Verstorbene die eigene Bestattung vorgestellt hat, erleichtert es auch den Hinterbliebenen, diese zu planen. Doch für viele sei es noch immer ein „großes Tabuthema“, über das eigene Ableben zu sprechen. Grasis rät dazu, dies zu tun – egal in welchem Alter. Auf Angehörige könne die „Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben“, beruhigend wirken. Dabei geht es laut Emmler gar nicht darum, die eigene Beerdigung zu planen – was durchaus vorkomme. Aber zumindest die gewünschte Bestattungsform sollte geklärt sein. „Das sollte man nie ins Testament schreiben, weil das erst nach der Bestattung geöffnet wird“, sagt Grasis, der auch Vorträge hält.

Grasis: „Man erzählt privat nichts von der Arbeit.“

Ebenso bedeutsam sei es, ein Foto zu bekommen, nicht nur für Todesanzeigen und Sterbebilder: „Wir legen Wert darauf, dass der Mensch im Sarg so aussieht wie zu Lebzeiten.“ Ist das nicht der Fall, kann dies das Abschiednehmen beeinflussen.

Ob sie sich an den Moment erinnern können, als sie zum ersten Mal einen Toten sahen? „Den vergisst man nicht“, sagt Grasis und nickt kurz. Eine Leiche zu berühren, das habe anfangs Überwindung gekostet. Heute, da er lange im Gewerbe arbeitet, seit etwa zwölf Jahren selbstständig mit mehreren Niederlassungen, komme er mit der Hemmschwelle zurecht.

Bei all den Einblicken in persönlichste Lebensbereiche der Menschen ist eines ebenso erforderlich wie Taktgefühl: Professionalität. „Was wir von den Leuten erfahren, bleibt hier im Raum“, sagt Grasis. „Man erzählt privat nichts von der Arbeit, eine gewisse Verschwiegenheit gehört zum Berufsverständnis eines jeden seriösen Bestatters.“

Das bedeutet aber nicht, dass sich die Gedanken nach Feierabend einfach abschalten lassen, zumal Bestatter „24/7“ im Einsatz seien, wie Emmler sagt. Es gebe Todesfälle, die psychisch belasten, die einen mitnehmen. Wenn es um Kinder geht oder wenn ein Anblick schlimm ist. „Wir sind ja auch bloß Menschen. Wir weinen auch mal“, sagt Grasis. Es könne etwas Gutes haben, bei aller Zurückhaltung Gefühle zuzulassen: „Dann sehen die Angehörigen: Die sind gar nicht so kalt, wie man immer denkt.“

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