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Fastenzeit

18.02.2015

Bei Wasser und Brot

„Der Verzicht in sich ist ein lohnendes Unterfangen, und jeder Anfang lohnt.“Sozialpädagoge Holger Rühl

Verzichten öffnet Freiräume, sagen geistliche und weltliche Berater aus der Region und berichten von ihren Erfahrungen. Dabei geht es nicht nur um Genüsse wie gutes Essen

Den Zeiten üppiger Lebensweise folgen oft solche des Verzichts, das war schon immer so. Traditionell beginnt bei den Christen am Aschermittwoch die Fastenzeit. Das Fasten als reine religiöse Übung zu sehen, welche Enthaltsamkeit beim Essen vorschreibt, gilt vielfach als überholt. Dennoch hat es ursprünglich damit zu tun.

„Fasten schafft Freiräume“, sagt der katholische Pfarrer Martin Straub aus Vöhringen. „Der Versuch ist es wert, einmal nur von Wasser und Brot zu leben und dann zu schauen, was mit einem passiert.“ Dabei würde der Körper keinen Schaden nehmen und hungern müsse man ebenfalls nicht. Dagegen ist sich Straub sicher, dass es jede Menge zu entdecken gibt. „Wir erfahren, was wir alles zu brauchen meinen, wie wir uns von Dingen abhängig machen, die es gar nicht wert sind.“ Manche stellten nach dem Fasten überraschend fest, „ich lebe ja immer noch“, oder bemerkten ihre Fremdbestimmung.

Fastende würden zudem unbekannte Seiten an sich entdecken und lernen, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen. Fasten könne vieles wegschieben, durch das Verzichten würde Raum für Neues geschaffen, ein geistlicher Raum erschlossen für Gott, sagt Straub. Somit werde das Verzichten zu einer zutiefst religiösen Angelegenheit. Martin Straub erzählt über sich selbst: „Als Student habe ich eine Zeit lang mittwochs und freitags gefastet und dabei erfahren, wie die geistigen Prozesse in Gang kommen.“

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„Fasten ist mehr als verzichten“, sagt auch die evangelische Pfarrerin Susanne Scharrer in Illertissen. Es gehe darum, den Alltag zu vertiefen und sich Zeit zu nehmen für die Frage, auf was es ankomme. Um das eigene Leben in einer neuen Perspektive wahrzunehmen, gibt die evangelische Kirche in ihrer seit über 30 Jahren laufenden Aktion heuer das Motto aus: „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen!“ Dazu fallen der Pfarrerin Worte des Dichters Christian Morgenstern ein: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Das Motto drehe sich heuer um die Themen Wertung und Abwertung. „Das Leben wird klarer und lebendiger, wenn ich mich und andere nicht nach Äußerlichkeiten beurteile“, so Scharrer. Freude und Dankbarkeit könnten darüber wachsen, was das eigene Leben schön mache, was gelinge und mit anderen Menschen verbinde.

Als Regionaljugendseelsorger gibt Martin Gall aus Tiefenbach Impulse an Gruppen weiter und erlebt immer wieder Interessantes: „Bei der Vorbereitung zum Ministrantentag in Weißenhorn meinte eine diesjährige Abiturientin: ‚Als Preise für die Wettbewerbe können wir keine Süßigkeiten verteilen, denn da haben wir ja schon Fastenzeit.’“ Gall gibt seinen Jugendlichen gern mit auf den Weg: „Überprüft, ob ihr eure Zeit gut gebraucht. Eventuell könnt ihr den Konsum von Fernsehen, Internet oder Handy einschränken.“ Er erlebe, wie junge Menschen während der Fastenzeit bewusst einige Tage ganz auf moderne Medien verzichteten und spürten, wie direkt erlebte Zwischenmenschlichkeit und Stille ihr Leben bereicherten.

Von „innerer Selbstschau und harter Anstrengung“, welche vergleichbar sei mit der Durchwanderung der Wüste, spricht Sozialpädagoge Holger Rühl, wenn es um den Verzicht auf Drogen geht. Er arbeitet im „Drob Inn“ der Drogenberatungsstelle des Diakonischen Werks in Illertissen und weiß: „Das bedeutet für den konsumierenden Teil meiner Kundschaft, dass ein Bedürfnis nach Veränderung der persönlichen Wahrnehmung und der Wunsch nach Umgestaltung der Realität aufgeschoben wird.“ Durch den Verzicht auf die Drogen bekomme der Konsument wieder die Möglichkeit, einen aktiven Selbstgestaltungsprozess anzuregen, bei welchem er selbst der Hauptdarsteller sei. Der Verzicht auf die durch Drogen übersteigerten Glücksgefühle könne sich als langwieriger Weg erweisen. Dadurch ließen sich „Oasen im Leben“ erreichen, „welche einen Durst stillen, der nicht mit Wasser stillbar ist, erst recht nicht mit Drogenkonsum“, vergleicht der Berater und resümiert: „Der Verzicht in sich ist ein lohnendes Unterfangen und jeder Anfang lohnt.“

„Ich versuche, weniger Zeit mit Video- und Computerspielen zu verbringen“, sagt Christian Kasper, zweiter Oberministrant von St. Martin in Illertissen. Er ist der Meinung, dass in seinem Leben noch andere Dinge zählen, denen er jetzt größere Aufmerksamkeit schenken will. „Ich werde öfter Freunde treffen und mehr für die Schule tun.“

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