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IZ-Serie „Die demografische Revolution“ (1)

03.03.2012

Beschwerlicher Weg in die Zukunft

Wir werden immer weniger und wir werden immer älter: Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen, nicht zuletzt im ländlichen Raum.
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Wir werden immer weniger und wir werden immer älter: Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen, nicht zuletzt im ländlichen Raum.
Bild: imago

Wie das Altern unserer Gesellschaft das Leben im ländlichen Raum verändert. Illertissen und Vöhringen sind noch gut gerüstet. Auch die „Kleinen“ müssen was tun

Region Wer in der Dietenheimer Ortsmitte Einheimische nach „demografischen Veränderungen“ fragt, bekommt schon mal zur Antwort, es sei schade, dass Bürgermeister Sigisbert Straub nun in den Ruhestand geht. Genau genommen ist der Rückzug des Dietenheimer Schultes nach 32 Jahren Amtszeit aus Altersgründen tatsächlich Teil der demografischen Veränderung. Doch nicht nur Sigisbert Straub wurde älter, die gesamte Bevölkerung altert, mit teilweise dramatischen Folgen, die unsere Zeitung in Form einer kleinen Serie schildern wird.

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In der gesamten Region wird das Durchschnittsalter in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren von aktuell etwa 41 Jahren um bis zu acht auf dann circa 49 Jahre steigen. Etwa ein Drittel der Menschen wird dann über 65 Jahre alt sein, der Anteil der jungen Leute unter 18 Jahren geht andererseits ebenso deutlich zurück und liegt nur noch bei etwa 15 bis 17 Prozent.

Wir werden nicht nur älter, sondern in den meisten Gemeinden auch weniger. All das wird Folgen haben: für die Schulen und Kindergärten ebenso wie für das Ortsbild, den Einzelhandel, die Vereine und sogar für die Gemeindefinanzen – kurzum für die gesamte kommunale Infrastruktur.

Beschwerlicher Weg in die Zukunft

Die Alterung unserer Gesellschaft hat alleine schon genug Dynamik, um unsere Ortschaften dauerhaft zu verändern – nicht unbedingt immer zum Besseren. Das Leben hält auch in unserer Region weitere Veränderungsprozesse bereit: Wichtige Bereiche sind hier vor allem die wirtschaftlichen Entwicklungen, die sowohl das Arbeitsplatzangebot vor Ort als auch die Lage des Einzelhandels deutlich beeinflussen.

Hinzu kommen die Zunahme des Verkehrsaufkommens und seine Auswirkungen auf das Leben in den Gemeinden. Demografische Revolution meint auch die Folgen der veränderten Freizeit- und Konsumgewohnheiten ganzer Generationen – das Internet und seine Nutzung lässt grüßen.

Die fehlende Nachfolgeregelung für einen 69-jährigen Einzelhändler in der Babenhauser Ortsmitte verdeutlicht die Brisanz dieser Gemengelage von Demografie, wirtschaftlichen Entwicklungen und dem steigenden Verkehrsaufkommen. Schon vor einigen Jahren wollte der Ladenbesitzer, dessen Namen hier nichts zur Sache tut, in den Ruhestand gehen, hat bislang aber noch keinen Nachfolger gefunden. Die Hoffnung darauf hat er mittlerweile aufgegeben und damit auch die Aussicht auf einen Verkaufserlös für das Geschäft, mit dem eigentlich ein Teil der Rente finanziert werden sollte.

Die wirtschaftliche Situation der meisten Einzelhandelsgeschäfte ist nicht mehr die, wie im vergangenen Jahrhundert. Nach Angaben des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels sowie des Bundesamtes für Statistik stagniert der Umsatz der kleinen Geschäfte seit den Neunziger Jahren – nominal. Preisbereinigt um die Inflationsrate ist sogar ein Rückgang von gut 15 Prozent zu verzeichnen. Der Zwang zur Größe, um in diesem harten Wettbewerb zu bestehen, hält an. Die meisten Einzelhändler in den Gemeinden der Region wissen: Die goldenen Zeiten sind meist Vergangenheit. Entsprechend schwierig ist es, einen Nachfolger für das eigene Geschäft zu finden.

Hinzu kommt der steigende Schwerlastverkehr, unter dem alle Gemeinden leiden. Er macht die Ortskerne zunehmend unattraktiv zum Einkaufen. Das von der Kundschaft so geschätzte Shopping-Bummeln mit Wohlfühlfaktor kommt allenfalls noch in den Fußgänger- oder verkehrsberuhigten Zonen der Zentren wie Ulm, Illertissen oder Memmingen infrage.

Anders und weniger dramatisch erscheinen die Zukunftsperspektiven für Städte wie Illertissen und Vöhringen. Beide Orte sind zwar auch von der starken Alterung der Bevölkerung betroffen, sind aber sowohl von der Einwohnerzahl als auch von den inneren Strukturen her stark genug, die künftigen Veränderungen zu meistern.

Vöhringen mit seinen über 13000 Menschen gehört zu den sogenannten „stabilen Städten im ländlichen Raum“. Die Kommune ist schon heute relativ alt, dazu gehört ein Anteil der unter 18-Jährigen von weniger als 20 Prozent und eine positive Alterswanderung. So nennen die Sozialwissenschaftler den Zuzug von über 65-Jährigen.

Illertissen steht noch besser da

Auch wenn die Zukunftsprognose eine relativ stabile Bevölkerungszahl für das kommende Jahrzehnt vorhersagt, wird sie aber mit einem Durchschnittsalter von über 48 Jahren eine der ältesten Städte in der Region sein. Dazu trägt auch eine relativ hohe sogenannte Bildungswanderung bei. Damit sind die jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren gemeint, die aus Ausbildungs- und Erstberufsgründen die Stadt verlassen. Bürgermeister Karl Janson hat den Handlungsbedarf erkannt: Mit dem Eingreifen im Bereich der „Alten Schmiede“ soll zum Beispiel die Nahversorgung im Kernstadtbereich gestärkt werden.

Noch besser steht Illertissen mit seinen derzeit 16600 Einwohnern da. Hier ist nicht nur das wirtschaftliche Potenzial noch größer, sondern auch die Alterstruktur der Bevölkerung besser. Der Anteil der Jugendlichen unter 18 Jahren liegt noch über 20 Prozent, die Alterszuwanderung ist deutlich geringer als in Vöhringen oder Dietenheim und die Bildungsabwanderung von jungen Erwachsenen nicht so ausgeprägt wie in Vöhringen oder den umliegenden Gemeinden.

Gleichwohl, Illertissen hat derzeit noch einen relativ geringen Anteil an Familien. Nur in gut jedem dritten Haushalt leben Kinder und die Zahl der Geburten wird auch künftig unter der der Sterbefälle liegen. Dennoch sehen die Statistiker für das Ende des kommenden Jahrzehnts sogar eine leichte Steigerung der Bevölkerungszahl. Diese Stärkung liegt in erster Linie an der arbeitsplatzbedingten Zuwanderung. Für die Stadt bedeutet das künftig auch eine Zunahme an kleineren Haushalten. Große Sorgen müssen sich die Illertisser nicht machen: Mit der Erstellung des „integrierten Stadtentwicklungs-Konzeptes“ (ISEK) wurde der Grundstein für eine gesunde Entwicklung gelegt. Solche Konzepte werden auch den Umlandgemeinden helfen können.

Die Gemeinden im Illertal profitieren dennoch zum einen von der günstigen Verkehrsanbindung an die Bahnstrecke und die Autobahn und zum anderen von den Einzugsgebieten der Zentren Ulm, Memmingen und Illertissen. Schwerer haben es hier schon die Orte im Roth- und Günztal – die fehlende Direktanbindung an Bahn und Autobahn wird zum echten Wettbewerbsnachteil.

Die Gemeinden haben unterschiedlich auf diese Herausforderungen reagiert. Sie haben einzelne Probleme bereits angepackt, manche sind auch dabei, den ineinandergreifenden Bereichen mit komplexeren Lösungsstrategien zu begegnen. Verschiedene Institutionen wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund, die Bertelsmann-Stiftung sowie das Berlin-Institut für Bevölkerungsentwicklung raten den Kommunen in den meisten Fällen auch zu einer weiterreichenden Herangehensweise. Was Orte in unserem Verbreitungsgebiet unternommen haben, lesen Sie in den nächsten Folgen unserer Serie.

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