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Hintergrund

29.10.2015

Das Ringen um die Zukunft der Iller

In bestehende Sohlschwellen in der Iller will die Münchner Firma Fontin sogenannte Schachtkraftwerke einbauen. Das erzürnt die Mitglieder der „Interessengemeinschaft Naturraum Iller“. Sie halten eine weitere Verbauung des Gewässers für fatal.

Der geplante Bau von Kraftwerken polarisiert seit Jahren. Eine Bestandsaufnahme

Seit Jahren wird über den Bau weiterer Kraftwerke zur Energiegewinnung in der Iller leidenschaftlich diskutiert. Derzeit sammelt die „Interessengemeinschaft Naturraum Iller“ Unterschriften gegen solche Pläne, da sie die Renaturierung des Flusses gefährdet sieht. Befürworter sprechen hingegen von einem wichtigen Schritt hin zu mehr erneuerbaren Energien. Hier einige wichtige Fragen und Antworten zu dem vielschichtigen Thema.

Um welche Vorhaben geht es überhaupt?

Konkret geht es um zwei verschiedene Pläne. Zum einen wollen die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) ein Kraftwerk bei Flusskilometer 17,0 auf der Höhe von Bellenberg bauen. Zum anderen plant die Münchner Firma Fontin bei Dietenheim (Flusskilometer 23,48) zunächst ein Schachtkraftwerk in die bestehende Wehranlage einzubauen. Sieben weitere sollen folgen.

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Wie weit sind diese Pläne fortgeschritten?

Das SWU-Kraftwerk befindet sich seit 2013 im wasserrechtlichen Planfeststellungsverfahren. Wie ein Sprecher der Stadtwerke auf Anfrage mitteilt, werde das Genehmigungsverfahren derzeit aber nicht weiterverfolgt. Dies bedeute nicht, dass die SWU das Projekt aufgegeben hätten. Allerdings seien die „wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Neubau von Kraftwerken hierzulande in den letzten Jahren deutlich schwieriger geworden“. Es bestehe anhaltend Unsicherheit, was die Rentabilität von Investitionen angeht. Über den Antrag der Firma Fontin entscheidet noch das Landratsamt des Alb-Donau-Kreises. Wie Geschäftsführer Mathias Fontin sagt, seien die Erörterungstermine abgeschlossen. Derzeit liefen noch technische Abstimmungen. Das Genehmigungsverfahren sei also relativ weit fortgeschritten.

Was kritisieren die Gegner an dem Projekt?

Die Kritiker weiterer Kraftwerke in der Iller sehen bisherige Renaturierungsbemühungen, beispielsweise bei Vöhringen, torpediert. Sie verweisen darauf, dass bereits 90 Prozent des Illerwassers, das bei Filzingen in den UIAG-Kanal eingeleitet wird, für die Energieerzeugung verwendet werde. Durch weitere Kraftwerke würde auch das verbleibende Restwasser seiner ökologischen Qualität beraubt. Stellvertretender Landrat Herbert Pressl und der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft „Untere Iller“, Wolfgang Höß, betonen beide, dass die Wasserrahmenrichtlinie der EU vorsieht, dass sich der Zustand von Gewässern nicht verschlechtern dürfe. Genau das geschehe jedoch würden neue Anlagen gebaut. Stattdessen müsse das Ziel sein, die Iller durchgängig zu machen, was der gesamten Ökologie des Flusses zugutekäme.

Wie argumentiert die Firma aus München?

Für Geschäftsführer Mathias Fontin ist bei den Kraftwerks-Gegnern auch viel Polemik im Spiel. Er verweist darauf, dass es zwischen Memmingen und Illertissen bereits 24 Querbauwerke in dem Fluss gebe. Die derzeitigen Fischpässe, über die Fische die Bauwerke passieren sollen, seien entweder kaum oder gar nicht funktionsfähig. Würde das Schachtkraftwerk gebaut, gehöre dazu auch eine Ertüchtigung und Ergänzung der Fischauf- beziehungsweise -abstiege. Das geplante Schachtkraftwerk, das an der TU München entwickelt worden sei, übererfülle die Vorgaben der ökologischen Wasserwirtschaft, sei für Geschiebe, also Feststoffe, die das Gewässer mitführt, durchlässig. Außerdem sei das Kraftwerk unter Wasser, wodurch es kaum Eingriffe in die Natur gebe und die Fischschädigung minimiert werde.

Wie wird die Rolle der Stadt Dietenheim und des Landes Baden-Württemberg von bayerischer Warte aus gesehen?

Die Kraftwerksgegner äußern auch immer wieder Kritik an der Stadt Dietenheim und an der baden-württembergischen Landespolitik. Wie Wolfgang Höß sagt, seien 90 Prozent der Iller bayerisch. Trotzdem maße sich Baden-Württemberg an, einen Keil in die bayerischen Bemühungen zum Schutz des Gewässers zu treiben. Der Dietenheimer Gemeinderat habe dem Bauvorhaben wohl ohne tiefgründigere Auseinandersetzung mit dem Thema zugestimmt. Bürgermeister Eh sagt hingegen, er könne die Aufregung nicht nachvollziehen. Es sei nur ein „untergeordnetes Bauwerk“ des Kraftwerks, eine „kleine Hütte“, genehmigt worden. Es liefen derzeit keine Planungen für eine Renaturierung im besagten Illerabschnitt. Diese habe schon vor 25 Jahren stattgefunden. Außerdem sei die Laufzeit des Kraftwerks auf 30 Jahre begrenzt. Danach gebe es die Möglichkeit, die Renaturierungsbemühungen auch bei Dietenheim fortzusetzen.

Was machen die Gegner im Falle einer Genehmigung der Anlage?

Hans-Joachim Weirather, Präsident des Fischereiverbandes Schwaben und Unterallgäuer Landrat, kündigt an, dass dann Rechtsmittel eingelegt werden. „Wir werden das nicht auf sich beruhen lassen“, so Weirather. Der jetzige beklagenswerte Zustand der Iller dürfe nicht mit einem Wasserkraftwerk zementiert werden. Durchgängige Strukturverbesserungen könne es nicht geben, wenn die Anlage gebaut werde. „Die Iller ist keine Opferstrecke, sondern sie schreit danach, zum Leben erweckt zu werden“, sagt Weirather.

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