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Unterallgäu

11.01.2019

Debatte: Wer darf kranke Schulkinder entschuldigen?

Ist das Kind krank, können Schulen ein ärztliches Attest verlangen, müssen es aber nicht. Memminger Kinderärzte plädieren dafür, dass Eltern ihre Sprösslinge selbst entschuldigen sollten, wenn sie nicht ernsthaft krank sind.
Bild: dpa/Patrick Pleul

Memminger Kinderärzte fordern, dass Eltern ihre Buben und Mädchen krankschreiben. Laut einiger Rektoren wird das bereits so gehandhabt. Aber was ist daran so sinnvoll?

Auf dem Empfangstresen bei Kinderarzt Harald Frantzmann liegen Zettel. Es sind Vordrucke für Schulatteste: Name, Klasse, Klassenleiter und Krankheitsgrund. „Nehmen Sie den Zettel mit, füllen Sie ihn aus und geben Sie ihn an der Schule ab“, rät Frantzmann allen Eltern, deren Kinder nicht ernsthaft krank sind, sondern lediglich ein Schulattest brauchen. Zum Beispiel wegen einer Erkältung. Stellt er ein Attest aus, kostet das für die Eltern 2,50 Euro, weil es die gesetzliche Krankenkasse nicht übernimmt. Ihn als Arzt kostet es vor allem eines: Zeit. Zeit, die ihm an anderer Stelle fehlt. Die Ärzte sind überlastet. Deshalb sollten seiner Meinung nach Schulen darauf verzichten, ärztliche Atteste zu verlangen. Auch nach dem dritten Krankheitstag. Aber geht das überhaupt?

Frantzmann beruft sich auf die Rechtslage: „Das steht so nicht im Schulgesetz.“ Insbesondere nennt er den Paragrafen 20 der Bayerischen Schulordnung. Demnach können die Schulen Atteste verlangen – müssen aber nicht. „Das hat sich halt so eingebürgert.“ Die Pressesprecherin des Kultusministeriums, Dr. Julia Kuntz, bestätigt ihn. Im Gesetz steht: Die Schule kann bei einer Erkrankung von mehr als drei Unterrichtstagen oder am Tag eines angekündigten Leistungsnachweises die Vorlage eines ärztlichen Attests verlangen. „Kann. Die Schule muss aber nicht“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Das ist eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.“ Die meisten Schulen würden Atteste verlangen. „Weil das sonst ausgereizt wird.“

In den Augen vieler Kinderärzte reizen nicht die Eltern, sondern die Schulen diese Praxis aus. Ein Versuch, sich gegen übervolle Wartezimmer zu wehren, haben Memminger Ärzte schon unternommen. Sie haben Schulen in einem Brief gebeten, die Vorschriften zu lockern. Die Ärzte sind immer noch überlastet. Die Situation ist trotz des Vorstoßes weiterhin angespannt. Kinderärzte wie Frantzmann beobachten, dass immer mehr Schulkinder mit Kopfschmerzen oder leichtem Schnupfen in den Wartezimmern sitzen – sie also nicht zwingend ärztliche Behandlung bräuchten. Jeder Patient, der kommt, wird aufgenommen, untersucht und am Ende schreibt der Mediziner eine Entschuldigung für die Schule. „Das ist Arbeitszeit, wenn ich 50 Atteste ausstellen muss.“ Grundsätzlich hat er zwar kein Problem damit, Schulbescheinigungen auszustellen. „Aber letztlich raubt uns das die Zeit für wirklich kranke Kinder.“ Elisabeth Fuß, Leiterin des Schulamtes Memmingen/Unterallgäu, sagt: „In Grund- und Mittelschulen reicht in der Regel für die ersten drei Tage eine Entschuldigung der Eltern.“ Ausnahmen gebe es in wenigen Fällen, etwa wenn Kinder sehr oft krank sind oder immer dann fehlen, wenn Prüfungen anstehen.

Spielräume gibt es bei den Schulen

Das ist nicht überall so. Schulen haben Spielräume, sagt Kuntz – sie können folglich schon vor dem dritten Krankheitstag ärztliche Bescheinigungen einfordern.

In der Sebastian-Lotzer-Realschule verlangte Rektor Harald Rehklau bisher oft Atteste. Das hat er geändert. „Wegen der Bitte der Ärzte“, sagt er. Seit diesem Schuljahr wird ab dem vierten Fehltag ein Attest fällig. Die Staatliche Realschule handhabt das laut Thomas Ax, stellvertretender Schulleiter, lockerer. Unter ein Prozent der Schüler haben Attestpflicht. Sie werde nur verhängt, wenn ein Kind „auffällig oft fehlt“. Teilweise gebe es Eltern, die unaufgefordert ärztliche Atteste einreichen, sagt Ax. „Etwa, wenn das Kind im Krankenhaus liegt.“

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In den Memminger Gymnasien können Eltern ihre Kinder auch nach dem dritten Fehltag krankschreiben. Das sagen die Rektoren Dr. Thomas Wolf (Bernhard-Strigel-Gymnasium) und Burkhard Arnold (Vöhlin-Gymnasium). Bis zur zehnten Klasse auch dann, wenn Prüfungen anstehen. Ärztliche Atteste würden nur gefordert, wenn Schüler länger krank sind – also die Expertise eines Arztes nötig ist. Sind es folglich nicht die Schulen, sondern die Eltern, die auf Atteste pochen?

Dem widerspricht die Elternbeiratsvorsitzende des Vöhlin-Gymnasiums, Kerstin Post, entschieden. Sie verdeutlicht: „Sie haben ein krankes Kind, es spukt. Sie haben die Wahl: In der Schule anrufen und selbst zum Stift greifen – oder aber Sie packen Ihr vielleicht fieberndes Kind ins Auto und fahren zum Arzt. Was ist Ihnen lieber?“

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