Buch

17.07.2017

Den Bibern auf der Spur

In nur einer Nacht hat der Biber den Abwasserkanal wieder dicht gemacht. Karl Thoma muss deshalb den Damm beseitigen. Rechts: Der Kanal, den der Biber eigens zum Transportieren seines Holzes angelegt hat.

Der 84-jährige Karl Thoma ist Biberberater. Das heißt, er versucht die Schäden, die die Tiere hinterlassen, einzudämmen. Das ist gar nicht so einfach.

Es ist noch früh am Morgen, der Wind fegt über das Bucher Ried und ein paar Regentropfen fallen, als der 84-jährige Karl Thoma aus Buch im Bereich „Graben am Hötlesteil“ sein Auto anhält. Im Kofferraum liegt sein 13-jähriger Jagdhund Alex, ein Deutsch-Drahthaar, auf der Decke und möchte anscheinend gerne weiterschlafen. Thoma zieht währenddessen schon einmal seine blaue, wasserfeste Schürze an und nimmt die zwei Meter lange Stange mit den Greifhaken am Ende aus dem Kofferraum. Der Biberbeauftragte weiß genau, was ihn erwarten kann.

Seit sieben Jahren begibt sich Thoma täglich bei Wind und Wetter auf seinen Biberkontrollgang. Nur wenige Meter von einer viel befahrenen Straße entfernt kämpft er sich durch eine oftmals unzugängliche Niedermoorlandschaft. Eine geringe Aufwandsentschädigung deckt die Benzinkosten. Er hat in diesen sieben Jahren den Biber und seine Eigenarten genau studiert – hat der einmal Oberwasser, versäuft das ganze Gebiet, so Thoma. Er könne Bücher darüber schreiben. Exemplare, die mehr als 30 Kilogramm und eine Schwanzlänge von über einen Meter haben, hat er auf seiner Pirsch schon beobachtet. In ihren weit aufgerissenen Mäulern und mithilfe ihrer Vorderbeine transportieren sie Schlamm und Geröll zu ihren Biberdämmen. Die Folgen der Bauten und der dadurch entstandenen Schäden sind vor allem für Menschen erheblich.

500 Biber im Landkreis Neu-Ulm

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So wie im Jahr 2010, dem Jahr, in dem Thoma Biberbeauftragter wurde. Biber hatten im Bucher Ried erhebliche Schäden angerichtet, diese konnten letztlich auch nicht mit Geldern aus dem Biberfonds komplett reguliert werden. Michael Angerer von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes in Neu-Ulm machte sich bei einem Ortstermin im Ried mit einigen Mitgliedern der Jagdgenossenschaft ein Bild davon, welche Schäden die Tiere auf den landwirtschaftlichen Flächen aber auch bei anderen Tierarten, die unter Artenschutz stehen, angerichtet hatten. Noch heute sind die abgestorbenen Birken an der Staatsstraße 2018 in Richtung Illertissen zu sehen. „Die Landschaft sah verheerend aus,“ erinnert sich Thoma. Damals schwammen die Enten im Maisfeld in Kolbenhöhe. Auch das Straßenbauamt zeigte sich über die Situation besorgt, denn die Staatsstraße hätte Schaden nehmen können. In dieser Zeit absolvierte Thoma einen Lehrgang und wurde anschließend für den Bucher Bereich als Biberberater von der Unteren Naturschutzbehörde Neu-Ulm eingesetzt. Laut Angerer hat das Landratsamt vor etwa 20 Jahren mit gerade einmal zwei Biberberatern begonnen, doch aufgrund der Vermehrung der Tiere musste auf die derzeit zehn Berater aufgestockt werden. „Vor 30 Jahren hatten wir keine Biber in unserer Region“, erklärt der Experte. Inzwischen seien es 500 Exemplare. 1990 gab es laut Angerer den ersten Biber im Landkreis Neu-Ulm. „Jetzt ging es ohne die Ehrenamtlichen gar nicht mehr“, sagt Angerer.

Als Thoma begonnen hat, waren es 13 Biber, die einen 100 Meter langen Hauptdamm gebaut und viele Hektar landwirtschaftlicher Flächen unter Wasser gesetzt hatten. Ein Kettenbagger war notwendig, um diese Anlage, die zum Teil aus vier Meter langen Bäumen, Grasgeflecht und Schlamm bestand, zu entsorgen. Knochenarbeit für den Biberberater – so wie heute auch. Doch das gehört zu den Aufgaben des Beraters: Laut Angerer muss dieser nämlich nicht nur die von Schäden betroffenen Bürger informieren und über die Tiere aufklären, sondern auch selbst Hand anlegen. Wenn die Präventionsmaßnahme, zum Beispiel einen Draht um den Stamm eines Baumes zu wickeln, keine Wirkung zeigt, wird von den Biberberater verlangt, das Tier mit einer Falle zu fangen oder gar zu töten. „Das sind aber Einzelfälle“, sagt Angerer, der die Berater von Neu-Ulm aus koordiniert und die Anrufe der von Bibern geplagten Menschen entgegennimmt. Auch ein Stück alte Hundedecke am Baum erfüllt ihren Zweck und macht das Tier nervös, weiß Thoma.

Inzwischen ist er an einem Abwassergraben angekommen. Dort, wo vor Kurzem noch Wasser floss, hat der Biber über Nacht – über seine selbst angelegte Wasserstraße – Bauholz herangeschafft. Das Kornfeld auf der anderen Seite versucht er auch schon in Besitz zu nehmen. Nun ist Thoma gefragt. Mit seiner langen Gabel räumt der 84-Jährige nach und nach das schon feste Fundament weg. Große Äste landen neben dem Graben, wo sich bereits andere Holzhaufen bis zu drei Meter hoch auftürmen. Währenddessen erzählt der Biberberater aus seinem Leben. Schon immer sei er mit der Natur verbunden gewesen und, wie er sagt, „halbwild“ in Ritzisried aufgewachsen. „Mein Lehrer, Alois Bauer (Anmerkung der Redaktion: Begründer der ehemaligen Waldschule), der selber ein passionierter Jäger war, hat durch seinen Unterricht mit dazu beigetragen.“ Nach seiner Ausbildung bei der Schreinerei Vogt in Illertissen machte er sich als Meister in Buch selbstständig. 45 Jahre lang betrieb Thoma außerdem die Bucher Jagd. All die Jahre unterstützte ihn dabei seine Frau Frieda.

Jetzt beginnt für Thoma ein neues Kapitel: Der 84-Jährige möchte dieses Jahr sein Ehrenamt als Biberberater aus Altersgründen abgeben. Wer sein Nachfolger wird, ist unklar. Thoma weiß jedoch, wenn der Kontrollgang ausbleibt, werden die Tiere Hektar um Hektar im Ried zurückgewinnen. Und auch Michael Angerer gibt an, dass er im Landkreis weiterhin mit zehn Biberberatern arbeiten möchte. „Wir sind ein schöner Kreis“, sagt er.

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