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Gericht

16.06.2010

Den Sohn gequält, um als gute Mutter zu gelten

Silhouette Mutter mit Kind. Bild: dpa

Sie verdrehte ihrem Kind immer wieder das Knie und mischte Blut in Urinproben. So zog die Mutter von Klinik zu Klinik, um als fürsorglich zu gelten. Jetzt wurde die Frau aus dem Landkreis Neu-Ulm verurteilt. Von Bernd Kramlinger

Nach außen hin erschien sie wie eine fürsorgliche Mutter, die vom Schicksal arg gebeutelt wird - in Wahrheit war sie eine Frau, die ihren kleinen Sohn quälte, um mit ihm von Klinik zu Klinik ziehen zu können.

Gestern verurteilte das Neu-Ulmer Schöffengericht eine Frau aus dem südlichen Landkreis wegen Misshandlung Schutzbefohlener zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung. Die Strafe fiel unter anderem so moderat aus, weil der Münchner Rechtsmediziner Prof. Dr. Randolph Penning bei der Frau das "Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom" festgestellt hatte und das Gericht unter Vorsitz von Gabriele Buck nicht ausschließen konnte, dass die 30-Jährige die Taten im Zustand verminderter Schuldfähigkeit begangen hatte.

Kurz nach der Geburt ihres heute fast fünfjährigen Sohnes wurde bei dem Kind Neurodermitis und Asthma festgestellt. Der Zustand verbesserte sich nicht, sodass Mutter und Kind 2007 zur Kur nach Davos reisten. Schon bei diesem Aufenthalt stellten sich Komplikationen mit geschwollenen Knien ein. Von dort wurde der Sohn an die Uni-Klinik nach Ulm überwiesen, danach mehrfach in andere Kinderkliniken. Wie üblich war die Mutter stets an der Seite ihres Kleinen. Auffallend war, dass sich der Zustand des Buben zeitweise besserte, wenig später aber wieder ein Rückschlag erfolgte.

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Mediziner greifen tief in ihr Arsenal

Die Mediziner griffen tief in ihr Arsenal, um den geheimnisvollen Schmerzen auf den Grund zu kommen: Im Laufe eines Dreivierteljahres schickten sie den kleinen Buben in Tomografen-Röhren, punktierten zwei Mal sein Rückenmark, nahmen Haut-Biopsien vor, testeten auf Rheuma, überlegten gar, ob sie eine riskante Nieren-Biopsie vornehmen sollten. Alle die teilweise schmerzhaften Prozeduren nutzten nichts - die Knieschmerzen blieben rätselhaft. Erst in der Von-Haunerschen-Kinderklinik in München schöpften Ärzte und Kinderschwestern Verdacht, dass die Mutter ursächlich mit den Schmerzen zu tun haben könnte. Dort gab die Frau, die die ganze Zeit im Krankenzimmer ihres Kindes war, eine blutige Urinprobe ab. Ein erneutes Rätsel für die Ärzte. Als die Schwestern dem Kind deshalb einen Katheter legten, staunten sie nicht schlecht, als der Bub plötzlich klaren Harn von sich gab. Eine rechtsmedizinische Untersuchung ergab, dass das Blut in der ersten Urinprobe von einer weiblichen Verwandten ersten Grades - nach Lage der Dinge von der Mutter - stammte.

Die Angeklagte hatte dem Kind auch Schmerzmittel vorenthalten, wie eine weitere Untersuchung ergab. Für die Spezialisten in München verdichtete sich der Verdacht, dass die Frau am "Münchhausen-by-Proxy-Syndrom" leidet - sie fügt ihrem Kind Schmerzen zu, damit sie als fürsorgliche Mutter in der Klinik ihr Kind betreuen kann.

Schöffengericht schickt Frau zur Psychotherapie

Rechtsmediziner Penning folgerte, dass die Knieschmerzen mittels Verdrehen der Beine durch die Mutter ausgelöst worden sind. Nach einem Rechtsgespräch, bei dem Gericht und Oberstaatsanwalt Markus Schroth der Verteidigerin Silke Hartl eine Bewährungsstrafe in Aussicht stellten, wurde dies auch eingeräumt. Nach Beginn der Ermittlungen hörten die Knieschmerzen plötzlich auf, das Kind ist mittlerweile putzmunter und spielt sogar Fußball. Die Mutter muss auf Anweisung des Gerichts eine Psychotherapie machen. Von Bernd Kramlinger

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