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Altenstadt

22.09.2020

Deportation: Drei Schwestern fuhren von Altenstadt in den Tod

Dieses Foto zeigt Hilde, Else und Flora Strauss im Jahr 1937 (von links). Die drei Schwestern aus einer jüdischen Familie waren 15, 13 und elf Jahre alt, als sie Altenstadt verlassen mussten.

Plus Elsa, Flora und Hilda wurden auf Anweisung der nationalsozialistischen Machthaber 1942 in ein polnisches Lager gebracht. Sie kehrten nie nach Altenstadt zurück.

Tatsächlich existieren noch Bilder, auf welchen die drei Schwestern des jüdischen Metzgers Strauss sorgenfrei in die Welt blicken. Zumindest hat der Betrachter diesen Eindruck, wenn sich auch über den Köpfen Unheilvolles zusammenbraute. 15, 13 und elf Jahre alt waren die Mädchen, als sie Altenstadt verlassen mussten. Else, Flora und Hilde sollten den Ort ihrer Geburt und Kindheit nie wieder sehen.

Wenige Wochen zuvor hielten im Januar 1942 die nationalsozialistischen Machthaber in Berlin die Wannseekonferenz ab, als deren Resultat die vollständige und systematische Vernichtung des europäischen Judentums, die berüchtigte „Endlösung der Judenfrage“ stand. Bereits seit der Machtübernahme Hitlers waren Mitbürger mosaischen Glaubens zunehmenden gewalttätigen Restriktionen unterworfen. Die Betroffenen sahen oft keine andere Möglichkeit mehr, als Deutschland zu verlassen. Im Nachhinein stellte sich das als großes Glück heraus.

Das Schicksal, das die im NS-Staat verbliebenen Juden erwartete, war grausam. Zum Zeitpunkt der in Berlin beschlossenen obigen Maßnahmen zählte Altenstadt nur noch 22 Personen israelitischen Glaubens. Die Mühlen der NS-Bürokratie mahlten jedoch schnell: Bereits am 31. März 1942 hatte sich ein Großteil der jüdischen Bevölkerung am Bahnhof einzufinden. Darüber unterrichtet wurden die Betroffenen erst am späten Nachmittag des Vortages. Über Memmingen wurden die Menschen zunächst in ein Sammellager in München-Milbertshofen verfrachtet. Von dort aus gingen die Transporte in den Osten. Seitens der NS-Schergen wurde den Gefangenen kommuniziert, sie kämen in ein Arbeitslager.

Die drei Strauss-Schwestern wurden nach Polen verschleppt

Die drei Strauss-Mädchen gelangten zusammen mit ihrer Familie Anfang April in das jüdische Getto von Piaski bei Lublin in Polen. Bei diesem Transport waren insgesamt 774 Juden aus Schwaben und Oberbayern betroffen. Über Regensburg, wo nochmals 213 Menschen hinzukamen, rollte der Zug der Deutschen Reichsbahn in das sogenannte Generalgouvernement. Piaski war bereits vor dem Krieg eine mehrheitlich jüdische Gemeinde. Anfang 1940 errichteten die Nationalsozialisten dort ein Getto, in welches nach und nach Juden aus dem Reich verwiesen wurden.

In diesem restlos überfüllten Lager verliert sich die Spur von Else, Flora und Hilde. Ebenso jene ihrer Familie und von vier anderen Altenstadter Juden. Es ist jedoch historisch dokumentiert, dass aus Piaski regelmäßig Transporte in das nicht allzu ferne Belzec, heute an der Grenze zur Ukraine gelegen, durchgeführt wurden. Auch in Belzec wurden die Ankommenden zunächst im Glauben gelassen, es handle sich um ein Arbeitslager. In Wahrheit war Belzec eine jener berüchtigten Vernichtungsanstalten im Osten, von welchen Auschwitz nur die bekannteste ist. Belzec bedeutete Endstation! Bereits an der Rampe erfolgte die Trennung nach Geschlecht. Die Männer wurden sofort ins Gas geschickt, den Frauen zuvor noch die Haare geschnitten und der Schmuck abgenommen. Splitternackt mussten sie einen Raum betreten, auf dessen Tür „Bade- und Inhalationsgebäude“ zu lesen war. Nach 20 Minuten wurden die Ermordeten durch Hilfstruppen weggeschafft und in Massengräbern verscharrt. Schon betraten die Nächsten den Raum ...

Lagerkommandant wuchs nur wenige Kilometer entfernt auf

Es ist mit einiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass auch die drei Strauss-Schwestern diesen Weg gehen mussten. Eine grausame Ironie des Schicksals: Der Lagerkommandant von Belzec, Christian Wirth, stammte aus dem nur drei Kilometer von Altenstadt entfernten Oberbalzheim.

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