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Vöhringen

05.11.2017

Der Kampf gegen einen seltenen Tumor

Vor acht Jahren haben Ärzte bei Diana Müller aus Vöhringen einen aggressiven Tumor festgestellt.
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Vor acht Jahren haben Ärzte bei Diana Müller aus Vöhringen einen aggressiven Tumor festgestellt.
Bild: Symbolfoto: Patrick Pleul, dpa

Vor acht Jahren wurde bei Diana Müller ein aggressives Geschwulst festgestellt. Ärzte gaben ihr nur noch wenige Jahre zu leben. Doch die Vöhringerin gab nicht auf. Heute ist sie glücklich – trotz vieler Einschränkungen.

Wer Diana Müller begegnet, hat eine Frau vor sich, die vor Charme und guter Laune nur so sprüht. Ihre blitzenden Augen strahlen vor Freude. Sie wirkt so lebensfroh, dass man den Rollstuhl beinahe übersieht, den sie braucht. Dabei ist ihr Leben alles andere als leicht. Im Gegenteil, sie ist schmerzgeplagt und weiß, dass ihr Leidensweg nie zu Ende gehen wird. Doch Diagnosen, sie habe noch zwei Jahre zu leben, hat sie ignoriert. Sie setzt auf das Leben und die Freude, „jeder Tag ist für mich ein Geschenk“.

Bei der heute 39-Jährigen wurde vor acht Jahren ein aggressiver Tumor diagnostiziert - ein Chordom, das sich in ihrem Unterleib ausgebreitet hatte. Chordome sind langsam wachsende Geschwülste der Wirbelsäule, die auch Metastasen bilden können. Obwohl sie nicht aus Knochengewebe stammen, werden sie zu den Knochentumoren gezählt. Die Wahrscheinlichkeit, als Frau in ihrem Alter daran zu erkranken, lagen bei eins zu einer Million, wurde Müller damals gesagt. Mit der Diagnose begann für die Vöhringerin ein langer Weg durch viele Kliniken.

Angefangen hatte alles eigentlich relativ harmlos. Für eine Unterleibs-Operation ging sie ins Krankenhaus nach Laupheim. Nach der OP erfuhr sie, dass ein gutartiger Tumor in ihrem Darm entdeckt worden war. Empfohlen wurde ihr eine Operation in Erlangen. Dort sprach sie auch vor. Der OP-Termin stand fest. Da aber vorher weitere Untersuchungen anstanden, entschloss sich Müller zu einer ortsnahen Behandlung. Sie entschied sich für das Krankenhaus in Ehingen. Was die Ärzte dort feststellten, war für sie ein Schock.

Sie hatte einen weiteren Tumor am Steißbein, der nicht einfach zu entfernen war. Mit den Worten, „ich wünsche Ihnen einen Arzt, der sich an diese Operation herantraut“, sei sie damals vom behandelnden Arzt entlassen worden. Das habe sie völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, erzählt Müller. Was sollte sie tun? Sie besprach sich mit ihrer Hausärztin, die empfahl, nach Tübingen zu gehen. Diana Müller folgte dem Rat. In Tübingen wurde sie dann mit der niederschmetternden Diagnose konfrontiert: Sie hatte einen Chordom-Tumor.

Nächste Station war für die junge Frau Heidelberg. Man dachte an Bestrahlung. In Heidelberg aber teilten ihr die Ärzte mit, dass sich diese Art von Tumor resistent gegen Bestrahlung und Chemotherapie erweist. „Ich hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Man hatte mir gesagt, zwei Jahre hätte ich noch zu leben. Also gab es für mich zwei Möglichkeiten: Entweder, ich tue nichts und genieße die Zeit, die mir bleibt, oder ich lasse mich auf die Operation ein und zwar mit allen Konsequenzen.“ Und die hießen: starke körperliche Behinderungen, Folge-OPs, künstlicher Darmausgang und die Aussicht, eventuell noch sieben Jahre zu leben. Sie entschied sich für sieben Jahre Leben.

In Tübingen wurde sie operiert, zwölf Stunden lag sie auf dem OP-Tisch. Ihr wurde das Steißbein wie auch ein Stück des Darms entfernt, ebenso ein Teil ihrer Beckenbodenmuskulatur. Das machte sie instabil, ein kurzes Stehen vor dem Waschbecken ist möglich, aber ohne Rollstuhl geht nichts mehr. Zwei Wochen später wurde Müller erneut operiert. Die Wunde hatte sich entzündet. Nach fünf Wochen Klinikaufenthalt durfte sie nach Hause. „Ohne meine Mutter hätte ich das alles nicht geschafft. Einmal sagte ich ihr, ach Mama, lass mich doch sterben.“ Wie sich später herausstellte, war eine Nervenschädigung bei der großen Operation Ursache ihrer fortwährenden Schmerzen. Man implantierte ihr eine Morphium-Pumpe, die alle acht Wochen neu befüllt werden muss.

Was ihr dann aus ihrem seelischen Tief heraus geholfen habe, war die Liebe, wie sie sagt. Befreundet war sie mit Heiko Müller schon lange, „aber es wurde Liebe daraus und das gab mir unendliche Kraft. Ich wollte leben“. Und Heiko nahm seine zukünftige Frau so an, wie sie war. Sie heirateten. Seine ganze Fürsorge und Zuneigung gilt Diana. Seit vier Jahren sind sie ein Ehepaar. Heiko Müller wusste, auf was er sich einließ. Er räumt auch freimütig ein, „dass der Kopf gesagt hat, schaffst du das? Aber das Bauch- und Herzgefühl sagten eindeutig ja“.

Wie schafft eine Frau, die so schmerzgeplagt ist und manchmal nicht aus dem Bett in den Rollstuhl kann, Freude am Leben zu haben, andere mit ihrem ansteckenden Lachen fröhlich zu stimmen? Diana Müller denkt nach und sagt: „Mal an die Luft zu kommen, ins Kino gefahren zu werden, wohl wissend, dass ich das lange Sitzen hinterher mit Schmerzen büßen muss. Das sind Abenteuer, auf die ich mich aber einlasse. Wenn ich anderen kranken Menschen begegne, höre ich immer die Klagen, was sie nicht mehr können. Warum freuen sie sich nicht an dem, was sie noch können?“

Diana Müller hat gelernt, die kleinen, so selbstverständlich erscheinenden Dinge wertzuschätzen, etwa „wenn die Sonne scheint, die Schneeglöckchen blühen, ein Mensch besonders nett zu mir ist“. Schon jetzt freut sie sich auf etwas Besonderes. Im nächsten Jahr wird sie im Allgäu in einem Rollstuhl-Hotel Urlaub machen, dabei blickt sie mit Tränen in den Augen auf ihren Mann, der das möglich gemacht hat. „Ja, das kostet viel Geld, da hilft niemand, aber uns ist es das wert“, sagt Heiko Müller und drückt fest die Hand seiner Frau.

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