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Illertissen

07.08.2017

„Der Sturm“ reißt das Publikum mit

Eine Statisterie aus Geistern – von Prospero auf die Bühne geschickt und ebenso schnell wieder abberufen – bringt die Schiffbrüchigen zum Erstarren. Ganz links das Verbrecherduo Antonio und Sebastiano, vorne Alonso, König von Neapel.
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Eine Statisterie aus Geistern – von Prospero auf die Bühne geschickt und ebenso schnell wieder abberufen – bringt die Schiffbrüchigen zum Erstarren. Ganz links das Verbrecherduo Antonio und Sebastiano, vorne Alonso, König von Neapel.
Bild: Regina Langhans

Die Schwabenbühne inszenierte Shakespeares Spätwerk als großartiges Schauspiel mit einfallsreichen Details. 400 Zuschauer klatschten Freitagabend beeindruckt Beifall. Ein Besuch.

Schweres Theater leicht gemacht – bei Shakespeares Spätwerk „Der Sturm“ mit Fürsten, Insulanern, Geistern und altertümlicher Sprache im Versmaß kein einfaches Unterfangen. Doch am Freitagabend hat die Schwabenbühne mit diesem Stück im Freilichttheater am Illertisser Schloss eine glänzende Premiere gefeiert. Es gelang ihr, Denken und Handeln der Menschen vor 400 Jahren in die Gegenwart zu transportieren. Und zu zeigen, dass die Aussagen des berühmten englischen Dramatikers heute noch Gültigkeit besitzen. Das nahm das Publikum dankbar an: Viel wurde in der Pause und nach der Aufführung diskutiert: „Der Sturm“ konnte die rund 400 Besucher also durchaus mitreißen. Dabei ging es längst nicht nur um von außen auf den Menschen hereinbrechende Stürme. Sonder auch um solche, die in seinem Inneren ablaufen.

Der große Regiekniff – neben vielen hübschen Details – ist die Idee von Regisseur Markus Bartl und Ausstatter Philipp Kiefer, der über magisches Wissen verfügenden Hauptfigur Prospero (Ralf Ziesche) im Stück noch den Platz des Regisseurs zu geben. Regieassistenz leistet der Luftgeist Ariel, geschickt und frech gespielt von Ziesches 13-jährigem Sohn Philipp: eine glückliche Kombination. So wechselt Prospero zwischen seinem in sphärisches Blau getauchten Regiepult und dem in eine Sandinsel verwandelten Schauplatz: mal ist er befehlsgebender Initiator, mal mitspielender Akteur.

Prospero, den von seinem Bruder Antonio (Werner Denzel) entmachteten Herzog von Mailand, hat es einst mit Tochter Miranda (Daniela Dir) auf die Insel verschlagen. Nun lässt er das Schiff der Feinde mit Antonio und dem verbündeten König Alonso von Neapel (Josef Hutzler) auf seiner Insel stranden, um auf Weise Vergeltung zu üben. Nichtsahnend, dass sie sich in Prosperos Bannkreis befinden, gehen die Schiffbrüchigen aufeinander los.

Für herrlich komödiantische Szenen sorgen die betrunkenen Matrosen Trinculo (Eva Schneider) und Stephano (Christine Brüderl), indem sie sich mit dem, von Prospero zum Sklaven erniedrigten Insulaner Caliban verbünden. Dessen tragisch-komischer Rolle als Mischwesen und Sohn einer Hexe wird Gertrud Menzel gerecht mit Verzweiflungsausbrüchen und tänzerisch-spielerischen Rap-Auftritten. Caliban ist der, seiner Kräfte beraubte Gegenspieler von Prospero, der nun Gelegenheit wittert, sich seines übermächtigen Herrn zu befreien. Doch Prospero vermag das einfältige Trio ins Lächerliche zu rücken. Ebenso lässt er das Verschwörerduo Antonio und Sebastiano (Thomas Beitlich) beim geplanten Mord an Neapels König Alfonso ins Leere laufen. In einem weiteren Handlungsstrang können Prosperos Tochter Miranda und der gestrandete neapolitanische Königssohn Ferdinand (Philip Müller) zueinanderfinden: Symbolisiert durch ein rotes Plüschherz und filmreif inszeniert mit wunderschön gespielten Begegnungen der Verliebten.

Alles ist Theater im Theater, selbst die Spieler sind beim Schminken und in Erwartung ihres Auftritts zu sehen. Das Stück lebt vom Wechsel zwischen Regieanweisungen und Auftritten, wobei die Akteure ihre Zuschauer unmittelbar mitzunehmen wissen. Ariel, der unsichtbar hin und her huscht, Personen in Schlaf versetzt oder keck in Dialogen mitmischt, hilft mit, dass sich Spiel und Magie dramatisch zum Höhepunkt aufschaukeln. Prosperos eigentliche Abrechnung ist gekommen, indem er quasi durch besseres, höheres Wissen Hass und Verfolgung zum Guten lenkt. Geistwesen übernehmen die Bühne, während die Protagonisten in ohnmächtige Erstarrung versinken und sich Prosperos strengem Gericht ausgesetzt sehen. Jener entblößt die Verräter, um zuletzt Verzeihung und Versöhnung herbeizuführen. Seine Ziele sind erreicht, Miranda und Ferdinand ein Paar, das Herzogtum Mailand zurück in seiner Hand – da gibt Shakespeare dem Stück einen erstaunlichen Schluss: Prospero zerbricht den Zauberstab und entsagt der Magie. Sein Abgesang im Epilog klingt wie ein Vermächtnis Shakespeares. Der Initiator überlässt seine Kunst dem Urteil des Publikums, wobei er um Einsicht wirbt.

Am Ende bekommen die Mimen vom Publikum in Illertissen viel Beifall. Das zeigt: Die Schwabenbühne hat Shakespeares Botschaft, Güte und Weisheit gegen Intrigen und Machtgier einzusetzen, verständlich gemacht. Man hat dem Dramatiker einst die Worte in dem Mund gelegt: „Die ganze Welt ist eine Bühne.“ Mit Blick darauf ist seine Botschaft gewiss brandaktuell.

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