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Vöhringen

09.10.2018

Der neue Kaplan hat sich viel vorgenommen

Die St. Michael-Kirche in Vöhringen.
Bild: Thomas Kempf (Archivbild)

Johannes Reiber ist Geistlicher in Vöhringen. Was er zu Missbrauchsvorwürfen sagt, die sich gegen seinen Orden richten.

Das Mönchshabit sucht man bei Pater Johannes Reiber vergeblich – wenngleich auch der Name „Pater“ klösterliche Herkunft vermuten lässt. Stattdessen trägt er die Kleidung eines Weltpriesters, ein graues Collarhemd mit Weste. Mit offenem Lächeln geht er auf Menschen zu.

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Der 30-Jährige ist der neue Kaplan der Pfarreiengemeinschaft Vöhringen. Der in Sonthofen geborene und in Oberreute aufgewachsen Geistliche gehört der Ordensgemeinschaft „Das Werk“ an, die 1938 in Belgien gegründet wurde. „Ich war 16 Jahre alt, als ich einer Frau in unserer Kirche begegnete, die Blumen steckte.“ Im Gespräch habe er erfahren, dass sie der Gemeinschaft angehörte. Das machte ihn neugierig.

Er folgte einer Einladung nach Kloster Thalbach am Bodensee und verbrachte fortan dort die Sonntagabende. „Was mich so begeisterte, war die familienähnliche Gemeinschaft. In dieser Zeit im Kloster erfuhr ich Freude am Glauben und die Kraft, die man daraus schöpfen kann“, sagt er heute.

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Nach dem Abitur trat Reiber in den Orden ein. Studiert hat er acht Jahre Philosophie und Theologie in Rom an der päpstlichen Universität des Lateran. 2017 wurde er zum Priester geweiht. In der Kemptener Pfarrei St. Anton trat er seine erste Stelle als Kaplan an, dort war er schon als Diakon tätig. Auch ein kleines Buch hat der 30-Jährige bereits verfasst. Als Autor taucht er in die Geschichte von Bruder Georg von Pfronten ein, der laut Überlieferung Wunder wirkte – was zu zwei Anläufen zur Seligsprechung führte. Doch dieses Prozedere wurde nie zu Ende gebracht. Pater Johannes Reiber hofft nun auf einen dritten Versuch. „Eine Seligsprechung würde dem Wirken von Bruder Georg gerecht.“

Die derzeitige Situation der Kirche sieht er durchaus kritisch

In Vöhringen werden die Aufgaben des Geistlichen vielfältig sein: Er geht zum Religionsunterricht in die Schulen, widmet sich der Jugendpastoralarbeit und leistet Einzelbegleitung in Notfällen. Im Frühjahr wird es in Vöhringen sogenannte Alpha-Kurse geben, auf die er sich freue. „Wir nennen das Neuevangelisierung, Glaubenserneuerung. Die Menschen sollen den Glauben neu entdecken, dazu muss man ihn auch richtig kennenlernen.“

Was den jungen Geistlichen auszeichnet, ist seine Offenheit. Die derzeitige Situation der Kirche sieht er durchaus kritisch und spricht von festgefahrenen Strukturen. Er weiß um die Vorwürfe des Missbrauchs in der Kirche, auch um die in seiner eigenen Gemeinschaft. Im Jahr 2014 geriet „Das Werk“, unter anderem wegen Missbrauchsvorwürfen, in die Kritik. So sprach etwa eine ehemalige Schwester des Ordens in einem Interview des SWR von mehrfachen sexuellen Übergriffen, die sie einige Jahre später zur Anzeige brachte – und in einem Buch verarbeitete. Auch warf sie den Ordensoberen vor, jegliche Persönlichkeitsentfaltung zu unterbinden.

Von den Vorkommnissen in seinem Orden habe er nichts gewusst, sagt Reiber, weil er mit seinem Studium in Rom beschäftigt gewesen sei. „Das Ordensleben, wie es geschildert wurde, entspricht aber nicht meiner elfjährigen Erfahrung.“ Die rechtlichen Schritte, so der Geistliche, seien nicht weiter verfolgt worden, da die Gerichte keinen Tatbestand feststellen konnten. Die Ordensgemeinschaft selbst habe in verschiedenen Publikationen den Missbrauch eingeräumt und ihn scharf verurteilt. Auch er selbst verurteile „jede Art von physischer, körperlicher oder geistigem Missbrauch, sowohl in der Kirche wie in der Gesellschaft“, sagt der Kaplan.

Als Beispiel für festgefahrene Strukturen in der Kirche nennt er die Kirchensteuer. „Der Hauptzweck der Steuer liegt ja wohl darin, dass aus diesen Mitteln sakrale, künstlerisch wertvolle Bauwerke erhalten werden. Aber was nützen diese Kirchen, wenn immer weniger Gläubige den Weg dorthin suchen, um zu beten und die Kirchen immer leerer werden?“ Aber, so Reiber, er sei davon überzeugt, dass sich Kirche erneuern werde.

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