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Altenstadt

27.01.2020

Die Heiligtümer des Altenstadter Pfarrarchivs

Diese Ablassurkunde aus dem Jahr 1464 ist das wohl wertvollste Stück im Pfarrarchiv: Die Farben der kunstvollen Verzierungen sind noch sehr gut erhalten. Die kunstvolle Schrift ist mit Gold überzogen, das Rechbergwappen mit Silber.
Bild: Zita Schmid

Plus Heimatforscher haben die Unterlagen in Altenstadt gesichtet. Dabei fanden sie ein 750 Jahre altes Lehen - und die Beschwerde eines Pfarrers über zu große Fenster.

Alwin Müller öffnet die Tür zu dem geschichtsträchtigen Refugium im Keller bei der Altenstadter Kirche. Hier ist das Pfarrarchiv untergebracht – das Gedächtnis der Pfarrgemeinde sozusagen. Schriftstücke zu Stiftungen und Pfründen, zu Einnahmen und Ausgaben, zu Pfarrern, zu Geschehnissen rund um die Kirchen und ihren Einrichtungen sind hier versammelt. Sie erzählen aus längst vergangenen Jahrhunderten – und umfassen auch einige echte Schätze. Mit zwei weiteren Ehrenamtlichen hat Alwin Müller die Aufgabe übernommen, das Material zu sichten. Denn die Masse an Unterlagen ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden.

Zu den Pfarrarchiv-Dokumenten aus Altenstadt kamen nämlich Unterlagen aus allen Pfarreien der Pfarreiengemeinschaft hierher. Das hat einen guten Grund: In Altenstadt ist geplant, die Bereiche des jetzigen Pfarrbüros samt Pfarr- und Haushälterinnenwohnung zu einem großen zentralen Pfarrbüro für die Gemeinschaft umzubauen. Da Pfarrer Thomas Kleinle seinen Wohnsitz in Untereichen hat, ist das Vorhaben möglich. Das neue gemeinsame Pfarrarchiv soll im Keller der bisherigen Pfarrerwohnung untergebracht werden.

So kam es, dass zunächst Alwin Müller und Günter Backhaus im Mai 2015 begannen, das ganze Pfarrarchiv auf Vordermann zu bringen. Die beiden Altenstadter sind in der Marktgemeinde auch als Heimatforscher bekannt. Zusammen haben sie in unzähligen ehrenamtlichen Stunden Kisten durchsucht, den Inhalt aussortiert, geordnet, zudem die bestehenden Schränke überarbeitet und alles auch am Computer erfasst. Im vergangenen Jahr unterstützte sie dabei Josef Mayer aus Untereichen.

Die Heiligtümer des Altenstadter Pfarrarchivs
Alwin Müller vor dem Schrank seiner „Heiligtümer“ des Altenstadter Pfarrarchivs.
Bild: Zita Schmid

Heimatforscher finden im Pfarrarchiv in Altenstadt viele Schätze

Bei den Pfarreien Osterberg, Kellmünz, Herrenstetten und Untereichen beginnen die Dokumente etwa im 18. Jahrhundert, sagt Alwin Müller. Wesentlich Älteres bietet das Pfarrarchiv der einstigen Pfarrei Illereichen, früher Sitz der örtlichen Geistlichkeit. Das „Heiligtum“, wie es Müller bedeutungsvoll nennt, lagert in einem sicheren Metallschrank. Dabei handelt es sich um keine neu entdeckten Schätze, dafür aber um so manches historisches Kulturgut. Müller holt einen unscheinbaren Karton heraus und öffnet den Deckel. Ganz oben auf dem Stapel liegt dann bereits das älteste Dokument des Archivs. Es ist rechteckig, und das Schweinsleder fühlt sich weich und schwerer als Papier an. Im Inhaltsverzeichnis wird das in Latein verfasste Dokument mit „Donatio Wolframstal 1259“ betitelt. Wolframstal war laut Müller ein Weiler, der sich südlich der heutigen Dattenhauser Weiher befand. Das Lehen, also die Einkünfte, wurde damals nach Gutenzell gestiftet. Dort befand sich das „Hauskloster“ der damaligen Illereicher Herrscher, der Herren von Aichheim. Das Kloster wurde später auch zu deren Grablege. Vor 761 Jahren wurde das heute noch relativ gut erhaltene Schriftstück über diese Lehensstiftung erstellt.

Die zweite Kostbarkeit aus dem Karton ist nur unwesentlich jünger. Es ist ein Ablassbrief aus dem Jahr 1300, mit dem um Spenden für den Kirchen-, gegebenenfalls auch Kirchenerweiterungsbau für die Altenstadter Mariä-Geburt-Kirche geworben wird. Weitere Ablassbriefe folgen. So aus dem Jahr 1454 für die Schlosskapelle im damals vermutlich gerade gebauten Schloss Illereichen. Müller zeigt das wertvollste seiner Heiligtümer, vorsichtig faltet er es auseinander. Auf dem Pergament geht es dabei wieder um den vermeintlichen Erlass der Sündenstrafe. Diesmal aus dem Jahr 1464. Das Besondere daran: In der Ablassurkunde ist die kunstvolle Schrift noch prächtig verziert, teils farbig und mit Gold und Silber überzogen. Und auch das Wappen der Herren von Rechberg, die den Herren von Aichheim ab dem Jahr 1330 folgten, ist vollständig erhalten. Ausgestellt wurde die Urkunde für die Meinradskapelle der Mönchsburg. Eine Burg, die in Illereichen einst nahe dem als „Pestkapelle“ bekannten Kirchlein gestanden haben soll.

Ein Schreiben samt Skizze der ersten Altenstadter Synagoge stammt aus dem Jahr 1725. Der damalige Pfarrer beschwerte sich damit beim Bischof über die großen Fenster des jüdischen Gebetshauses.
Bild: Zita Schmid

Pfarrer beschwert sich über zu große Fenster

Der Pfarrarchivar zeigt noch viele seiner historischen Schätze aus dem Metallschrank. Dazu gehören auch die alten „Verkündbücher“ der Pfarrer. Diese schätze er als fundierte Geschichtsquelle sehr, sagt Müller. Denn in früheren Zeiten hätten die Pfarrer beim Sonntagsgottesdienst alles verkündet, von Geburten und Todesfällen bis hin zu allen wichtigen Ereignissen, und diese in den Büchern zudem sorgsam aufgeschrieben.

Auch Zeugnisse der jüdischen Vergangenheit lagern im Archiv. So etwa Visitationsberichte des Pfarrers über seine Besuche in der jüdischen Schule. Denn der Ortsgeistliche hatte die Aufsicht über beide Schulen – die christliche und die jüdische. Interessant auch die Geschichte, die Müller zu einem Brief aus dem Jahr 1725 kennt. Hier beschwert sich der Pfarrer beim Bischof, dass die Synagoge – hier handelt es sich um die erste Synagoge in Altenstadt, die als Holzbau errichtet wurde – seines Erachtens zu große Fenster habe. Da es sich um kein Gotteshaus, sondern um ein jüdisches Gebetshaus handele, hielt der Pfarrer dies offenbar für unangemessen.

Der damalige Herrscher Maximilian Wilhelm Graf von Limburg-Styrum (die Grafen von Limburg-Styrum herrschten in Illereichen nach den Rechtbergs ab 1677) soll daraufhin dem Bischof mitgeteilt haben: Solange die Juden ihre Steuern zahlen, können sie Fenster bauen, so groß wie sie wollen.

Über mächtige Methusalem-Bäume und kleine Baumhöhlen voller Leben im Staatswald bei Filzingen, lesen Sie hier: Ein Revier mit lebendigen Schätze

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