Landkreis Neu-Ulm

11.11.2017

Die Helfer halten durch

Margarete Fischer ist seit einem halben Jahr im Landratsamt die Ansprechpartnerin für die Asylhelfer. Das ist keine ganz leichte Aufgabe, denn die Freiwilligen haben mit einigen Frustrationen zu kämpfen.
Bild: Andreas Brücken

Die Zahl der ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuer ist im Landkreis nur geringfügig zurückgegangen. Ohne ihren freiwilligen Einsatz wären die Behörden aufgeschmissen.

Manchmal bekommt Margarete Fischer einiges zu hören – geballten Frust, Ärger, Unverständnis über Entscheidungen von Behörden. Sie nimmt es nicht persönlich, denn die Menschen, mit denen sie es zu tun hat, sind mit sehr viel Herzblut und Engagement bei der Sache. Da kochen die Emotionen schon mal über. Seit April arbeitet Margarete Fischer im Landratsamt Neu-Ulm als sogenannte Ehrenamtskoordinatorin für den Asylbereich. Sie kümmert sich also um die vielen Frauen und Männer, die sich nach wie vor in den Helferkreisen engagieren und versuchen, die Flüchtlinge in ihrem neuen, für sie oft schwierigen und unverständlichen Leben zu unterstützen und zu begleiten. Die meisten seien allerdings sehr freundlich, beteuert Margarete Fischer, doch die Arbeit in den Helferkreisen bringt auch Belastungen und Ärger mit sich, der sich zuweilen Bahn bricht, denn nicht immer erschließt sich jedem das Handeln der Behörden.

Zwei Jahre nach der großen Flüchtlingswelle hat sich vielerorts die Stimmung verändert, schlägt den Asylbewerbern Ablehnung und Feindschaft entgegen. Doch das Engagement in den Helferorganisationen des Landkreises scheint ungebrochen. Wie aus einer Aufstellung des Landratsamtes hervorgeht, kümmerten sich 2015 in den Kommunen des Kreises 465 Frauen und Männer um die Ankömmlinge. Zwei Jahre später sind es immer noch rund 430. Die meisten davon engagieren sich in Elchingen, wo der dortige Helferkreis mit derzeit 75 Aktiven im Vergleich zu 2015 sogar noch deutlich zugelegt hat. Drastische Änderungen gab es nirgends. Dass in Roggenburg die Zahl der aufgeführten Helfer von 70 auf Null geschrumpft ist, hat nach den Worten von Margarete Fischer einen einfachen Grund: Der Ort hatte sich gründlich auf die zu erwartenden Flüchtlinge vorbereitet – doch dann wurden keine zugeteilt, weshalb der Helferkreis vorerst auf Eis liegt.

Dass nicht mehr ganz so viele Menschen in den Unterstützerorganisationen arbeiten wie noch vor zwei Jahren, hat nach Einschätzung von Margarete Fischer sicherlich mit dem „Faktor Zeit“ zu tun und eben auch mit manchem angestauten Frust. Einige reiben sich regelrecht auf, wollen etwas für ihre Schützlinge erreichen – und bleiben nicht selten im Paragrafendschungel hängen. Margarete Fischer wirbt um Verständnis: „Behörden müssen sich an Vorgaben und Vorschriften halten, das ist für Außenstehende nicht immer verständlich.“ Da werde den Frauen und Männern vom Amt schon manchmal Fremdenfeindlichkeit unterstellt. Das jedoch weist Theresa Hopfensitz von sich. Die Juristin ist Geschäftsbereichsleiterin am Landratsamt und beteuert, dass alle, die in der Kreisbehörde mit dem Thema Asyl befasst sind, ausgesprochen engagiert ihrer Arbeit nachgehen, ohne Vorurteile. Doch manchmal sei auch dort ein gewisser Frust nicht zu vermeiden.

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Wie sehr das Denken von Unterstützern und das von Behördenvertretern auseinanderklaffen kann, zeigte sich Anfang der Woche beim jüngsten Dialogforum Asyl im Landratsamt, wo sich Ämter und Flüchtlingshelfer regelmäßig austauschen. Da wünschten Mitglieder des Nersinger Unterstützerkreises ein Zimmer, in dem die Bewohner der dortigen Unterkunft ungestört lernen können. Entsprechende Räume seien vorhanden und stünden seit Monaten leer. Alexander Groß, Teamleiter vom Arbeitsbereich Asyl am Landratsamt, wehrte ab. Die Zimmer seien vorzuhalten, falls kurzfristig Flüchtlinge dorthin verlegt werden müssten. Das wiederum stieß bei den Helfern auf Unverständnis, denn von einem auf den anderen Tag könne der Raum ja wieder freigegeben werden. Doch Groß beharrte darauf, von Amts wegen sei das nicht möglich, es müsse ein „gewisser Puffer“ vorhanden sein. Kurzzeitig drohte ein Eklat. Der Sendener Wolfgang Milde vom neu gegründeten Flüchtlingsrat im Landkreis forderte, der zuständigen Regierung von Schwaben auch mal „die Stirn zu bieten“. Schließlich wurde doch noch ein Kompromiss gefunden: Die Nersinger bekommen ein Lernzimmer, benennen aber einen Ansprechpartner, damit es gegebenenfalls rasch wieder freigemacht werden kann.

Wolfgang Milde sagte noch etwas in der Diskussion, das auf ein grundsätzliches Problem hinweist: „Was tun Sie, wenn die Ehrenamtlichen irgendwann sagen, wir haben die Schnauze voll und machen nichts mehr?“ Für die Behörden wäre das – vorsichtig gesagt – sehr schwierig. „Man muss dankbar sein, dass die Helfer so viel machen“, betont Landratsamtssprecher Jürgen Bigelmayr, „das ist wirklich ein Ruhmesblatt für das Ehrenamt“. So sieht das auch Theresa Hopfensitz, denn: „Die Wohnungssuche für die Flüchtlinge würde ohne die Ehrenamtlichen nicht laufen.“ Wenn Asylbewerber anerkannt sind, müssen sie aus den Unterkünften raus und in eine reguläre Wohnung umziehen. Doch die lassen sich kaum finden, nur sehr wenige Vermieter wollen sich Flüchtlinge ins Haus holen. Wenn es doch jemand tut, dann meist nur, weil Mitglieder eines Helferkreises vermittelt haben. Allerdings ist der Bedarf weiterhin groß: 285 Menschen warten auf eine Wohnung. Um sie nicht „in die Obdachlosigkeit zu entlassen“, dürfen sie noch als sogenannte „Fehlbeleger“ in den Unterkünften bleiben.

Von allen Problemen, denen sich die Helferkreise gegenübersehen, stellt die Wohnungssuche für ihre Schützlinge mit Abstand das größte dar. Das ergab eine Umfrage des Landratsamts. In der Auflistung heißt es unter anderem: „Flüchtlinge werden ohne ehrenamtliche Hilfe Opfer unseriöser Geschäftemacher, an die zum Teil auch Schmiergelder bezahlt werden müssen.“ Teilweise würden „unzumutbare Wohnungen“ an die Geflüchteten vermietet.

Auch bei der Arbeitssuche läuft viel über gute Beziehungen der Unterstützer, wie das Jobcenter Neu-Ulm weiß. Das konnte in den vergangenen 22 Monaten 333 Migranten einen vollwertigen Arbeitsplatz vermitteln.

Das wiederum ist in den Augen von Margarete Fischer eine gute Nachricht. Solche seien auch dringend notwendig, um die Helferinnen und Helfer zu motivieren, denn die klagen, dass die psychische Belastung der Ehrenamtlichen zugenommen habe. Deshalb wurde vonseiten des Landratsamts kürzlich ein Workshop zum Thema Frustration veranstaltet, bei dem sich die Helfer mit einer Psychologin aussprechen konnten.

„Es gibt noch unglaublich viel zu tun“, findet die Ehrenamtskoordinatorin, deren Stelle bis zum Ende des nächsten Jahres vorerst befristet ist. Sie hat mittlerweile viele Helferkreise besucht, manchen sogar drei bis viermal, und weiß nun: „Für die Ehrenamtlichen ist es eine Form von Wertschätzung, dass sich jemand um sie kümmert. Es habe sich schon manches entspannt. „Die Betreuung ist absolut notwendig.“

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