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Erdbeben

28.04.2015

Die Koffer wären schnell gepackt

Rückblende: Sylvia Rohrhirsch (Zweite von links) und Kollegen der Hilfsorganisation Humedica im Oktober 2005 vor ihrem Aufbruch nach Pakistan. Ihre Berichte über die Zustände vor Ort sind erschütternd. In Nepal wird es jetzt nicht anders sein, ist sie sich sicher.
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Rückblende: Sylvia Rohrhirsch (Zweite von links) und Kollegen der Hilfsorganisation Humedica im Oktober 2005 vor ihrem Aufbruch nach Pakistan. Ihre Berichte über die Zustände vor Ort sind erschütternd. In Nepal wird es jetzt nicht anders sein, ist sie sich sicher.

Sylvia Rohrhirsch würde in Nepal helfen, ist aber beruflich gebunden. Bellenbergerin erinnert sich an Pakistan 2005. Am Mount Everest sitzen Neu-Ulmer Bergsteiger fest

Sie hat bei humanitären Hilfseinsätzen schon so oft in der ersten Reihe gestanden. Auch am Sonntag, als ihre Kollegen nach Nepal aufbrachen, wäre Sylvia Rohrhirsch gerne mit ins Erdbeben-Gebiet geflogen, um zu helfen. Sie konnte aus beruflichen Gründen aber nicht mit. Die Mitarbeiterin des Arbeiter-Samariter-Bundes hat in Illertissen Termine, an die sie gebunden ist – zumindest in dieser Woche. Sollte sie in den nächsten Tagen freimachen können und der Ruf kommen, wären die Koffer schnell gepackt. „Die meisten Helfer in den Katastrophengebieten arbeiten ehrenamtlich. Sie opfern Urlaubstage“, erzählt die Bellenbergerin. Sie tut das auch.

Als Mitglied der Hilfsorganisationen Humedica und Landsaid war sie schon mehrfach nach Naturkatstrophen im Einsatz. So auch nach dem schweren Erdbeben im Oktober 2005 in der pakistanischen Bergregion Kaschmir. Fast 100000 Tote hat es damals gegeben. Aber gewiss weitaus mehr Menschen sind durch den Einsatz der Hilfsorganisationen vor dem Tod bewahrt worden. Sylvia Rohrhirsch war zwei Wochen vor Ort und zieht heute Parallelen zur Katastrophe in Nepal. „Der gesamte Hilfseinsatz wird lange dauern, vermutlich Jahre“, sagt sie. Und: „Die Zahl der Toten wird noch stark steigen, bis auch in den entlegenen Bergdörfern alle Opfer gefunden worden sind“, befürchtet sie.

2005 in Pakistan war die Bellenbergerin mit Humedica bereits zwei Tage nach dem größten Beben (wie in Nepal mit der Stärke 7,8) vor Ort – inmitten sterbender, lebensbedrohlich verletzter und traumatisierter Menschen. In den ersten Tagen ist Hilfe schwierig. Es gebe noch nicht die notwendigen Organisations-Strukturen. Sie zu schaffen, ist Aufgabe des UN-Ocha, des Büros zur Koordination menschlicher Angelegenheiten der Vereinten Nationen. Das Ocha teilt die Helfer aus der ganzen Welt ein und versucht, den Fluss von Hilfsgütern in Gang zu bringen. Das dürfte auch in Nepal ungemein schwierig sein. Die Bergregion ist vielerorts vollkommen unzugänglich. Während ihres Einsatzes in Pakistan hatten sich Menschen aus den Bergen tagelang verletzt ins Tal durchgeschlagen, weil zu ihnen bis dahin kein Helfer vorgedrungen war.

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Sylvia Rohrhirsch war 2005 als Krankenschwester eingesetzt. Zusammen mit drei Kolleginnen hatte sie in einer Zeltklinik 1500 Verletzte zu betreuen. Die Menschen mussten nach ihren Überlebenschancen in Stufen eingeteilt werden, bekannt unter dem Begriff Triage. Den Schwer- und Schwerstverletzten mit Chancen auf ein Weiterleben wird zuerst geholfen, danach den leichter Verletzten. Menschen ohne Überlebenschance befinden sich in der letzten Stufe. „Du darfst mitfühlen, aber nicht mitleiden. Sonst kannst du die Aufgabe nicht bewältigen“, erzählt Rohrhirsch.

Gearbeitet wurde in der Zeltklinik von frühmorgens bis spät in der Nacht. In einer Höhe von über 3000 Metern sei das für Europäer enorm anstrengend. In Pakistan kamen in den ersten Tagen zahlreiche Nachbeben hinzu. Das stärkste, das die Bellenbergerin miterlebte, betrug 6,7 auf der Richterskala. „Ich war in einem Raum und dachte, hier kommst du nicht mehr raus“, erinnert sie sich und fährt fort: „Solche Erdbeben machen einen Höllenlärm.“ Es sind wohl die wackelnden Wände und Gebäude, die diesen Krach verursachen. Das Gefühl des bebenden Bodens unter ihren Füßen wird sie ebenfalls nicht vergessen. Im Auto einer Freundin stand sie mal auf einer Brücke in Ulm im Stau. Die leichten Vibrationen der Brücke, ausgelöst durch die rollenden Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn, konnte sie nicht aushalten. „Ich bin ausgestiegen und zu Fuß von der Brücke gelaufen“, gesteht sie.

In der zweiten Woche saß Sylvia Rohrhirsch im ersten Hilfskonvoi, der eine Stadt in den Bergen namens Balakot erreichte. Tagelang war die Stadt ohne Hilfe von außen geblieben. 20000 Tote waren zu beklagen.

Auch in Nepal ist noch nicht restlos geklärt, wie es in den unzugänglichen Bergregionen aussieht. Zwei Bergsteiger der Sektion Neu-Ulm des Deutschen Alpenvereins erlebten das verheerende Erdbeben am Fuße des Mount Everest. Sie haben überlebt. Doch die Erde bebt weiter am höchsten Berg der Welt: „Im Moment erneutes Beben! Die Erde hat wieder kräftig gewackelt. Ich möchte nicht wissen, was in Kathmandu los ist“, schrieb am Montag Jürgen Greher. Der Ulmer Alpinist Christoph Haas hält über ein internetfähiges Satellitentelefon Kontakt zum Ehepaar Helga Söll, 52, und Jürgen Greher, 55, einem Kinderarzt aus Blaubeuren. Die erfahrenen Bergsteiger, die bereits drei Achttausender erklommen, hatten bisher Glück: Sie wählten die vergleichsweise wenig begangene Nordroute und blieben so von den Lawinen, die viele Todesopfer im südlichen Basislager forderten, verschont.

Sorge über die Lage im Himalaja-Staat herrscht bei Familie Ruckgaber im Roggenburger Ortsteil Meßhofen. Amateur-Fußballtrainer Josef Ruckgaber hält seit mehr als drei Jahrzehnten Kontakt zu Freunden aus Nepal, die er einst als Student kennengelernt hat. Einen Kontakt herzustellen, ist Familie Ruckgaber noch nicht gelungen.

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