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Vöhringen

08.07.2019

Die Wieland-Häuser: Von der Arbeiterwohnung zum Schmuckstück

Die Wieland-Häuser in Vöhringen wurden 1991 in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen. Das Haus in der Illerzeller Straße, das von Bewohnern weiß gestrichen wurde, tanzt aus der Reihe. Heute müssen die Fassaden so belassen werden, wie sie einst gebaut wurden.

Plus Früher galten die Wieland-Häuser als Siedlungen für Arme. Heute sind sie denkmalgeschützt und heiß begehrt. Einige Vöhringer erinnern sich.

Eine Wohnung oder ein Haus in Vöhringen zu finden, ist nicht einfach. Trotz aller Bemühungen seitens der Stadt, mehr Wohnraum zu schaffen, hält das Angebot mit der Nachfrage nicht mit. Eine ähnliche Situation gab es bereits vor mehr als hundert Jahren, als die Wieland-Werke Garanten für Lohn und Brot waren. Immer mehr Menschen zog es nach Vöhringen. In dieser Zeit entstanden die Wieland-Siedlungen. Heute haben die braunen Doppelhäuser mit ihren Dachgauben einen liebenswerten Charme. Da lohnt es sich, in den Geschichtsbüchern zu blättern.

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Wieland förderte bewusst die Ansiedlung seiner Mitarbeiter, denn viele kamen von weit her. So entstanden in den Jahren zwischen 1873 und 1906 geschlossene Siedlungen in der Illerzeller Straße, Frauenstraße und im Gleisweg in Vöhringen. Wer ein Häuschen kaufen wollte, dem half Wieland mit billigen Darlehen. Nachzulesen ist das alles im Buch „Wieland – Geschichte einer Arbeitsheimat“ von Hermann Baumhauer.

Am Anfang gab es keine Bäder in den Wohnungen

Die Häuser waren meist mit vier Zimmern ausgestattet – Küche und Wohnstube im Erdgeschoss, zwei Zimmer im ersten Stock. Aber es gab auch kleinere Wohneinheiten. Die Wohnfläche in den Häusern lag zwischen 65 und 70 Quadratmetern. Bad und Dusche waren damals in den Häusern nicht selbstverständlich. In Vöhringen hatte Wieland Badeanstalten mit elf Wannen und 23 Brausen eingerichtet. Erst später wurden in den Häusern nach und nach Bäder eingebaut.

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Die Mieten waren mehr als moderat. Für eine Drei-Zimmer-Wohnung in einer Doppelhaushälfte oder in einem Vierfach-Reihenhaus zahlten Bewohner zwischen 1910 und 1914 monatlich 12,35 Mark. Von 1925 an lag die Miete bei 16,66 Mark, weiß der Wieland-Chronist Manfred Hage.

Das erste Arbeiterwohnhaus entstand 1873 „mit drei Parthien“, wie es in einem Artikel von Wolfgang Dürrschnabel für das Jahrbuch des Landkreises Neu-Ulm von 2002 heißt. Drei Arbeiterhäuser für je zwei Familien entstanden 1888 in der Weidachgasse. Wieland setzte seine Bautätigkeit kontinuierlich fort. 1895 wurden neun weitere Siedlungshäuser an der Westseite der Illerzeller Straße und im Gleisweg geplant und gebaut. 1901 gab es einen Antrag über sieben Arbeiter-Doppelhäuser im damals neuen Wohngebiet am Mühlbach, der aber nur in Teilen umgesetzt wurde.

Dafür gab es 1902 neue Pläne für die Bebauung der Frauenstraße, bei denen auch Gärten vorgesehen waren. Reste davon sind heute noch nördlich des Stadtcenters zu sehen. 1906 wurde ein Antrag eingereicht, zehn Siedlungshäuser auf der Ostseite der Illerzeller Straße zu bauen. Dass Wieland sich für eine Unterkunft für seine Mitarbeiter engagierte, lag nicht zuletzt an der sozialen Verantwortung, die schon Philipp Jakob Wieland – nur der Prinzipal genannt – an den Tag legte.

Heute sind die Häuser denkmalgeschützt

Mittlerweile sind die Häuser der Siedlungen in Privatbesitz. Wieland hatte sich im Laufe der Jahre von den Immobilien getrennt. Die Häuser werden heute als zusammenhängende Bauensemble angesehen. 1991 wurden sie nach Auskunft von Thomas Luther aus dem Landratsamt in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen.

Manche Vöhringer erinnern sich noch an die frühen Jahre der Wieland-Häuser. Einer von ihnen ist Benedikt Ilg. Als er 1929 in der Illerzeller Straße 54 auf die Welt kam, waren seine Eltern Theresia und Valentin Ilg bereits Zweitmieter. 1972 erwarb Ilg dann selbst das Haus mit Garage für 42000 Mark. „Das waren noch Preise. Heute kostet so ein Haus um die 185000 Euro oder mehr“, weiß der knapp 90-Jährige. Ilg erinnert sich auch, dass mitunter recht abfällig über „die aus der alten Huck“ gesprochen wurde. Mit Huck ist im Schwäbischen ein altes Haus gemeint.

Benedikt Ilg wuchs in den Wieland-Häusern auf.

Das sagt heute niemand mehr. Wer in einem der schnuckeligen Häuser wohnt, weiß, dass dies eine Kostbarkeit ist – klein aber fein. Die Fassade steht unter Denkmalschutz. Nur im Inneren wurde eifrig umgebaut. Ilg erinnert sich daran, dass in der Küche eine Pumpe stand – zur Wasserversorgung. „Wir hatten auch noch ein Plumpsklo. Erst später ließ Wieland Bäder und WCs einrichten.“ Auch die nachbarschaftlichen Bindungen vergisst Ilg nicht. „Im Sommer wurden Bänke auf die Straße gestellt und es wurde zünftig gekartelt, denn geteert war die Straße damals noch nicht.“

Früher waren die Straßen in der Siedlung nicht geteert

Auch Herbert Walk, 61 Jahre alt, kennt die Wieland-Häuser seit seiner Kindheit. Er wuchs in der Frauenstraße auf und erinnert sich gerne an die Zeit bei Oma und Opa – wie er unbeschwert auf der Straße und in den Höfen zwischen den Häusern spielen konnte. „Ein Auto auf der nicht asphaltierten Straße hatte Seltenheitswert“, weiß Walk. „Aber nicht die Fahrradfahrer, wenn sie zum Wieland hin- und zurückradelten.“ Noch heute erinnert sich Walk, Zweiter Bürgermeister der Stadt Vöhringen, gerne an den guten nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Im Winter habe man sich zum Hoigata getroffen und es wurde auch „gebinogelt“. Binogl war ein damals sehr populäres Kartenspiel in Schwaben.

Auch Herbert Walk hat Kindheitserinnerungen an die Wohnsiedlung in Vöhringen.

Melanie Grasser ist im Gleisweg zu Hause. „Hier hat schon meine Urgroßmutter Franziska Burkhart gewohnt.“ Grasser hat ein Schmuckkästchen aus dem alten Haus gemacht und wohnt mit Ehemann Robert und den Kindern Johanna und Korbinian dort. Um mehr Wohnraum zu bekommen, hat die Familie umgebaut – aus zwei Zimmern im oberen Stockwerk wurden drei.

Für Grasser ist es ein Wunschhäuschen. „Ich habe das Haus mit seien dunklen Ziegeln schon als Kind schnuckelig empfunden.“ Auch mit den Nachbarn versteht sie sich blendend. Waren es früher nur „Wieländer“, die in den Siedlungen wohnen durften, steht es heute jedem frei, ein Haus zu erwerben – falls er eines findet.

Schon Melanie Grassers Urgroßmutter hat in einem der Häuser gelebt.

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