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Illertissen

25.01.2019

Die glorreichen Zeiten des Café Rau in Illertissen

Das ehemalige Café Rau, wie es vielen Illertissern und früheren Gästen in guter Erinnerung geblieben ist. Dabei setzt sich mit dem Café Schneewittchen die Tradition der Gastronomie fort.
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Das ehemalige Café Rau, wie es vielen Illertissern und früheren Gästen in guter Erinnerung geblieben ist. Dabei setzt sich mit dem Café Schneewittchen die Tradition der Gastronomie fort.

Plus Vor zehn Jahren hat das Café Rau in Illertissen geschlossen. Zuvor pulsierte dort das Leben. Ein ehemaliger Kellner erzählt von kuriosen Begebenheiten.

Schon zehn Jahre ist es her, dass das Café Rau an der Hauptstraße in Illertissen seine kunstvoll geschmiedeten Pforten schloss. Am 30. November 2008 war Schluss nach dem Tod von Kurt Rau. Dabei ist das einstige Lokal mit seinem Kaffeehaus-Ambiente und dem riesigen Tortenbuffet vielen Gästen bis heute in guter Erinnerung geblieben – und die Besucher kamen längst nicht nur aus Illertissen. Das weiß Stadtarchivar Hans Ranker: Er hat kürzlich einen Aufsatz mit dem Titel „Ende eines Traditionscafés“ verfasst. Darin ist viel Wissenswertes über das Lokal zu erfahjren. Und auch der ehemalige Kellner Alois Grossmann aus Vöhringen hat jede Menge aus der Glanzzeit des Kaffeehauses zu erzählen.

Am Anfang standen die Backwaren: So schreibt der Archivar über die Anfänge des Traditionscafés: „Die Firma war zuerst in Untermiete in der Ulrichstraße bei der Familie Kanz. Man produzierte dort Backwaren und Kuchen im kleinen Rahmen für private Feste.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg zog sie in Untermiete zu Johanna Schulz an der Hauptstraße, später ins eigene Domizil daneben: Das zum „Café Rau“ umgebaute Haus von Berta Lumper, wie in geschwungener Schrift am Gebäude zu lesen war.

Eine der zahlreichen festlichen Taleln, die Alois Grossmann zu decken hatte.


Das Café war bis weit über die Grenzen der Region ein Begriff. So wurde im Jahr 1986 der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth dort bewirtet. Für ihn gab es eine Torte mit der Aufschrift „Für den Mercedes der Politik“ in Anlehnung an seine Verbindungen zu dem Autokonzern. Dem imposanten Rau-Gebäude haftet immer noch der Glanz vergangener Zeiten an. Und mit dem Café Schneewittchen ist nach der Sanierung von Markus Hörmann und der Innengestaltung seiner heutigen Besitzer Regina und Wolfgang Karger wieder Gastronomie eingekehrt. Doch vieles ist anders als früher.

Kurt und Liselotte Rau sind nicht mehr am Leben

Die einstigen Konditoreibesitzer Liselotte und Kurt Rau sind zwar nicht mehr am Leben – aber es gibt einen anderen Zeitzeugen. Einen, der noch genau weiß, wie das damals war: Alois Grossmann arbeitete 50 Jahre lang als Ober im Café Rau. Er begann mit einer Lehre als Konditor und kellnerte danach viele Jahrzehnte lang. Er gehörte fast zur Familie, als das Lokal seinen Aufschwung nahm. Heute ist der 80-Jährige überzeugt: „Das Café Rau wäre so nicht mehr denkbar.“ Einmal, weil es Menschen wie seinen vielseitig talentierten Chef Kurt Rau und dessen Frau Liselotte als die gute Seele im Haus nicht so häufig gebe. Aber auch, weil das Ehepaar zeit seines Lebens seine ganze Kraft in das Geschäft gesteckt habe. Grossmann weiß, wie sein früherer Chef nötigenfalls zur Maurerkelle gegriffen oder Schreinergeschick bewiesen hat. „Da sind die Gene seines Großvaters, der als Maurermeister das Illertisser Rathaus gebaut hat, durchgeschlagen“, sagt der einstige Kellner. Mit Kunstverstand und Vorliebe für den barocken Stil hätten die Eheleute ihr Geschäftshaus nach und nach zu dem ausgebaut, wie es den Illertissern und einstigen Gästen in Erinnerung geblieben ist: Ein Kaffeehaus mit rotem Salon, Bauernstüble, Wintergarten, Eisdiele, in dem neben Kaffee und Kuchen auch Frühstück und kleine Speisen gereicht wurden.

Das Kuchenbuffet war eine einzige Schau an Köstlichkeiten.


Bunt war die Gesellschaft, mit der es der Kellner zu tun hatte: Von der „Haute Volée“ aus Amtsgericht und Krankenhaus bis zu Kartenspielern, die oft die mitternächtliche Sperrstunde überzogen. „Teils saßen sie bis 2 Uhr früh – und zahlten ihre Strafe selbst, wenn die Sperrzeit überschritten war, weil wir ab 24 Uhr nichts mehr ausgeschenkt haben.“ In guter Erinnerung hat er die Hochzeit eines Sendener Firmenchefs. „Die Hochzeitstorte reichte vom Boden bis zur Decke.“

Café Rau: Bekannt für Hüte aus Schokolade

Weit bekannt war Kurt Rau für seine Hüte und Glocken aus Schokolade, die lieferte er ins Allgäu. Auch Marzipanfiguren formte er selbst, genauso wie die Gussformen. Die dekorativen Pralinenschachteln waren Eigenkreationen. Raus Ideenreichtum wurde in Fachkreisen erkannt: Über sein Café war in Reiseführern und Backbüchern zu lesen.

Und wie geht es dem Ober heute? Immer wieder werde er auf seinen alten Arbeitsplatz angesprochen. Und bekomme zu hören: „Die Champagnertorte war einzigartig.“

Weitere Anekdoten aus der Illertisser Geschichte: Mehr über den jüngsten historischen Rückblick von Stadtarchivar Ranker lesen Sie hier: Als ein Richter die Illertisser malträtierte

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