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Illertissen

13.01.2015

Die männliche Scheherazade von Saal 103

Ladendieb aus dem Illertisser „V-Markt“ erzählt Richterin und Staatsanwalt „Märchen aus 1001 Nacht
Bild: Alexander Kaya

Ladendieb aus dem Illertisser „V-Markt“ erzählt Richterin und Staatsanwalt „Märchen aus 1001 Nacht“

Gäbe es im Saal 103 des Neu-Ulmer Amtsgerichts Balken – sie hätten sich mutmaßlich gebogen wegen der Dinge, die ein 48 Jahre alter Angeklagter Richterin Buck und Staatsanwalt Kramer erzählte. Expressis verbis der Lüge bezichtigen wollten die beiden Juristen den Mann zwar nicht – sie bezeichneten die Einlassungen des Württembergers als „Schutzbehauptungen“ und „Märchen aus 1001 Nacht“.

Zur Verhandlung antreten musste die frühverrentete männliche Scheherazade aus einem Ort nahe Schwendi wegen eines Diebstahl Anfang Oktober 2014 im Illertisser „V-Markt“. Dort hatte der Geschichtenerzähler einen Geldbeutel im Wert von knapp 28 Euro mitgehen lassen – so die Anklage. Dass er die Börse nicht bezahlt hatte, konnte und wollte der Angeklagte nicht bestreiten – wenngleich er die Tat eher als „Dummheit“ denn als „Diebstahl“ verstanden wissen wollte. Besagte Dummheit nahm ihren Anfang, als er und sein Sohn auf einen Einkaufswagen verzichteten. Das hatte zur Folge, dass sie Börse, Besen und Brennholz arbeitsteilig zum Bezahlen tragen mussten. Noch vor Erreichen der Kasse habe er seinen Gebrauchsgeldbeutel gezückt und einen Fünfzig-Euro-Schein herausgezogen, um damit die Rechnung zu begeichen.

Was der 48-Jährige nach eigenen Angaben aber nicht bemerkte, war, dass er zwei Börsen in der Hand gehabt habe. Das zweite Portemonnaie spürte er angeblich auch nicht, als er von der Verkäuferin 35 Euro Wechselgeld in seinen alten Geldbeutel einsortierte – die Differenz zwischen den 15 Euro, die Besen und Holz gekostet hatten, und den 50 Euro, die er ihr gegeben hatte.

Der Fauxpas sei ihm aber just nach Passieren der Kasse gewärtig geworden. Er habe ihn sofort korrigieren wollen, indem er das Geldbehältnis rückwirkend bezahlt.

Das urplötzlich eintretende Schuldbewusstsein entsprang aber wohl weniger spontaner Selbstreflexion als vielmehr einem äußeren Impuls in Gestalt eines Ladendetektivs, der das Einkaufsverhalten des Kunden offenbar schon länger studiert hatte und ihn zur Rede stellte. Dem Aufpasser erzählte der 48-Jährige zunächst ebenfalls, dass er schlicht vergessen habe, den Geldbeutel zu bezahlen, und er das sofort nachholen wolle. Merkwürdigerweise ließ er seinen Worten aber keine Taten folgen, sodass ihm die neue Börse abgenommen und die Polizei eingeschaltet wurde. Als Grund, warum er den Geldbeutel doch nicht käuflich erworben hatte, nannte er: „Ich war narrat (schwäbisch: eingeschnappt, beleidigt).“

Narrat deshalb, weil er keine Möglichkeit bekommen habe, sein „Missgeschick“ wieder gut zu machen. An diesem Punkt platzte dem Staatsanwalt der Kragen. „Wollen Sie mir weiß machen, dass das ein Missgeschick war? Wie oft passiert Ihnen denn solche Missgeschicke?“ Der Ankläger spielte damit auf Diebstähle und Betrügereien an, für die sich der Mann bereits sechs Vorstrafen eingefangen hat – die jüngste als Strafbefehl wegen Sockenklaus acht Monate vor dem „V-Markt“-Fall. Augenscheinlich erachtet der Angeklagte einen Strafbefehl nur als eine Art milden Tadels des Gerichts, der wenig bis keine Konsequenzen hat. Folgerichtig bezeichnete er diese Form der Bestrafung lässig als „Zettel“.

Anders als vom Staatsanwalt beantragt, zeigte Richterin Buck „ganz, ganz viel guten Willen“ und setzte eine viermonatige Haftstrafe „noch“ zur Bewährung aus. Die des Schwäbischen ebenfalls mächtige Richterin gab dem 48-Jährigen eine unmissverständliche Warnung mit auf den Heimweg: „Die kleinste Kleinigkeit – und sie hocken.“

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