1. Startseite
  2. Lokales (Illertissen)
  3. Die ständige Angst vor der Abschiebung

Vöhringen

17.02.2018

Die ständige Angst vor der Abschiebung

Ayas Safi ist 19 Jahre alt, kommt aus Afghanistan und hat eine Lehrstelle bei Elektro Prem in Vöhringen gefunden.
Bild: Ursula Katharina Balken

Als Ayas Safi sechs Monate als ist, fliehen seine Eltern aus Afghanistan in den Iran. Mit 16 wird er von dort abgeschoben. Ohne seine Familie kämpft er sich bis nach Deutschland durch. Trotz Lehrstelle ist seine Zukunft ungewiss.

Ayas Safi ist 19 Jahre alt. Er ist Flüchtling, kommt aus Afghanistan, beherrscht die deutsche Sprache schon recht gut und hat eine feste Lehrstelle. Er will Elektroniker für Energie- und Gebäudetechniker werden. Auf diesem Gebiet, so bescheinigt ihm sein Chef Walter Prem vom gleichnamigen Vöhringer Fachgeschäft, sei er wirklich gut. Ayas Safi könnte also glücklich sein, eine feste Lehrstelle gefunden und damit festen Boden unter den Füßen zu haben. Doch die Möglichkeit, Deutschland wieder verlassen zu müssen, ist nicht ausgeschlossen. Und das macht dem 19-Jährigen zu schaffen.

Safis Geschichte gleicht in vielem anderer Asylsuchender. Und doch ist sie besonders. Geboren wurde er in Kapisa, „das sind verschiedene Dörfer, die zu einer Stadt zusammengelegt wurden, rund 120 Kilometer von Kabul entfernt“. Als er vor 19 Jahren geboren wurde, herrschte in Afghanistan Krieg, das Haus seiner Eltern lag in Trümmern. Um in Sicherheit zu sein, floh die Familie mit sieben Kindern nach Teheran. Safi war da gerade sechs Monate alt. Später lernte er bei einem Lehrer, der eine Handvoll Schüler unterrichtete, Mathematik, Geschichte und das, was man im täglichen Leben wissen muss, Safi nennt es Sozialkunde. Auch die iranische Landessprache Farsi stand auf dem Stundenplan.

Seine erste Begegnung mit iranischen Behörden hatte für den jungen Afghanen Folgen: „Ich war 16 und spielte Fußball in einem Park. Plötzlich kam die Polizei und fragte nach Ausweispapieren.“ Die konnte er nicht vorweisen. „Ich wurde festgenommen und nach Afghanistan abgeschoben.“ Er war hilflos, wandte sich in seinem Heimatland, das er nie richtig kennengelernt hatte, an eine bekannte Familie, die ihn aufnahm. „Aber mir wurde gesagt, ich könne nicht lange bleiben.“ Seinen Eltern aber konnte er so mitteilen, wo er sich aufhielt. Gerne hätte Safi seine Familie wiedergesehen. Ohne Papiere drohte ihm im Iran jedoch das Gefängnis. Das hatte ihm auch sein Vater gesagt. „Er besorgte mir Schleuser.“ Was dafür bezahlt wurde, wisse er nicht. Der Rat seines Vaters war: „Geh’ in die Türkei.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Die Schleuser brachten ihn und andere Flüchtlinge schließlich in die Türkei. Über Bulgarien und Ungarn ging es nach Österreich, meistens zu Fuß. „Es waren so viele Leute unterwegs, ich bin einfach mitgelaufen. In Ungarn bin ich wie die anderen ohne Fahrkarte in einen Zug gestiegen.“ Auf dem Fußmarsch in den Westen sei Hunger ein ständiger Begleiter gewesen. Zum Essen oder Trinken gab es nichts, „ich habe Wasser aus einem Fluss getrunken“, erinnert er sich. In München habe er sich dann einer Gruppe angeschlossen. „Die stieg in einen Zug und ich auch.“ Wo es hinging – er wusste es nicht. Irgendwann sei er dann in Neu-Ulm angekommen. In einer Turnhalle habe es für ihn seit langer Zeit wieder eine warme Mahlzeit gegeben. Von dem Geld, das er bekam, kaufte er sich ein einfaches Handy, das er heute noch besitzt. So konnte er seinen Eltern mitteilen, wo er gestrandet war. Das ist mittlerweile rund zwei Jahre her.

Seitdem lebt Safi in Deutschland. Bei einem Elektriker in Senden absolvierte er ein Praktikum – und wäre dort auch gerne geblieben. Sein damaliger Chef aber erklärte ihm, dass der Betrieb nicht ausbilde. Doch Safi wollte unbedingt eine Lehrstelle finden, vor allem weil er in Deutsch so gute Fortschritte machte. Diese Chance ergab sich schließlich im Vöhringer Elektrohaus Prem, wo er einen Ausbildungsplatz bekam. Ob er dort allerdings bleiben kann, ist ungewiss. Denn schon einmal bekam er die Nachricht, dass er in Deutschland womöglich kein Bleiberecht bekommt. „Jetzt kämpft er“, sagt Walter Prem und hofft, den jungen Mann behalten zu können. „Er sieht die Arbeit, man muss ihn nicht erst darauf hinweisen.“ Und wegen seines höflichen Auftretens sei der Afghane auch bei der Kundschaft beliebt.

Wie Karl-Heinz Meyer von der Zentralen Auslandsbehörde bei der Regierung von Schwaben sagt, sei ihm der Fall Safi bekannt. Aus Datenschutzgründen könne er sich dazu aber nicht äußern. Abgeschoben werden laut Meyer grundsätzlich Straftäter sowie die Personen, die sich nicht kooperativ verhalten, wenn es um die Feststellung ihrer Identität geht. Doch Safi zeigt sich bereit zu helfen, seine Identität zu klären. Er wandte sich an das afghanische Konsulat und bat um Hilfe. Aber bislang hat er noch nichts gehört, „und das ist Monate her“.

Was seine Lehre betrifft, so kann der 19-Jährige seine Ausbildung nach Angaben von Meyer zu Ende führen. Danach könne er noch drei weitere Jahre bleiben. Und dann? Es bleibt das Prinzip Hoffnung. „Wenn es so ist, dass Deutschland mich nicht will, dann muss ich gehen“, sagt Safi. Dann macht er eine Pause und spricht leise: „Wir werden wie Spielzeug hin- und hergeschoben.“ Das Gespräch beendet er mit einer Frage: „Wer verlässt schon freiwillig ein Land, in dem er sich sicher fühlt?“

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Freie%20W%c3%a4hler%20Kreis.tif
Wullenstetten

Sie kandidieren für die Freien Wähler

ad__web+mobil@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Zugang zu allen Inhalten, mtl. kündbar, 4 Jahre Abopreis-Garantie.
So attraktiv waren Heimatnachrichten noch nie!

Zum Web & Mobil Starterpaket