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Illertissen

31.01.2019

Diebstähle und Gewalt: Was wurde aus der Illertisser Jugendgang?

In Illertissen hat es im vergangenen Jahr Beschwerden über pöbelnde Jugendliche gegeben. In der Unterführung am Bahnhof (im Bild) fühlten sich einige Bürger deshalb nicht sicher.
Bild: Alexander Kaya

Plus Im Herbst hat eine pöbelnde Clique in Illertissen für Aufsehen gesorgt. Inzwischen wurde es ruhig. Was es damit auf sich hat – und warum sich das ändern könnte.

Laute Musik, aggressives Auftreten und freche Sprüche: Damit hat im vergangenen Jahr eine Clique Jugendlicher in Illertissen einigen Ärger erregt. Es gab Beschwerden von Bürgern, die sich zum Beispiel in der Unterführung am Bahnhof nicht sicher fühlten. Zuletzt scheint es um die Clique ruhig geworden zu sein: „Momentan gibt es keine besonderen Probleme“, sagt Alexander Kurfürst, der stellvertretende Leiter der Illertisser Polizei auf Anfrage.

Wachsam seien die Ordnungshüter trotzdem: Die einschlägigen Treffpunkte in der Stadt seien bekannt und würden bei Streifenfahrten besucht. Wachsamkeit sei auch in der langsam in Fahrt kommenden Faschingszeit gefragt: Generell lockten große Veranstaltungen auch junge Besucher an, die auf Ärger aus seien. Meistens seien die dann nicht verkleidet und versuchten, der eigentlichen Party Konkurrenz zu machen. „Solche Phänomene sind bekannt“, sagt Kurfürst.

Die Jugend-Clique war im vergangenen Jahr ins den Fokus der Polizei gerückt, es standen auch Delikte wie Sachbeschädigungen, Ladendiebstähle und Körperverletzungen im Raum. Dem Freundeskreis wurden 40 bis 50 Personen zugerechnet, in Illertissen wurde von einer „Gang“ gesprochen. Ein Wort, bei dem Stadtjugendpflegerin Kathrin Grimm – bildlich gesprochen – die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. „Das ist völlig falsch platziert.“ Das klinge nach organisiertem Verbrechen, nach Mafia. Damit habe das nichts zu tun.

Es soll auch zu Gewalttaten gekommen sein

Zum harten Kern der Clique gehörten nach übereinstimmenden Informationen wohl nur eine handvoll Heranwachsender. Sie sollen sich um einen 18 Jahre alten jungen Mann aus dem Raum Vöhringen geschart haben, der offenkundig gewaltbereit war. Im Umfeld jener Gruppe soll es in Dietenheim im vergangenen Herbst zu einem Angriff auf einen jungen Besucher gekommen sein, der durch einen Kopfstoß verletzt worden sein soll. Seine Eltern hätten gezögert, zur Polizei zu gehen. Angeblich aus Angst vor weiteren Übergriffen.

Von einem „Rädelsführer“ sprach Stadtjugendpfleger Harry Heckenberger damals. Und äußerte die Auffassung, der sollte zumindest kurz „hinter schwedische Gardinen“. Gewissermaßen als Denkanstoß. Dazu ist es nach Informationen unserer Redaktion wohl inzwischen gekommen. Von einem kurzzeitigen Jugendarrest ist die Rede. Zu dem konkreten Fall wollen sich die Behörden nicht äußern. Generell könne man hoffen, dass ein Arrest in solchen Fällen zum Umdenken bewege, sagt Heckenberger. Aus seiner Sicht geht es darum, wie man mit Jugendlichen umgeht. Teile der „Gang“ seien vor einiger Zeit regelmäßig im Illertisser Jugendhaus zu Gast gewesen. Probleme habe es nicht gegeben. „Wir bieten keine Projektionsfläche für negatives Verhalten, dann ist der Reiz nicht da“, sagt Heckenberger.

Der Spielplatz am Illertisser Weiher gilt als Treffpunkt junger Leute. Mitunter führt das zu Beschwerden über Lärm.


Allgemein testeten Jugendliche ihre Grenzen aus, teilweise recht extrem. „Das ist völlig altergerecht“, sagt Grimm. Eine „Gang“ seien sie deshalb noch lange nicht, das habe Grimm auch den Jugendlichen selbst klar gemacht, die sich von der Bezeichnung angesprochen gefühlt hätten. Vertreter von Schulen und auch Stadträte seien nach den Berichten unserer Zeitung auf die Jugendpflegerin zugekommen. Sie hätten nachgefragt, ob man etwas unternehmen müsse. Nein, lautete Grimms Antwort. Denn das passiert in Illertissen längst.

Jugendpfleger halten Kontakte auf den Straßen

Die Jugendpflegerin hält regelmäßigen Kontakt zu jungen Leuten, unabhängig von Alters, Interessen oder Herkunft. Im Jugendhaus und auch durch die „aufsuchende Jugendarbeit“ draußen auf den Straßen. Zum Beispiel am Weiherspielplatz. Oder auf dem Marktplatz, wo sich in diesen Tagen trotz winterlicher Temperaturen abends zeitweise mehrere junge Leute aufhielten. Grimm setzt sich dann dazu, kommt ins Gespräch: „Ich schaue, wie die Lage ist.“ Das funktioniere ganz gut.

Ähnliche Erfahrungen hat ihr Kollege Heckenberger gemacht, als der im Sommer den Rosengarten aufgesucht habe, wo Ruhestörungen durch Jugendliche gemeldet wurden. Eine freundliche Bitte, dann sei das Thema erledigt gewesen. Die Jugendpflege habe auch dafür Sorge zu tragen, dass eine Stadt nicht unter ihren Jugendliche leide, sagt Heckenberger. Und Illertissen müsse das auch nicht. „Hier ist es ruhig, da gibt es ganz andere Ecken.“ Die Debatte um die sogenannte „Gang“ und deren Verhalten sollte nach Meinung von Heckenberger relativiert werden. In der Schulstadt Illertissen seien schließlich jeden Tag überaus viele junge Leute unterwegs, auch am Bahnhof. „Gemessen an diesen Zahlen passiert fast gar nichts.“ In einer kleinen Stadt wie Illertissen werde das wohl nur stärker wahrgenommen.

Die meisten jungen Leute verhalten sich tadellos, sagt die Jugendpflegerin.


Und Grimm glaubt, dass die Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit nicht nur auf den kleinen Prozentsatz von Jugendlichen mit auffälligem Verhalten richten sollte. Sondern auch auf den Großteil, der sich in Illertissen angemessen verhalte und sich darüber hinaus für die Gesellschaft engagiere. Davon zeuge der Jugendpreis, der am Freitag an junge Leute mit herausragenden Leistungen verliehen wird (Schranne, 18 Uhr). Mit „den anderen“ sei die Stadtjugendpflege natürlich weiter beschäftigt, sagt Grimm. Auch wenn der sogenannte „Rädelsführer“ nicht mehr auftreten sollte. Dann komme der nächste und danach wieder der nächste. So sei das eben. Die Jugendpflege stehe bereit. „Etwas zu tun gibt es immer, sonst bräuchte man uns ja nicht.“

Ein fehlender Anführer könne dazu führen, dass eine auffällige Gruppe „die Füße still hält“, sagt Polizist Kurfürst. Meistens finde sich schnell jemand, der in die Fußstapfen trete. Momentan gebe es dafür keine Anhaltspunkte, auch sei kein auffälliges Verhalten registriert worden. Die Polizei halte trotzdem die Augen offen, kündigt Kurfürst an. „Das gehört zu unseren Aufgaben.“

Die guten Seiten einer Gang: Warum es gut war, in Illertissen darüber zu sprechen - das schreibt Redakteur Jens Carsten in seinem Kommentar: Illertissen: Von den positiven Seiten einer Gang

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