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Reichau

18.05.2018

Ein Dorf steht vor Herausforderungen

In Reichau halten heute vor allem Vereine das Dorf am Leben. Roland Demmeler (Heimatverein) und Christel Holdenried (Kirchenchor) schmökern vor der Alten Schule in der Chronik des Orts. Es gibt Pläne, das Gebäude in ein Dorfgemeinschaftshaus umzubauen.
Bild: Siegfried Rebhan

Reichau ist ein Sinnbild für die Sorgen des ländlichen Raums. Von der einstigen Infrastruktur mit Geschäften, Gaststätten und Schule ist fast nichts mehr übrig.

Dorfläden schließen. Menschen sind zum Einkaufen auf ein Auto angewiesen, weil die Busse nur sporadisch verkehren. Post- und Bankfilialen gibt es nur noch im Nachbarort. Auch immer mehr Dorfgaststätten machen dicht. Das sind einige der viel diskutierten Probleme des ländlichen Raums.

Das Beispiel Reichau: Der Ort war einmal die südlichste Gemeinde des Landkreises Illertissen. Seit 1975 gehört die Ortschaft zu Boos und damit zum Unterallgäu. Roland Demmeler, der langjährige Vorsitzende des Heimatvereins Reichau, hat sich ausführlich mit der Geschichte des 300-Einwohner-Ortes befasst, vier Bücher sind daraus entstanden. „Früher gab es zwei Dorfläden. Der erste hat 1964 geschlossen, der zweite Betreiber hat das Geschäft aus Altersgründen im Jahr 1991 aufgegeben“, erzählt Demmeler. Heute kommt zwar zweimal in der Woche eine mobile Bäckerei, „aber man braucht auf jeden Fall ein Auto. Die Busverbindung ist nicht so günstig“, sagt der 85-Jährige.

Menschen, die nicht mehr alles selbstständig erledigen können, bietet der Heimatverein Hilfe an. „Bei Einkäufen, Behördengängen oder beim Gartenzaun reparieren“, zählt Demmeler auf. Die Hilfe sei kostenlos, oft gebe es ein kleines Trinkgeld. Besonders groß sei die Resonanz aber nicht. „Die meisten haben Angehörige, die sie unterstützen“, vermutet Demmeler.

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Theresia Zupfer ist Wirtin des Fuggerhofs, der letzten Gastwirtschaft in Reichau. Schon als junge Frau arbeitete die heute 79-Jährige hinter dem Tresen: „Ich mach’ weiter, solange es geht.“ Ihre erwachsenen Kinder unterstützen sie, weiterführen werden sie die Fuggerstube aber nicht. Ab und an finden noch Geburtstage und Versammlungen in der Gaststube statt. „Wenn die wegfällt, gibt es noch das Schützenheim – sonst nichts mehr“, sagt Bürgermeister Helmut Erben.

Reichau ist kein Einzelfall. Dass Wirtschaften wegbrechen, sei ein Problem, sagt der Vorsitzende des Unterallgäuer Gemeindetages, Otto Göppel. „Was im Unterallgäu noch sehr gut funktioniert, sind die Vereine“, fügt der Babenhauser Bürgermeister hinzu. Seiner Meinung nach könnten Vereinsheime und Dorfgemeinschaftshäuser ein Wirtshaus-Ersatz sein. Heimat für Vereine zu schaffen, hält Göppel daher für eine wichtige Aufgabe der Kommunen. In Reichau gibt es Pläne für ein solches Gemeinschaftshaus, in dem unter anderem Heimatverein und Chor Platz fänden. Der Gemeinderat will die Alte Schule dementsprechend umbauen. Früher gingen hier die Reichauer Kinder in den Unterricht, seit 1969 besuchen die Buben und Mädchen aus dem Ort die Grundschule im benachbarten Boos.

Derzeit versucht die Gemeinde, das Projekt Gemeinschaftshaus über das „Entwicklungsprogramm ländlicher Raum“ zu fördern. „Es steht und fällt mit der Finanzierung“, betont Erben. Die Reichauer unterstützen die Idee: „Die Vereine würden einen Großteil in Eigenleistung machen“, ist sich Walter Spöcker sicher. Er ist dienstältester Gemeinderat in Boos. Seit seiner Geburt lebt er in Reichau: „Ich war hier schon in allen Vereinen vertreten.“

Positiv für den Ort ist, dass die Bevölkerung nicht zu überaltern drohe, sagt Spöcker: „Die Jungen wollen hierbleiben.“ Derzeit fehlten aber Bauplätze für junge Familien. Freizeitmöglichkeiten wie Fußballplatz, Turnhalle und Skate-Anlage gebe es in Reichau auch nicht, „aber das missen die wenigsten“. Dafür könne Reichau einen Spielplatz und „Naherholung pur“ durch nahegelegene Weiher bieten. Auch an Veranstaltungen sei das ganze Jahr über einiges geboten, sagt Spöcker: Die Vereine stellen einen Maibaum auf, organisieren Sommernachtsfest und Faschingsball.

Das moderne Kommunikationszeitalter hat im Booser Ortsteil allerdings noch nicht so richtig Einzug gehalten: Er besitze zwar ein Handy, erzählt Spöcker, telefonieren könne er damit aber meistens nur, wenn er unterwegs sei: „Ein stabiles Handynetz gibt es in Reichau nicht. Manche gehen zum Telefonieren ans Dachfenster oder in den Garten“, erzählt der 66-Jährige.

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