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Neu-Ulm

25.06.2017

Ein TÜV für die Krebsbehandlung

Der Firmensitz in der Neu-Ulmer Gartenstraße. Onko-Zert ist ein unabhängiges Institut, das im Auftrag der Deutschen Krebsgesellschaft ein Zertifizierungssystem betreut.
Bild: Alexander Kaya

In der ehemaligen Neu-Ulmer Post sitzt ein ungewöhnliches Unternehmen, das ein Zertifizierungssystem für Onkologische Zentren entwickelt hat. Was dahinter steckt.

Eine Bluesband spielt laut auf der kleinen Bühne. Mitten im Gedröhne und der Besucherschar sitzt Andreas Kämmerle und konzentriert sich auf die Arbeit an seinem Tablet. So mag es einer der erfolgreichsten und ungewöhnlichsten Unternehmer hierzulande.

Das Café d‘Art ist sein Lieblingsplatz, wenn er mal für sich sein will. Ansonsten leitet der 48-Jährige die Firma Onko-Zert in der Neu-Ulmer Gartenstraße, die bundesweit für die Deutsche Krebsgesellschaft Krankenhäuser zertifiziert.

Es klingt nach einer märchenhaften Karriere, wenn der gebürtige Leutkircher mit seiner leisen Stimme aus seinem Leben in seinem Büro erzählt.

Doch nicht nur mit Glück und Zufall hat das zu tun, sondern mit Visionen, Unternehmergeist, Chancenwahrnehmung und sanft verpackter Durchsetzungsfähigkeit. Die Geschichte von Anfang an: Der Sohn eines oberschwäbischen Käsermeisters studierte an der Ulmer Fachhochschule Feinwerktechnik und geriet an Professor Dr. Jürgen Bläsing, der als Pionier und Wegbereiter des modernen Qualitätsmanagements im deutschsprachigen Raum gilt. Die Welt der Algorithmen und Normen wurde die seine – dennoch gab es ein paar Umwege bis zur Idee, einen TÜV für die Krebsmedizin zu entwickeln.

In der Internet-Euphorie Anfang 2000 ging Andreas Kämmerle zunächst zu einem lokalen Ulmer Software-Unternehmen, betreute dort eine Programmierniederlassung in Rumänien, in der er zwei Jahre später Mit-Gesellschafter wurde. Qualitätsmanagement und Software, das sind die fachlichen Fundamente für seine heutige Aufgabe.

Seine Gesellschaftsanteile an dem rumänischen Softwareunternehmen, das auf über 500 Mitarbeiter angewachsen war, verkaufte Kämmerle im Jahr 2013 an die japanische Telekom. Seitdem kann er finanziell unabhängig seine Visionen verwirklichen, auch wenn erst mal mit den neuen Ideen kein Geld verdient wird.

Seinen Wohnort Neu-Ulm hat Kämmerle mit seiner Frau, einer Ärztin, bewusst gewählt. Es sollte eine mittlere überschaubare Stadt sein, wo sie sich niederlassen wollten. Und da war Neu-Ulm gerade recht. Hier traf er auf Dr. Kreienberg, den Direktor der Ulmer Universitätsfrauenklinik, der sich schwerpunktmäßig mit Gynäkologischer Onkologie, insbesondere Operationsverfahren, Chemo- und Hormontherapie bei Brustkrebs befasste. Gleichzeitig las Kämmerle eine Ausschreibung der Deutschen Krebsgesellschaft im Ärzteblatt für ein Zertifizierungssystem in der Onkologie. Schließlich bekam der junge Ingenieur 2004 den Zuschlag von der Deutschen Krebsgesellschaft. In den Gründungsjahren war der Sitz der Firma eine kleine Wohnung in der Neu-Ulmer Innenstadt und wenn ihm die Decke auf den Kopf fiel vor lauter Arbeit, ging er ins damalige Café „Fortschritt“, um dort weiterzuarbeiten oder auch mal ein Bewerbungsgespräch zu führen.

Nun brauchte er Mitarbeiter und größere Räume. So fuhren er und seine Frau mit dem Fahrrad durch Neu-Ulm, um einen Firmensitz zu suchen. Gleich in der Nähe der Post stand ein großes Haus leer. Er erfuhr, dass dieses Haus und das ganze umliegende Gelände mit 10000 Quadratmetern der Deutschen Post AG gehört und versuchte zunächst vergeblich, einen entsprechenden Ansprechpartner zu erreichen, was nach zwei Wochen doch noch gelang. Und der sagte: Wenn dann verkaufe die Post nur das komplette Gelände mit 10000 Quadratmetern. So wurde Kämmerle beziehungsweise seine Firma Onko-Zert Großgrundbesitzer und richtete sich an seinem neuen Firmensitz ein. Als sein geliebtes Café „Fortschritt“ dicht machte, erwarb er das ganze Mobiliar und plant nun, im Erdgeschoss seiner neuen Firma das Café Fortschritt II für sich, seine Mitarbeiter und Kunden einzurichten.

Weil er sich unternehmerisch nicht verzetteln wollte, verkaufte er schließlich die Grundstücke rund um die Post bis auf seinen Firmensitz an einen Ulmer Bauträger.

Kämmerle liebt es, wenn etwas wächst und gedeiht so wie seine Visionen von einheitlichen Standards in Krebskliniken – weltweit. Heute ist Onko-Zert mit 20 festangestellten Mitarbeitern nahezu einzigartig in Deutschland.

Als einziges Institut hat die Firma von Andreas Kämmerle ein offizielles Mandat der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). Die wiederum ist die bundesweit größte onkologische Fachgesellschaft. Die DKG hat es sich zur Aufgabe gemacht, Krebserkrankungen vorzubeugen und deren Behandlung zu verbessern.

Onko-Zert erhält deren Vorgaben und schickt aus einem Pool von 200 dafür speziell ausgebildeten Fachärzten mit dem Schwerpunkt Onkologie jemanden zu den Krankenhäusern, die sich einer freiwilligen Zertifizierung unterziehen wollen. Das sind meist Chef- und Oberärzte aus anderen Kliniken, die mehrere Tage die Krankenhäuser auf Herz und Nieren prüfen. Sie arbeiten einen 60-seitigen Anforderungskatalog minutiös durch, in dem beispielsweise nachgefragt wird, ob die Operateure erfahren sind, es eine Tumorkonferenz gibt und wie die individuellen Behandlungskonzepte aussehen. Die Leitlinien der DKG vergleicht Kämmerle mit einem Kochbuch, wo „festgelegt ist, wie eine Krebstherapie gemäß den aktuellen Erkenntnissen zu erfolgen hat“. Die zertifizierten Einrichtungen werden jährlich überwacht: „Wir kommen pro Jahr auf etwa 1000 Audits“, sagt Kämmerle und weist darauf hin, dass die größte Zertifizierungsrate bei der Brustkrebsbehandlung liegt. So deckt sein Institut über 70 Prozent aller in Deutschland diagnostizierten Krebs-Neuerkrankungen ab. Bei Darm-, Prostata-, Lungen- und Hautkrebszentren liegt der Anteil zwischen 30 und 50 Prozent, wobei die Tendenz steigend sei. Kämmerle sieht seine Arbeit als Lebensaufgabe.

So arbeiten seine 20 Mitarbeiter an einem Aufbau einer Datenbank, mit deren Hilfe sich Kliniken untereinander vergleichen können, was bisher nicht möglich war. Zurzeit arbeitet die Firma auch an einer groß angelegten freiwilligen Befragung von Patienten, die an Prostatakrebs erkrankt sind.

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