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Unterallgäu

21.03.2015

Ein tragischer Moment

Mit einem tragischen Fall hatte es das Memminger Amtsgericht zu tun. Ein 19-jähriger Unterallgäuer musste sich verantworten, weil er einen Unfall verursacht hat, bei dem ein Motorradfahrer starb.

Ein 19-Jähriger hat einen Unfall verursacht, bei dem ein Motorradfahrer starb. Vor Gericht stand nun ein junger Mann, der mit seiner Schuld nicht fertig wird.

Der Angeklagte kauert im Flur des Amtsgerichts, sein durchdringendes Schluchzen ist schon im Treppenhaus zu hören. Er ist überwältigt von seinem Schmerz, mit den Nerven völlig am Ende. Neben ihm knien seine Eltern und sein Verteidiger und versuchen, den 19-jährigen Unterallgäuer zu beruhigen. „Wir sind bei dir“, sagen sie. „Das stehst du durch.“ „Nein“, schreit er, „nein“, und schluchzt schlotternd weiter. Er ist schuld am Tod eines Menschen und es ist ihm nur allzu bewusst. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung.

Im Mai 2014 fuhr er mittags mit seinem Opel von Mindelheim in Richtung Oberauerbach. In einer Rechtskurve geriet er auf regennassen Straße ins Schleudern, rutschte auf die Gegenfahrbahn und erfasste einen 52-jährigen Motorradfahrer. Obwohl sofort Ersthelfer zur Stelle waren, starb der Mann noch am Unfallort. Den damals 18-Jährigen musste die Feuerwehr aus dem Auto befreien. Erinnern kann er sich an all das nicht. Er sei von der Arbeit heimgefahren und dann im Krankenhaus wieder aufgewacht, sagt er vor Richter Markus Veit. Noch immer ringt der junge Mann um Fassung. Angespannt hört er den Zeugen zu. Der Frau, die vor dem 52-Jährigen fuhr, das Auto auf sich zuschleudern sah und sich in dem Moment dachte: „Jetzt bin ich dran.“ Tatsächlich verfehlte sie der Opel nur knapp. Im Rückspiegel sah sie, dass der Motorradfahrer hinter ihr nicht mehr ausweichen kann. Die Bilder lassen sie bis heute nicht los.

Eine weitere Zeugin war in Richtung Mindelheim unterwegs, als plötzlich Teile auf sie zuflogen. Vor Gericht kämpft sie mit den Tränen, als sie schildert, wie sie den Notruf abgesetzt hat, zu schockiert, um genauere Angaben zu machen. Weil sich Ersthelfer bereits um den Motorradfahrer kümmerten, sei sie zu dem 18-Jährigen gegangen, der in seinem Auto eingeklemmt war und unentwegt sagte: „Ich will auch helfen. Was ist passiert?“

Der Unfall-Gutachter kommt zu dem Ergebnis, dass der 18-Jährige mit 88 bis 101 Kilometern pro Stunde in die Kurve fuhr – auf der sehr nassen Fahrbahn zu schnell. Trotzdem wäre vielleicht nichts passiert, wenn die Reifen nicht schon zwölf Jahre alt gewesen wären. Das Profil der Reifen sei zwar noch in Ordnung gewesen, doch dass die auf der Hinterachse deutlich abgefahrener waren als die auf der Vorderachse, habe letztlich dazu beigetragen, dass der Angeklagte übersteuerte. Die Reifen hatte dieser kurz vor dem Unfall in einer Werkstatt montieren lassen. Dort hätte dem Fachmann laut Gutachter eigentlich auffallen müssen, dass sie nicht mehr sicher waren. Der Angeklagte habe es im normalen Fahrbetrieb nicht bemerken können.

Wovon ihn niemand freisprechen kann, ist die „nicht angepasste Geschwindigkeit“, die ihm auch die Staatsanwältin zum Vorwurf macht. Der Unfall wäre vermeidbar gewesen, sagt sie. Sein Verteidiger legt lediglich wert auf die Feststellung, dass sein Mandant kein Raser sei. „Er trägt unglaublich schwer an der Sache“, sagt er. Das berücksichtigt auch die Staatsanwältin. Sie plädiert dafür, den Angeklagten nach Jugendstrafrecht zu einem dreimonatigen Fahrverbot und 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit zu verurteilen.

Richter Veit folgt ihrem Vorschlag. Er spricht von einem „Moment der Unaufmerksamkeit“, der zu einer Katastrophe geführt habe, die das Gericht leider nicht aufarbeiten könne. „Du musst selber damit zurechtkommen“, sagt er zu dem jungen Mann, dem das ganz offensichtlich kaum gelingt. „Ich muss immer an die Familie des Motorradfahrers denken. Immer wenn ich einschlafe, denke ich an seine Frau, die ohne ihren Mann einschlafen muss. Aber ich kann’s nicht rückgängig machen“, sagt er.

Noch im Gerichtssaal gibt er seinen Führerschein ab. Er schlottert wieder. (baus)

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