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24.06.2009

Ein unordentliches Gefühl

Vöhringen Im Morgenmagazin des Fernsehens, abends in Vöhringen auf der Bühne! Wenn das nicht der Reputation der Vöhringer Lesungen förderlich ist, was denn dann? Und wenn an die 200 Besucher den Saal des Wolfgang-Eychmüller-Hauses füllen, dürfen die nicht immer unumstrittenen Lesungen einen dicken Pluspunkt für sich verbuchen. Richard David Precht, Autor und Publizist, kam, sprach und gewann mit ungewöhnlichen Weisheiten, kühnen Theorien und flotten Sprüchen das Publikum.

Die Vöhringer Lesungen haben seit Jahren ein festes Ritual. Bürgermeister Karl Janson begrüßt das Publikum, dann den Gast. Der nimmt dann vor gemalten Bücherwänden Platz und liest aus seinem neuesten Buch, macht Pause und liest weiter. Dieses Mal war's anders. Precht, Jahrgang 1964 und offenbar ein Cross-over-Philosoph ("Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?"), machte aus einer Lesung eine Vorlesung. Statt hinter dem Tisch nimmt er auf ihm Platz und doziert über eine Stunde über das unerschöpfliche Thema Liebe, das er in seinem 400 Seiten starken Band "Liebe - ein unordentliches Gefühl" analysiert und mit stets ausschweifender Handbewegung Gesagtes unterstreicht. Das macht er leicht und locker, wobei er fortwährend ein Bein leger baumeln lässt. Wer sich für Precht interessiert und auch für sein jüngstes Werk, findet sehr bald heraus, dass das, was so mühelos und eloquent über Prechts Lippen kommt, nichts anderes ist als eine Synopsis seines Buches. Klug gedacht. Würde er es nämlich vorlesen, hätte der Text längst nicht diese Wirkung auf die Zuhörer.

Selbstbewusst und ein bisschen respektlos, aber auch ein wenig augenzwinkernd, stellt er alles und jedes in Frage, was kluge Köpfe zum Thema Liebe zu Papier gebracht haben, um dieses dann ad absurdum zu führen. Precht gibt sich populär-wissenschaftlich und macht kenntnisreich einen Exkurs in die Vergangenheit. Am Anfang beleuchtet er kulturelle und biologische Zusammenhänge, interpretiert die Geschlechterrollen, wobei das männliche Geschlecht oft verbal gebeutelt wird. Es scheint so als ließe er die Zuhörer an seinen gerade entstandenen Gedankenflüssen teilhaben. Selbstzweifel plagen ihn nicht, er ist von sich und seiner Botschaft überzeugt. Aber so richtig deuten kann er das Phänomen Liebe auch nicht, allenfalls mutmaßen, warum eine Ehe 50 Jahre hält. Dass dies Geschenk und Gnade sein kann, auf den Gedanken kommt er nicht. Spannend ist Prechts Einschätzung über die Liebe. Da erweist sich, dass Precht außerordentlich gut beobachten kann und daraus seine Schlussfolgerungen zieht. Individualität, Freiheit - alles herrlich. Wenn sich zwei verliebt zusammentun und dann noch eine eheliche Verbindung eingehen, sind die Erwartungen hochgeschraubt. Man will Liebe und meint damit Geborgenheit, Sex, aber auch ein sicheres Auskommen. Überforderung ist die Folge. Romantische Liebe? Eine Illusion! Sie ist eine Erfindung der Unterhaltungsindustrie. Früher wurden Zweckehen geschlossen, weil es eben so passte, wenngleich es auch nicht passte. Anita Steuer machte als Chansonette eine gute Figur und zeigte ganz neue Facetten ihrer Sangeskunst, begleitet von Siegfried Arnold am Flügel. Gabi und Gert Schulze ließen zum Schluss Steinpilz- und Krebssüppchen servieren und zur Erfrischung nach so viel Theorie über Liebe ein Gläschen prickelnden Prosecco. Autor Precht hatte lange nach Schluss im wahrsten Sinne alle Hände voll zu tun, um die vielen Signierwünsche zu erfüllen. Der Büchertisch der Buchhandlung Kelichhaus war rasch leer geräumt.

Info: Richard David Prechts neues Buch "Liebe - ein unordentliches Gefühl" ist im Goldmann-Verlag erschienen.

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