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Winterrieden

15.06.2017

Eine Fundgrube für Porzellanfans

Ein Raum voller Porzellan: Bei den Pfeiffers in Winterrieden füllen die gesammelten Gegenstände ganze Zimmer.
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Ein Raum voller Porzellan: Bei den Pfeiffers in Winterrieden füllen die gesammelten Gegenstände ganze Zimmer.

Renate Pfeiffer und ihr Ehemann Ernst teilen eine Leidenschaft: Sie sammeln gerne. Im Laufe der Jahre haben sie nicht nur mehr als 400 Kaffeekannen zusammengetragen.

Mit einer schwarz-weißen Kaffeekanne hat alles begonnen. Sie war eines der ersten Sammelstücke von Renate Pfeiffer aus Winterrieden. Inzwischen ist ihr gesamtes Haus zum Hort ihrer Schätze geworden. Tässchen und kleine Teller stapeln sich in Regalen an den Wänden, Kannen und Gläser in verschiedensten Farben und Formen stehen über den Boden verteilt in einem Zimmer. Jedes Teil ist ein klein wenig anders, ein paar Stücke haben Macken, andere einen Sprung. Aber das macht der Porzellan-Frau nichts aus. Denn sie sammelt aus Leidenschaft – ihr geht es nicht um den materiellen Wert.

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Und damit ist sie nicht allein in der Familie. Ihre Leidenschaft teilt sie mit Ehemann Ernst, der beispielsweise Holzfiguren aber auch Geschirr zusammenträgt. Auch er sagt: „Wir sammeln beide wegen des persönlichen Eindrucks. Die Dinge müssen eine Geschichte haben.“ Das Ehepaar hat bisher immer darauf verzichtet, nachzuforschen, wie viel ihre Sammelstücke wert sind. Und würden die beiden es doch mal wagen, bräuchten sie viel Zeit. Denn Renate Pfeiffer hat allein mehr als 400 Kaffeekannen. „Wir sind moderne Messis“, sagt Ernst Pfeiffer mit einem Schmunzeln und muss selbst dabei lachen, als er durch den gut gefüllten Raum mit all den Kleinigkeiten blickt.

Die Pfeiffers haben noch eine Gemeinsamkeit: Renate Pfeiffer ist Gärtnerin und leitet seit mehr als 24 Jahren den Wertstoffhof in Babenhausen. Ihr Mann Ernst war ebenfalls viele Jahre im Entsorgungsbereich tätig. In dieser Branche hat auch das gemeinsame Hobby seinen Anfang genommen: Auf dem Wertstoffhof in Babenhausen. Die 61-jährige Pfeiffer stellte eines Tages alte Regale in einer Ecke der Halle auf und präsentierte dort Dinge, die abgegeben wurden aber wiederverwertbar sind – zum Beispiel die Böden aus Mikrowellen, die sich beim Erhitzen des Inneren drehen. Die Idee war ein Selbstläufer, viele Menschen kamen und brachten alte Bücher, Kinderspielsachen, Bilder, Bierkrüge oder gut erhaltenes Porzellan. Eben jene Dinge, die wiederverwendbar sind und zu schade, um sie in den Müll zu werfen. Und andere Menschen kamen, um genau nach jenen Dingen zu suchen. Das war die Geburtstunde der sogenannten Kruschtelecke auf dem Wertstoffhof.

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„Die Leute stellen meist eine Schachtel hin und wir sortieren die Dinge dann, bevor etwas kaputt geht“, erklärt Pfeiffer. „Wir stellen die Sachen dekorativ hin, dann schauen die Menschen eher darauf. Unsere Kruschtelecke ist wie ein kleiner Laden“, erklärt die 61-Jährige. Es gebe sogar Stammkunden, die ganz gezielt zu dieser Ecke laufen. „Die Leute müssen dafür natürlich nichts zahlen“, sagt Pfeiffer. Die Mitarbeiter des Wertstoffhofs dürften sowieso kein Geld einkassieren, betont die Chefin der Anlage. „Wir dürfen maximal fünf Euro annehmen und die wandern in eine Gemeinschaftskasse.“ Alles darf aber nicht in den Regalen abgegeben werden. „Wie nehmen nur Sachen an, die wir wieder entsorgen können“, sagt die gebürtige Babenhauserin.

Anfang der 90er-Jahre wurde auf dem Wertstoffhof eine schwarz-weiße Porzellankanne abgeben. „Sie war bedeckt von einem Sand-Kies-Gemisch“, erinnert sich Pfeiffer. Die Wertstoffhof-Leiterin entdeckte die Kanne sofort und reinigte sie zuhause. „Grundsätzlich ist das natürlich nicht erlaubt, etwas vom Wertstoffhof mitzunehmen“, wirft Ernst Pfeiffer ein. Die Kruschtelecke sei da eine Ausnahme. „Dafür wurde sie ja eingerichtet“, erklärt der 63-Jährige. Und seine Frau ergänzt: „Mir geht es um den Umweltgedanken. Man sollte theoretisch Müll vermeiden. Das ist aber kaum möglich, bei den ganzen eingeschweißten Sachen heutzutage. Ich möchte, dass das in die richtigen Bahnen kommt und man die Gegenstände wieder verwerten kann.“ Pfeiffer sei die Aufklärung über Mülltrennung sehr wichtig, denn es gebe eine ganze Palette an Recyclingmaterial. Lackiertes Holz sollte beispielsweise nicht als reiner Holzmüll entsorgt werden. Müll ist nicht gleich Müll.

Um diesen Umweltgedanken Folge zu leisten, hatte Pfeiffer vor mehr als zwanzig Jahren die Idee zu der Ecke mit den Regalen. Übrigens ist das kein Einzelfall im Landkreis Unterallgäu. Edgar Putz, Leiter der kommunalen Abfallwirtschaft am Landratsamt, erklärt: „Es gibt Kruschtelecken in Heimertingen, Mindelheim, Türkheim, Bad Grönenbach/Wolfertschwenden und Ottobeuren.“ Putz ist begeistert von diesen Einrichtungen: „Da hat der ein oder andere Artikel noch die Chance auf ein zweites Leben.“

So wie die Kaffeekanne, die Renate Pfeiffer gefunden hatte. Wer sie damals abgegeben hat, weiß sie nicht mehr, schließlich geben die Menschen auf dem Wertstoffhof ihre Dinge für gewöhnlich anonym ab. Nur die Mitarbeiter, die sich für einen Gegenstand interessieren, der dort angeliefert wird und nicht im Müll landen soll, müssen sich in eine Liste eintragen. Schließlich sollen sie keine Geschäfte mit den vermeintlichen Wegwerf-Produkten machen. Pfeiffer fragt außerdem bei den Personen – die etwas abgeben – nach, ob sie den Gegenstand mitnehmen darf. Die Kaffeekanne war eines von Pfeiffers ersten Sammelstücken, von denen natürlich längst nicht alle nur vom Wertstoffhof stammen. Auf dem „Kunst und Krempel“ Markt in Illertissen hat die 61-Jährige dasselbe schwarz-weiße Gefäß wiederentdeckt – und per Zufall dessen Wert erfahren: damals 800 Deutsche Mark. „Das ist aber der einzige Gegenstand von meinen Stücken, von dem ich auch den Wert weiß.“ Pfeiffer häuft die Dinge nicht des Geldes wegen an. Sie hat zum Beispiel auch kaputte Kannen oder einen Gnom im Garten, der ohne Flügel abgegeben wurde.

Was mit den Gegenständen passiert, wenn die Pfeiffers nicht mehr leben, ist ihnen egal. Viel wird jedenfalls nicht mehr dazukommen – aus Platzgründen. Für das Abstauben der vielen Tässchen hat Renate Pfeiffer demnächst vielleicht sogar etwas mehr Zeit – nach fast 25 Jahren beendet sie ihre Arbeit in der Marktgemeinde. Ihr Nachfolger wird Armin Schröter.

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