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Illertissen

02.11.2017

Er hat die Illertisser Hirsche zum Knutschen gern

Der Knutsch-Trick: Jakob Haas hat dem Platzhirsch beigebracht, ihm einen Apfel aus dem Mund zu nehmen. Das habe einige Zeit gedauert, erzählt er.
Bild: Franziska Wolfinger

Jakob Haas kümmert sich seit sechs Jahren um das Wildgehege am Illertisser Vöhlinschloss. Wie seine Leidenschaft für die Tiere begann.

Jakob Haas hievt einen Sack voll leuchtend gelber Maiskolben aus dem Kofferraum seines kleine Geländewagens und verstreut sie im Wildgehege unterhalb des Illertisser Vöhlinschlosses. Mit dem Futter will der 67-Jährige die Damhirschherde anlocken. Doch an diesem etwas verregneten Herbstnachmittag lassen sich die Tiere auch damit nicht aus der Deckung locken. Sie bleiben bei den Bäumen, unter deren Blätterdach sie Schutz vor der Nässe gefunden haben.

„So scheu sind sie nicht immer“, sagt Haas, der sich seit inzwischen sechs Jahren um die Tiere kümmert. Dem Rentner fressen sie zum Teil auch aus der Hand. Der Platzhirsch, das ranghöchste Männchen der Herde, kommt manchmal besonders nahe. Bis er ihm den Knutsch-Trick beigebracht hatte, bei dem der Hirsch ihm einen Apfel aus dem Mund nimmt, dauerte es aber einige Zeit, erzählt Haas. Derzeit leben 19 Tiere in dem Wildgehege in Illertissen: neun Hirschkühe, acht Kitze, der Platzhirsch und ein Spießer, wie junge ausgewachsene Damhirsche in der Jägersprache genannt werden.

Für Haas, aufgewachsen im Ural, sind Wildtiere eine Leidenschaft. Schon als Vierjähriger nahm ihn sein Großvater in Russland mit auf die Jagd, wo der Bub Tiere in freier Wildbahn beobachten konnte. Auch solche, die heutzutage nur noch selten in europäischen Wäldern vorkommen. So erinnert er sich noch an die Birk- und Auerhähne, die es dort gegeben hatte. Auch Steinböcke habe er gesehen. Als Haas neun Jahre alt war, zog die Familie in das Gebiet des heutigen Kirgistan. Seit 1992 leben er und seine Frau in Deutschland, zunächst für kurze Zeit in Dietenheim, dann in Illertissen. Seine Faszination für die Natur und ihre Tiere hat nie nachgelassen. 2000 hat Haas den deutschen Jagdschein gemacht und betreut als Jagdpächter das Revier um Altenstadt, Illereichen und Filzingen.

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Die Hirschherde am Vöhlinschloss gehört seit fast 40 Jahren zum Stadtbild. Angeschafft hat sie die Familie Wohlkezetter, der das Hotel am Schloss gegenüber des Geheges gehört. Hermann Wohlkezetter erzählt, dass das Gelände früher landwirtschaftlich genutzt worden sei, später hätten Schafe dort geweidet. „Wir wollten eine ordentliche Atmosphäre um das Hotel herum“, sagt Wohlkezetter. Deshalb hat er die Fläche von rund 12000 Quadratmetern vom Freistaat Bayern gepachtet. Bei den Gästen kamen die Hirsche sofort gut an. Wohlkezetter selbst könne sich aus Altersgründen nicht mehr selbst um die Tiere kümmern und hat das Wildgehege dann an Haas weiterverpachtet.

Haas kommt jeden Tag mindestens einmal dort vorbei, um nachzusehen, ob alle Hirsche gesund sind, genug zu fressen haben und ob der Zaun intakt ist. „Manchmal bin ich auch zwei- oder dreimal am Tag dort“, sagt er. Oft trifft er Spaziergänger oder Kinder, die fasziniert die Tiere beobachten. Manche kennt er inzwischen gut. „Die rufen dann auch bei mir an, wenn mit den Tieren etwas nicht stimmt.“ Einige Besucher bringen auch Futter mit, etwa Brot, Kastanien oder Eicheln. Angst, dass die Hirsche etwas falsches fressen, hat Haas nicht. Das seien kluge Tiere: „Sie essen nur, was sie vertragen.“ Alles andere, Orangenschalen oder Paprika etwa, das gelegentlich im Gehege landet, müsse er aber wieder einsammeln und entsorgen.

Angewiesen sind die Tiere auf das Zubrot von anderen ohnehin nicht. Im Sommer wächst an dem Hang unterhalb der Schlossmauer ausreichend Gras. Im Frühjahr bringt Haas täglich noch einen Sack frisch gerupften Löwenzahn als Leckerbissen für die Hirsche, in der kalten Jahreszeit bekommen sie Heu, Zuckerrüben, Mais und Hafer. Mit Salzlecksteinen ist der Mineralbedarf gedeckt.

Die Freude an der Arbeit mit den wilden Tieren hat Haas an die nächsten Generationen weitergegeben. Hat er einmal keine Zeit, sich um die Hirsche zu kümmern, vertreten ihn sein Sohn oder die 19-jährige Enkelin. „Und denen macht das auch wirklich Spaß“, sagt Haas.

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