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Illertissen

12.07.2018

Er weiß, wo der Schuh drückt

Josef Roitzheim an der Maschine beim Nachbessern einer defekten Naht. Aus Gefälligkeit repariert er noch den einen oder anderen Schuh.
Bild: Regina Langhans

Josef Roitzheim ist 90 Jahre alt. Als Seniorchef steht er nach wie vor jeden Tag in seinem Geschäft.

Josef Roitzheim, inzwischen Seniorchef, ist über die Jahrzehnte zum Gesicht seines gleichnamigen Schuhgeschäfts an der Hauptstraße in Illertissen geworden. Nun hat der rüstige Senior seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Zwar ist sein Laden die Hauptstraße rauf und runter und zuletzt ins Rau-Gebäude gezogen und von der Tochter übernommen worden – doch das hat nichts daran geändert, dass die Kunden von Josef Roitzheim im unverwechselbaren Kölner Dialekt begrüßt und nach ihren Wünschen gefragt werden. Häufig weiß der ausgebildete Schuhmachermeister auch gleich, wo der Schuh drückt, was passen könnte oder wie Abhilfe zu schaffen ist.

Die zahlreichen Geburtstagsgrüße – insbesondere von alten Illertisser Freunden – nahm Roitzheim voll Freude und selbstverständlich „am Arbeitsplatz“ entgegen. Das heißt, vorne im Laden oder hinten an der großen Nähmaschine, wo er immer noch den einen oder anderen Schuh fachmännisch flickt.

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Ob es die Reparatur abzuwarten gilt oder das richtige Schuhwerk zu finden ist, Roitzheim ist nie um ein humorvolles Bonmot, womöglich im schnoddrigen „Kölsch Platt“ verlegen. Wenn er es dann im Kölner Hochdeutsch – wie er es nennt – wiederholt, klingen die Sprüche nicht weniger originell, aber doch verständlich.

Josef Roitzheim kam am 9. Juli 1928 in Rheinbach in Nordrhein-Westfahlen als zweitältester Sohn eines Schuhmachermeisters zur Welt. Der Vater führte eine stattliche Werkstatt. Roitzheim aber absolvierte in einer großen Firma eine kaufmännische Ausbildung, die ihm sehr gefiel. Als der Bruder im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam, hieß es für den jungen Kaufmann, umzusatteln und den Betrieb zu übernehmen. Vor der Meisterprüfung arbeitete er in Ulm, wobei ihm sein kaufmännisches Wissen zugute kam. Er lernte auch seine spätere Frau aus Fellheim kennen, was letztlich dazu führte, dass sich die beiden in Illertissen niederließen.

Denn bei dem jungen Schuhmachermeister hatte sich eine Chrom-allergie eingestellt, welche von den bei der Ledergerbung verwendeten Chemikalien herrührte. Damit konnte er die väterliche Werkstatt nicht fortführen. Doch auch der Start seines Schuhgeschäftes in Illertissen im Jahr 1955 verlief angesichts drei eingesessener Zunftkollegen nicht einfach, wie der Senior erzählt. Wegen seines Kölner Dialekts, den er selbstbewusst bis heute pflegt, war er sofort als Zugezogener zu erkennen.

Als ihm dies einmal naseweis vorgehalten wurde, habe er erwidert: „Und Sie sind noch nie weiter als bis Ulm oder Kempten gekommen.“ Längst hat ihn seine Sprache zum liebenswerten Original gemacht, dem auf der Hauptstraße jeder gerne begegnet und auf seine launigen Sprüche antworten mag.

War etwa die Reparatur eines Schuhs doch nicht spurlos zu bewerkstelligen, so sagt Roitzheim dann vielleicht: „Ein Blinder wäre froh, wenn er es sehen könnte.“ Und wenn der Senior mit „Grüß Gott“ angesprochen wird, kommt womöglich als Antwort zurück: „Ja, wenn ich ihn mal sehe.“ In seiner rheinländischen Heimat heiße es nämlich „Guten Tag“.

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