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Landkreis

12.10.2017

Feuerwehren blicken in ungewisse Zukunft

Insbesondere an Träger von Atemschutzgeräten stellt der Feuerwehrdienst inzwischen große Anforderungen. Unser Foto zeigt Löschkräfte bei einer Schauübung im vergangenen Jahr in Holzheim

Fehlender Nachwuchs, stark gestiegene Anforderungen: Die Sorgenfalten bei den Kommandanten der freiwilligen Wehren im Landkreis werden tiefer. Bei der Suche nach Lösungen sind sich Verantwortliche nicht immer einig.

Ob bei Dienstversammlungen oder beim Feierabend-Bier nach dem Übungsabend: Nachwuchsprobleme sind schon seit Längerem ein zentrales Gesprächsthema bei den Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis. Mit den derzeit landauf landab diskutierten Bedarfsplänen haben sie die eigenen Beobachtungen auch schwarz auf weiß. Über die Ursachen sind sich die Verantwortlichen allerdings nur bedingt einig.

Existenzbedrohend ist der Trend bei den Wehren im Gebiet zwischen Iller, Roth und Günz zwar noch nicht, aber die Sorgenfalten bei den Kommandanten werden tiefer – auch bei großen und überörtlich wichtigen Löschzügen wie Senden oder Weißenhorn mit jeweils 70 bis 90 Mitgliedern. „Im Moment geht’s noch, aber wir müssen etwas tun“, sagt der Sendener Feuerwehr-Chef Peter Walter. Sein Weißenhorner Kollege Willi Schneider formuliert es ähnlich: „Derzeit funktioniert die Tagesbereitschaft noch, doch es wird von Jahr zu Jahr schwieriger.“

Damit spricht Schneider ein Thema an, das sich wie ein roter Faden durch die aktuell auf Geheiß des bayerischen Innenministeriums entwickelten Feuerwehrbedarfspläne zieht: Die Einsatzstärke an normalen Wochentagen zu den üblichen Arbeitszeiten schwindet. Dann also, wenn die meisten Mitglieder auswärts ihrem Beruf, einer Ausbildung oder einem Studium nachgehen. Da wird es eng, gerade bei kleineren oder mittelgroßen Wehren.

„Ja, da haben wir Probleme wie alle“, bestätigt Pfaffenhofens Kommandant Torsten Schmucker, der im günstigsten Fall auf fast 60 Aktive zurückgreifen kann. Mithin deutlich mehr als etwa Holzheim (35), Roggenburg (38), Biberach (41) oder Schießen (42) und ganz zu schweigen von den kleinen Einheiten wie Roth oder Neuhausen, die mit knapp mehr als zwei Dutzend Freiwilligen unverdrossen ihre Existenz behaupten. Auch den kleinen Wehren bescheinigt Kreisbrandrat Bernhard Schmidt eine wichtige Funktion: „Ihre guten Ortskenntnisse sind unverzichtbar, zudem bilden sie eine gewisse Personalreserve gerade bei größeren Unglücksfällen oder gar Katastrophen“, weiß der ranghöchste Feuerwehrmann im Landkreis. Nicht ohne Stolz verweist der Neuhauser Kommandant Michael Kling in diesem Zusammenhang auf den Einsatz seiner Aktiven beim Pfingsthochwasser 1999 in Neu-Ulm.

Der Bedarfsplan freilich signalisiert auch für Klings Ortsteil-Truppe Grund zum Handeln, unter anderem den Aufbau einer gemeinsamen Einsatzgruppe mit Holzheim. Für deren Chef Albert Sailer ist das eine gute Idee: „Wir arbeiten ohnehin eng und gut zusammen, gemeinsam kommen wir personell dann auch tagsüber hin.“

Wobei in Holzheim bereits ein Modell praktiziert wird, das inzwischen vielerorts Schule macht, unter anderem in Weißenhorn und Senden: Tagsüber verfügbares Personal für die Feuerwehr wird dankbar von den kommunalen Bauhöfen oder Verwaltungen rekrutiert. Was im Ernstfall heißt: Vom Klärwerk oder vom Schreibtisch im Rathaus geht es ab an die Geräte.

Auf Dauer werden solche Lösungen den Mitgliederschwund indes nicht ausgleichen. Die Ursachen liegen auch für den Kreisbrandrat auf der Hand, zumal sie auf viele ehrenamtliche Bereiche durchschlagen: „Die moderne Arbeitswelt, hohe Anforderungen in Studium oder Ausbildung, die demografische Entwicklung und der gesellschaftliche Umbau – an diesen Faktoren kommen auch die Feuerwehren nicht vorbei“, sagt der promovierte Naturwissenschaftler Schmidt.

Zudem gilt: Der Einsatz selbst rüstiger Senioren kommt aus naheliegenden Gründen nicht infrage, der Gesetzgeber schließt ihn ohnehin nach dem 65. Lebensjahr völlig aus. „Die Anforderungen an unser Personal sind sehr stark gestiegen, sowohl die physischen als auch aufgrund komplizierterer Geräte die geistigen“, stellt Schmidt fest.

Ganz besonders gelte dies, sagen die Kommandanten unisono, für die Atemschutzgeräteträger. „Die Elite der Feuerwehr“ nennt sie der Pfaffenhofer Torsten Schmucker. Er bescheinigt ihnen „den anspruchvollsten Job im Ehrenamt“. Regelmäßige arbeitsmedizinische Untersuchungen, ab 50 sogar jährlich, seien insofern durchaus berechtigt.

Zugleich ist die Funktion der Träger von Atemschutzgeräten unverzichtbar. Rettungsaktionen aus verqualmten Wohnungen, Treppenhäusern oder Hallen wären ohne Gefahr für das eigene Leben andernfalls nicht möglich. Dem trägt Kreisbrandrat Bernhard Schmidt zufolge auch der Landkreis Rechnung. Dieser plane als Ersatz für die bisher genutzte, nicht mehr den aktuellen Ansprüchen genügende Trainingsstrecke, eine vollkommen neue Übungsanlage in Illertissen.

Schmidt rechtfertigt überdies die seit wenigen Jahren landesweit praktizierte „Modulare Truppausbildung“, kurz MTA, als Einstiegsbasis in den Feuerwehrdienst. Drei zuvor übliche, abgestufte Kurse werden dabei in einem dreiwöchigen Lehrgang vereint, meist absolvieren die Teilnehmer das abends oder an Wochenenden. „Für den einen oder anderen ist das schon ein Problem“, räumt Weißenhorns Feuerwehrchef und Kreisbrandinspektor Schneider ein. Er kann sich, wie Schmidt, bei Bedarf auch eine flexible Handhabung vorstellen.

Eben dies fordert der Roggenburger Bürgermeister Mathias Stölzle, seit 37 Jahren aktiver Feuerwehrmann, davon 16 als Kommandant in Pfaffenhofen. „Die MTA schadet uns derzeit mehr als sie hilft. Hier müssen die Verantwortlichen umdenken“, sagt der 53-Jährige. Die Bedarfspläne indes machten schon Sinn: „Sie zeigen schonungslos auf, wie es aussieht bei der Einsatzbereitschaft.“ Nicht nur das: Formuliert sind auch Empfehlungen zur Abhilfe, allerdings keine bindenden.

Und nicht immer gehen diese konform mit den Vorstellungen der Wehren. Im Fall von Roth und Berg zum Beispiel. Die beiden Wehren würden Kommandant Andreas Schweiggert zufolge fusionieren, nicht aber zugleich mit Pfaffenhofen, wie es der Plan empfiehlt. Bürgermeister Josef Walz zeigt sich dabei flexibel: „Wir müssen natürlich einen Weg finden, dass es auch künftig funktioniert. Aber wir wollen das mit den Wehren machen und nicht über ihre Köpfe hinweg.“

Grundsätzlich sehen die Verantwortlichen die Schlussfolgerungen indes positiv. Und was den Personalschwund betrifft, sind sie auch auf einer Linie mit dem Kreisbrandrat. „Wir müssen künftig bisher kaum erschlossene Potenziale ausschöpfen“, sagt Bernhard Schmidt und nennt dabei Interessierte mit Migrationshintergrund oder Frauen. Letztere sind nämlich nach wie vor unterrepräsentiert. Nur Biberach verfügt seit Jahrzehnten über eine eigene Frauengruppe, ansonsten arbeitet das weibliche Personal Seite an Seite mit den männlichen Kollegen. Eine Ausnahme ist Roth. „Unsere Sanitäranlagen wollen wir Frauen nicht zumuten“, begründet das der Kommandant.

Insgesamt lösbar ist das Mitgliederproblem für Kreisbrandrat Schmidt nur mit einer Aufwertung des Ehrenamts: „Hier ist die Politik gefordert und muss stärkere Anreize setzen.“ Durch Freibeträge oder steuerliche Vergünstigungen etwa, womöglich sogar durch Rentenpunkte. Schmidt: „Hier geht es um die öffentliche Sicherheit. Deshalb muss dieser Dienst höher bewertet werden als ehrenamtliche Engagements in Jugendgruppen oder Sportvereinen.“

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