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Partnerschaft

17.06.2014

Für Freunde ist kein Weg zu weit

Für Freunde ist kein Weg zu weit
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Eine Woche lang verbreitet die Illertisser Delegation in Carnac schwäbisch-bayerisches Lebensgefühl, genießt die bretonische Gastfreundschaft und erfährt, warum es von Vorteil ist, beim Radeln Tracht zu tragen

Rudi Böhm spricht kein Französisch. Damit ist er beileibe nicht der Einzige in der 164 Köpfe starken Delegation von Illertissern auf Jubiläumsbesuch in der Partnerstadt Carnac. Aber das hat dem altgedienten Musiker der Stadtkapelle noch nie gestört – und seine französischen Freunde auch nicht. Die freuen sich, wenn ihr Gegenüber wenigstens ein paar Brocken in ihrer Sprache von sich gibt. „Man muss halt den Mut haben, sich zu blamieren“, sagt deshalb Rudi Böhm. „Und wenn man dann was Falsches sagt, dann haben wenigstens alle was zu lachen.“

Zum Lachen hatten die Illertisser mindestens ebenso viel Gelegenheit wie ihre bretonischen Gastgeber. Der Besuch der Schwaben zum 40-jährigen Bestehen der Partnerschaft war von ausgesprochener Herzlichkeit geprägt. Die wischte jedes Sprachproblem beiseite. Eine Woche lang waren die Besucher sehr präsent im Stadtbild von Carnac. Die Geschäfte hatten sich mit Rautenfähnchen geschmückt. Die waren rechtzeitig vorausgeschickt worden, was sich hier einfacher liest, als es in Wirklichkeit war. Wie Helga Sonntag, Präsidentin des Partnerschaftskomitees Illertissen-Carnac, feststellen musste, bereitet es einige Probleme, außerhalb der Oktoberfestsaison weiß-blauen Zierrat in ausreichender Menge aufzutreiben.

Der war dann auch nötig für den traditionellen schwäbisch-bayerischen Bierabend, der wieder mehr als 500 Menschen anzog – immerhin rund 15 Prozent aller Einwohner von Carnac. Dabei konnten sich die beiden Bürgermeister Olivier Lepick und Jürgen Eisen, jeweils erst kurz im Amt, in der hohen Kunst des Anzapfens beweisen. Mit dem Prinzip „Jeder zweite Schlag ein Treffer“ trieben sie den Stimmungspegel locker nach oben.

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Reichlich Eindruck machten die Mitglieder der Delegation bei den diversen Auftritten von Stadtkapelle und Volkstanzgruppe Jedesheim. Mit klingendem Spiel und wirbelnde Trachten waren sie der Hingucker schlechthin. Und als sie in die beiden Schulen St. Michel und Collège de Corrigans vorbeischauten, endete der Besuch selbstverständlich in einer Polonaise. Aber auch, wenn Musiker und Tänzer in Dirndl und Häs durch den Ort radelten, sorgten sie für Aufsehen. Jedes Mal, wenn sie vorbeikamen, winkten Menschen am Straßenrand freundlich. „In Tracht hast du in jedem Kreisverkehr Vorfahrt“, freute sich etwa Dirigent Franco Hänle, der zum ersten Mal nach Carnac gereist war.

Die bretonische Gastfreundschaft genossen Emmanuela Rössler, Angelika Hörmann und Hedwig Gaile ebenfalls zum ersten Mal. Sie waren als Vertreterinnen des Kunstzirkels mitgereist und gestalteten eine Ausstellung im Rathaus mit ihren Bildern: „Das ist schon sehr aufregend, sich hier zu präsentieren“, fand etwa Emmanuela Rössler, „es ist faszinierend, wie freundlich hier alle sind. Die Stadt hat sich sehr viel Mühe gegeben.“ So viel, dass Hedwig Gaile sogar von einem „königlichen Empfang“ sprach, den ihnen die Gastgeber bei der Vernissage bereitet hatten. So etwas wie diese Partnerschaft „darf man nicht einschlafen lassen“.

Das meint auch Bürgermeister Lepick. Er stammt zwar nicht aus Carnac, sondern kommt aus dem Nachbarort Auray. Der ist mit dem oberbayerischen Utting am Ammersee verbandelt – und Lepick hatte vor allem in seiner Jugend viele Jahre regen Anteil an dieser Grenzen überwindenden Verbindung. Deshalb spricht er hervorragend Deutsch. „Ich bin ein Kind des Partnerschaftsprozesses“, sagt er. Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach zwei verheerenden Kriegen ist in seinen Augen etwas Wunderbares und könnte ein Beispiel geben „für die ganze Welt“. Warum solle so etwas nicht auch eines Tages zwischen Israelis und Palästinensern möglich sein?

Die bereits vier Jahrzehnte währende Freundschaft zwischen Illertissen und Carnac gelte es daher weiterhin zu bewahren. Für seine Bürgerinnen und Bürger, denen er bereits zehn Jahre lang als Stadtrat gedient hat, sei diese Verbindung ausgesprochen wichtig. „Schon seit Monaten haben die Menschen auf diese bayerische Woche hingefiebert. Das ist einer der wichtigsten Momente im Jahr.“ Die weite Reise von einem zum anderen Ort sei eigentlich kein Problem: „Wenn sich die Menschen treffen, dann sind die Kilometer nicht mehr so wichtig.“

Wie weit es tatsächlich in die jeweilige Partnerstadt ist, weist nun ein neues Schild aus, das vor dem Carnacer Rathaus steht: 1206 Kilometer. Lepick und sein Illertisser Amtskollege Eisen enthüllten es feierlich. Bei dieser Gelegenheit erinnerte auch Eisen daran, wie sehr Städtepartnerschaften zur Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland beitragen: „Sie wirken an der Basis, sie bringen die Menschen zusammen. Sie machen neugierig auf andere Denk- und Lebensweisen, sie begeistern für ein Europa der offenen Grenzen.“

Und manchmal stoßen sie auch etwas an. Illertissen schenkt nun der Stadt Carnac für vier Jahre die Mitgliedschaft im Klimabündnis der europäischen Städte. Es hat zum Ziel, den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid zu reduzieren. Illertissen ist bereits seit 1993 dabei – „mehr oder weniger“, wie Helga Sonntag findet. Die ÖDP-Politikerin hatte bereits 2007 vergeblich versucht, die Partnerstadt dafür zu begeistern. Mit dem neuen Mann im Rathaus hat es nun geklappt. Als symbolisches Gastgeschenk bekam er dafür eine hölzerne Plastik der Künstlerin EBBA Kaynak überreicht – ein aus Kirschbaumholz geschnittenes Samenkorn namens „AN-NA de Carnac“. Das soll einerseits an die Illertisserin Anni Kriener erinnern, die vor vier Jahrzehnten die Partnerschaft angebahnt hat, andererseits soll es ein Symbol für neue Wege beim Klimaschutz sein.

Neu war auch, dass diesmal Illertissens Spitzenkoch Jürgen Willer dabei war, der zusammen mit zwei französischen Kollegen das Menü für den Festabend schuf. Dafür brachte er beinahe eine komplette Küche mit. Wie er sich mit ihnen verständigt hat? Mit Händen, Füßen, etwas Englisch und „Küchenfranzösisch“ Es hat funktioniert, das Ergebnis zerging auf der Zunge. Völkerverständigung braucht oft nicht viele Worte. "Seite 33

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